Vergoldete Todsünde im Haus der Geschichte

Stuttgart (fh) – Das Haus der Geschichte erzählt in der Ausstellung „Gier“ von manchem Raffzahn. Die Schau ist gerade online zu sehen. Wer nach einem Museumsbesuch vor Ort giert, muss sich gedulden.

„Dickicht der Emotionen“: Ein Geflecht aus goldenen Bändern verbindet die Geschichten im Raum. Foto: Fiona Herdrich

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„Dickicht der Emotionen“: Ein Geflecht aus goldenen Bändern verbindet die Geschichten im Raum. Foto: Fiona Herdrich

Danijel Balasevic sammelt seit 20 Jahren Sneaker. Der Stuttgarter jobbte als Teenager, um seine ersten teuren Turnschuhe, ein Paar Nike Air More Uptempo, in Raten abzubezahlen. Später fuhr er für den Kauf bestimmte Modelle auch nach Berlin. Aus einem Paar wurden zwei, dann 50, dann 100. Heute schätzt Balasevic seine Sammlung auf circa 350 Paar Sneaker. Sie füllen eine wandgroße Vitrine in der Ausstellung „Gier“ im Haus der Geschichte in Stuttgart, wo sie wie bunte Bonbons wirken. Ist diese Sammelleidenschaft Gier?

Der Stuttgarter Danijel Balasevic hat eine Leidenschaft für Sneaker. Seine Sammlung ist im Haus der Geschichte ausgestellt. Foto: Fiona Herdrich

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Der Stuttgarter Danijel Balasevic hat eine Leidenschaft für Sneaker. Seine Sammlung ist im Haus der Geschichte ausgestellt. Foto: Fiona Herdrich

„Wonach gieren Sie? Stellt man diese Frage Passanten auf der Straße, werden die meisten sagen, dass sie überhaupt nicht gierig sind, und wenn überhaupt nach Schokolade“, sagt Dr. Rainer Schimpf, Leiter der aktuellen Ausstellung im Stuttgarter Haus der Geschichte. Gier hat einen schlechten Ruf. Sie gilt als Todsünde und maßlos, aber ohne sie sind Fortschritt und Wachstum kaum möglich, heißt es in einem Text des Museums. Und auch wenn es niemand gerne zugibt, ist sie jedem ein bekanntes Gefühl. „Menschen können nach vielem gierig sein: nach Geld, Erfolg, Macht, Wissen oder Anerkennung“, sagt Schimpf. „Doch wie beurteile ich welche Form der Gier?“

So mancher giert dieser Tage vielleicht auch nach Kultur. Er muss sich erneut gedulden, denn aufgrund der Corona-Pandemie ist die Stuttgarter Schau, nachdem sie kurzzeitig mit Terminbuchung geöffnet war, aktuell nur noch online zu sehen. Die Ausstellung ist der Auftakt eines Dreiklangs aus Gier, Hass und Liebe. Immer wieder macht die Schau Querverweise auf die beiden folgenden.

Vor Ort wie online muss sich der Besucher in diesem ersten Teil fragen: Wonach bin ich gierig? Gehört Gier gar zu unserer Natur? Ist sie unmoralisch? Für die Kuratoren verlangt das Thema „Gier“ farblich eindeutig nach Edelmetall. Ein Geflecht aus goldenen Bändern zieht sich durch den Raum und verbindet Leidenschaft mit Prestige, Bereicherung mit Hinterziehung und Luxus mit Billigware. „Dickicht der Emotionen“ nennt es Schimpf. Darunter werden in nicht chronologischer Reihenfolge Geschichten erzählt und auf diese Weise miteinander verwoben – beispielsweise die von Fritz Haber und seiner Wissbegier.

Kehrseite der Medaille: Brot und Gaskrieg für die Welt

Der Chemiker und Professor an der Technischen Hochschule in Karlsruhe entwickelte gemeinsam mit Carl Bosch Anfang des 20. Jahrhunderts ein Verfahren, das die Massenproduktion von Stickstoffdünger ermöglichte. Was bis heute die Ernährung von großen Teilen der Weltbevölkerung sichert, brachte Haber 1918 den Nobelpreis ein. Die Urkunde – natürlich goldverziert – ist in Stuttgart zu sehen.

Die Medaille hat wie so oft aber auch eine Kehrseite. So machten Habers Versuche mit Phosgen und Chlorgas ihn auch zum „Erfinder des Gaskriegs“ im Ersten Weltkrieg. „Auf der einen Seite stehen seine großen Leistungen, auf der anderen Seite die Opfer seiner Forschung. Bis heute ist die Erinnerung an Haber in Karlsruhe umstritten“, gibt der Ausstellungsleiter zu bedenken.

