Vergilben erlaubt: Stippvisite im Gemeinde-Archiv Bühlertal

Bühlertal (fvo) – Die 50 Phasen vornehmen Vergilbens: Das ist das Stichwort im Gemeinde-Archiv in der Schofer-Schule Bühlertal. Dort ist Feuchtigkeit weiter das Hauptproblem. Eine Stippvisite.

Mariella Papa, die neue Mitarbeiterin des Archivverbunds, ist auch für den Aktenbestand in Bühlertal zuständig.  Foto: Franz Vollmer

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Mariella Papa, die neue Mitarbeiterin des Archivverbunds, ist auch für den Aktenbestand in Bühlertal zuständig. Foto: Franz Vollmer

Dass sie mal im „Aseptikum“ eines OP-Bereichs landen würde, hätten sich Akten-Nummer 88/1923 wohl auch nicht träumen lassen. Wobei: Das ehemalige Hilfskrankenhaus in der Josef-Schofer-Schule hat seine besten Jahre auch hinter sich. So gesehen fällt es nicht sehr ins Gewicht, dass auch dieser Stapel an Archivunterlagen nicht sonderlich ansehnlich ist. 50 shades of braun könnte man sagen – nur nicht ganz so sinnlich. Für den Archivverbund ist die frühere Bunkeranlage dennoch ein Gewinn.

Denn auch wenn die Räume hinter der vorsintflutlich schweren Stahltür das Tageslicht zuletzt wohl beim Bau des Gebäudes April 1963 gesehen haben: Für Mariella Papa, der neuen Mitarbeiterin beim Archivverbund Südlicher Landkreis, zählt erstmal das Platzangebot, und das ist im Vergleich zu anderen Gemeinden luxuriös. „So viel Platz ist schon selten“, sagt sie. Ulla Meier, stellvertretende Hauptamtsleiterin („Da können wir uns glücklich schätzen“), haut in dieselbe Kerbe.

Mit den verstaubten, vergilbten bis leicht versifften Papierstapeln hat Papa jedenfalls „kein Problem“, die Neugier und Finderfreude dominieren klar über dem Ekelfaktor. Natürlich fiel ihr auch schon mal Mäusekot entgegen, sogar die Vierbeiner selbst hat sie schon rennen gesehen an anderer Stelle – mit Ungeziefer kann der „Bunker“ aber nicht dienen. „Hier gibt es nichts zu essen“, flachst Meier mit Blick auf den soliden Estrich.

Braun, brauner, am braunsten: So manche Akten im Bühlertäler Archiv sind in wenig ansehnlichem Zustand. Foto: Franz Vollmer

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Braun, brauner, am braunsten: So manche Akten im Bühlertäler Archiv sind in wenig ansehnlichem Zustand. Foto: Franz Vollmer

Allergien sollte man dennoch nicht unbedingt haben in diesem Job. Auch der Handcreme-Verbrauch ist nicht unerheblich. „Man muss sich schon oft die Hände waschen“, erzählt Papa. Auch Mundschutz oder Handschuhe sind kein Tabu. Im Übrigen findet der größte Teil ihrer Arbeitszeit ohnehin im weit freundlicheren ehemaligen Werk- und Elektroraum im Foyer der Realschule statt, rund 30 Quadratmeter und sogar Lichtschächte. „Ein Arbeitsplatz in der Bunkeranlage wäre auch unzumutbar“, sagt Meier mit Blick auf die frischen Temperaturen (16 Grad). Hier brummelt zwar die Heizung nebenan, auch stapeln sich Berge von Kartons. Die neue ordnende Hand ist dennoch sichtbar, etwa am Kartoninhalt: Rechnungsbücher, die oberflächlich gereinigt, von Schimmelspuren befreit und aufgehübscht wurden für einen fünfstelligen Betrag. Oder die Unterlagen, die mittlerweile mit blauem Aktendeckel und feinsäuberlich im Archivkarton verstaut im Schrankregal stehen.

„Frau Papa ist unser Google im Archiv“, versichert Meier. Und als würde es symbolisch ihre gewichtige Arbeit untermauern, steht auf dem Bürotisch ein 10-Kilo-Gewicht. Gleich daneben liegt ein Aktenstichel, der Zwitter aus Rundfeile und Brieföffner ist unentbehrliches Handwerkszeug für die sogenannte badische Lochung, mit der die Lose-Blatt-Sammlung fixiert wird. Eine Fadenheftung mit zwei Löchern am linken oberen Rand, die dafür sorgt, dass die Einzelblätter noch gut umzuklappen und gut zu lesen sind.

Ein Findbuch und ein Aktenplan helfen, die im Archivsystem verzeichneten Mappen rasch zu finden, wie etwa Akte A026/46/67, Militär- und Kriegssachen, die obenauf liegt. „Manches ist auch nicht auffindbar“, berichtet Papa. Dafür kommt mitunter unerwarteter Zuwachs von Privatleuten. So melden sich immer noch Nachfahren von Menschen, die als vermisst galten oder noch gelten, mit irgendwelchen Dokumenten. Auch Bildmaterial bedeutender Lokalpersönlichkeiten kommt rein. Und alte Ansichtskarten von Bühlertal sind ohnehin immer willkommen.

Verschollene Irrläufer

Jedenfalls genug zu tun für Mariella Papa, die ein Fünftel ihrer Archivzeit der Bestandsaufnahme in Bühlertal widmet. Der Rest geht an Ottersweier und Rheinmünster. Verwaltungssachen, Rechnungen, Aktennotizen, Bauangelegenheiten, Investitionen – der gesamte Bestand von Mitte 19. Jahrhunderts bis 1980. Infos, die irgendwann von Belang sein könnten. Und sei es nur eine Lebensmittelrechnung für das einstige Gemeindespital (heute Seniorenheim).

In diesen grauen Hallen: So trist die Optik, für’s Archiv ist die Bunkeranlage ein Segen.  Foto: Franz Vollmer

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In diesen grauen Hallen: So trist die Optik, für’s Archiv ist die Bunkeranlage ein Segen. Foto: Franz Vollmer

Dabei gilt es neben Buchführung am PC parallel noch Anfragen zu bearbeiten. Aktuell etwa werden für eine Uni-Arbeit Unterlagen zum Plättig benötigt. Hinzu kommt Übersetzungsbedarf aus altdeutscher Schrift, ebenfalls nicht mit links zu bewältigen, zumal es auch früher leider „Sauklauen“ gab. „Man fuchst sich rein“, sagt Papa. Zumal die Anfragen immer den eigenen Horizont erweitern. „Man bekommt schon ein Gefühl dafür, was im Archiv vorhanden ist.“ Und entdeckt verschollene Irrläufer. Nicht zuletzt stößt man auf interessantestes Material, gerade bei der Kriegsthematik. Da heißt es bei der Sache bleiben. Wobei nicht alles archivwürdig ist. „Ein Aktenvermerk, dass eine Straße gesperrt wurde, würden wir nicht mitnehmen“, so Meier. Zumal Archivmaterial ja nicht weniger wird, auch wenn Dokumente vermehrt digital gespeichert werden und (Stichwort Corona) neue Rubriken hinzukommen.

„Es gibt viele Baustellen“

Und wann wandert das neue Material vom Rathaus rüber? „Das ist oft eine Frage des Platzes“, so Meier und verweist auf Bausachen, für die 30 Jahre Aufbewahrungsfrist gilt. Wobei jeder Mitarbeiter selbst sein aktuelles Material archiviert.

Die aufgearbeiteten Materialien im Büro gehören zwar längst in den Archivraum, doch vor dem Einsatz des neuen Transportwägelchens muss erstmal die Feuchte im Bunker raus. Die liegt bei 70 Prozent, wie der Temperatur- und Feuchtigkeitsmesser verrät. Immerhin gibt es nach Jahren endlich grünes Licht vom Landratsamt, dass die Wasserleitungen rausdürfen. Denn die größte Gefahr ist Schimmel, der als Sporen am Einband oder Außenpapier zu sehen ist.

Auch Klarsichtfolien oder Rost durch Metallklammern sind tabu. Mit einem Wort: „Es gibt viele Baustellen.“ Geplant ist, wenn bis spätestens 2023 eine topmoderne Regalanlage für rund 10.000 Euro da ist, mit dem Gröbsten durch zu sein in Sachen Sichtung. Wie die neue Ordnung mal aussieht, ist in einem Raum am Ende des Bunkerschlauchs zu sehen: Dort steht eine neue Regalanlage, die sich per Drehrad verschieben lässt auch sensible Personalakten beinhaltet – natürlich abschließbar. „Soll ja nicht jeder in die Hände bekommen“, so Meier. Was mit der weiß-roten Absperrkette aber nichts zu tun hat, die hinter der Stahltür angebracht ist. „Das ist“, erklärt Meier, „damit Schüler nicht einfach hineinlaufen“ – ins Aseptikum, in die Ambulanz oder den OP-Saal.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
25. November 2021, 08:00 Uhr
Lesedauer:
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