Für diese vergoldeten Teller ließ Herzog Friedrich II. von Klöstern konfisziertes Silber einschmelzen. Foto: Fiona Herdrich

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Für diese vergoldeten Teller ließ Herzog Friedrich II. von Klöstern konfisziertes Silber einschmelzen. Foto: Fiona Herdrich

Es geht noch weiter in der Zeit zurück, zu Herzog Friedrich II. von Württemberg. Der spätere König Friedrich griff Anfang des 19. Jahrhunderts nach den Klöstern und ließ etwa konfisziertes Silber für das prächtige Service einschmelzen. Mehr als 100 Jahre später giert danach ein neuer Raffzahn. Der NS-Reichsstatthalter Wilhelm Murr beschlagnahmte 1937 den Großteil des Silbers, das zu einem neuen Prunkservice umgearbeitet wurde, sodass heute nur noch zwölf Teller erhalten sind.

Die Gier Einzelner bringt manchmal auch Aufschwung und Wohlstand für viele. Aber es ist so eine Sache mit dem wirtschaftlichen Erfolg und der Frage, wer daran teilhaben darf. Die 1897 gegründete Waggonfabrik Rastatt schüttete zwar hohe Renditen aus, als aber 1910 die Beschäftigten um eine Lohnerhöhung von zwei Pfennig angesichts gestiegener Lebenshaltungskosten baten, wurde dies abgelehnt. Es kam zum Streik, und viele Arbeiter wurden entlassen. Symbolisch für diesen Konflikt zeigt das Haus der Geschichte eine Aktie der Waggonfabrik.

Hohe Renditen für die Aktionäre, aber keine Lohnerhöhung für die Arbeiter: Aktie der Waggonfabrik Rastatt. Foto: Fiona Herdrich

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Hohe Renditen für die Aktionäre, aber keine Lohnerhöhung für die Arbeiter: Aktie der Waggonfabrik Rastatt. Foto: Fiona Herdrich

Kriminell wird Gier bei Betrug. Als bekanntes Beispiel zieht das Museum den Fall Flowtex heran und erinnert mit einer Plakette an den einstigen Ettlinger Vorzeigeunternehmer Manfred Schmider und seine kriminellen Machenschaften.

Was sonst verpönt ist, ist im Fußball ausdrücklich erwünscht. „Gierig zu bleiben, ist die erste Bürgerpflicht im Sport“, mit diesem Ausspruch peitscht Fußballtrainer Jürgen Klopp gar sein Team nach vorne. Die Ausstellung macht aber nicht bei Standardfloskeln halt, sondern hinterfragt auch die Einnahmen im Profifußball, Spielergehälter, Honorare in Millionenhöhe und so weiter.

Doppeltes Opfer der Gier: Das präparierte Nashorn wurde von einem Offenburger Ehepaar in den 1920ern erlegt. Später raubten Diebe sein Horn. Foto: Fiona Herdrich

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Doppeltes Opfer der Gier: Das präparierte Nashorn wurde von einem Offenburger Ehepaar in den 1920ern erlegt. Später raubten Diebe sein Horn. Foto: Fiona Herdrich

Das Jagdfieber, nicht nach Toren und Siegen, sondern nach Exotik, Abenteuer und dem ganz Besonderen wurde in den 1920ern einem Nashorn zum Verhängnis. In Afrika wurde es von Hermann und Gretchen Corn aus Offenburg auf einer Safari als eines der Big Five erlegt und 1937 bei der Internationalen Jagdausstellung in Berlin gezeigt. 1946 schenkte Gretchen Corn das Präparat dem Offenburger Museum Ritterhaus. Dort wurde das Tier 2012 erneut Opfer der Gier. Diebe ließen damals beide Hörner mitgehen, denn zu Pulver zermahlen erzielt es in China horrende Preise. In Stuttgart ist die Jagdtrophäe hinter Glas gesichert.

Die Währung der Social-Media-Welt

In der heutigen Social-Media-Welt sind andere Dinge Objekt der Begierde von Jägern. Influencerin Katharina Weber gierte lange auf Instagram nach Likes, Followern und Kommentaren. Bis 2019 postete sie perfekt inszenierte Bilder, um den Ansprüchen von Firmen und Followern zu genügen. Sie stellte sich sogar einen – ironischerweise ganz analogen – Wecker, der sie an die tägliche Selbstinszenierung erinnerte. Heute warnt sie vor den unrealistischen Erwartungen an das eigene Leben, die diese Bilder auslösen können.

Wer dem Druck, so perfekt auszusehen wie die Influencer, dennoch verfällt, dem hilft Christian Fitz. Der plastische Chirurg aus Stuttgart optimiert, wenn das von Leistungs- und Konsumgesellschaft geschaffene Schönheitsideal den eigenen Körper mangelhaft erscheinen lässt. Sein vergoldetes OP-Häubchen samt passendem Skalpell fügt sich ästhetisch ins Farbkonzept der Ausstellung ein.

Ein weiteres kostbares Gut der modernen Gesellschaft sind Daten. Und wo Kostbarkeiten sind, da ist die Gier nicht weit. Die Datenkrake, die der Verein Digitalcourage als „Big Brother Award“ an eben solche verleiht, erinnert an die von der Regierung geplante Vorratsdatenspeicherung aller Telefon- und Internetverbindungen. Dagegen reichte der Verein 2007 Beschwerde ein, das Bundesverfassungsgericht kippte das Gesetz 2010.

Und obwohl auch der Europäische Gerichtshof die Vorratsdatenspeicherung nicht mit der Charta der Grundrechte der EU für vereinbar hält, wurde das Gesetz 2015 mit geringen Änderungen wieder eingeführt. Der Verein klagt erneut. Das Ende dieser Geschichte ist bisher noch offen.

Streit um den Thronsessel von Garega: Der aus Lahr stammende Oberleutnant Richard Hirtler brachte ihn Anfang des 20. Jahrhunderts aus Kamerun mit und lieh ihn Karl Graf von Linden. Foto: Fiona Herdrich

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Streit um den Thronsessel von Garega: Der aus Lahr stammende Oberleutnant Richard Hirtler brachte ihn Anfang des 20. Jahrhunderts aus Kamerun mit und lieh ihn Karl Graf von Linden. Foto: Fiona Herdrich

Fast getrennt betrachten lässt sich der letzte Teil der Ausstellung über die Kolonial- und NS-Geschichte. Der „Thronsessel von Garega“ macht dort etwa einen Querverweis auf das Stuttgarter Linden-Museum und seine Ausstellung „Schwieriges Erbe“. Der aus Lahr stammende Oberleutnant Richard Hirtler brachte ihn Anfang des 20. Jahrhunderts aus Kamerun mit und lieh ihn Karl Graf von Linden. Dieser gab ihn erst nach Hirtlers Tod 1916 an die Witwe zurück. Das Objekt stellt gleich mehrfach die Frage nach dem rechtmäßigen Besitzer von Kunsthandwerk aus ehemaligen Kolonialgebieten.

Aber nicht nur Kunst wurde von den Kolonialherren zusammengerafft. Die Zurschaustellung des Fremden in sogenannten Völkerschauen entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts zum Massenvergnügen. Um Rassismus wissenschaftlich zu rechtfertigen, vermaß der Freiburger Forscher Eugen Fischer Angehörige unterschiedlicher Ethnien und trug so dazu bei, die „Rassenanthropologie“ zu etablieren. Diese wiederum wird Grundlage für die Rassenpolitik der Nationalsozialisten.

Am Ende steht die Gier nach Sensationen. Eines der gefälschten Hitler-Tagebücher, mit denen der Stuttgarter Konrad Kujau den „Stern“-Reporter Gerd Heinemann übers Ohr haute, illustriert, wie die Gier nach der großen Story manchmal alle journalistischen Zweifel beiseite drängt.

„Gier“ im Netz: Interviews und Podcasts

Wer die Ausstellung online besuchen will, für den hat das Haus der Geschichte auf seiner Homepage ein breites Angebot an Bildern, Videos, Texten und Podcasts bereitgestellt. Dort kann man auch einen virtuellen Blick in den Ausstellungsraum werfen. In Videos stellen sich Sneakersammler Danijel Balasevic und Influencerin Katharina Weber den Fragen des Publikums. Außerdem gibt es Interviews, beispielsweise mit Günther Oettinger, und auch Radiosendungen zum Thema sind nachzuhören. Die für Vorführungen vorgesehene Vitrine vor Ort muss leer bleiben. Im Internet sind die von Studierenden der Staatlichen Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Stuttgart entwickelten Performances aber zu sehen.

www.hdgbw.de


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