Verkehrszählung in Baden-Baden rund um die Uhr

Baden-Baden (hol) – In Baden-Baden ermitteln seit rund vier Wochen Wärmebild- und Handysensoren die Belastung der Hauptverkehrsadern in Echtzeit.

Rolf Basse zeigt Beispieldaten: Am Sonntag, 3. Januar, waren 8.538 Fahrzeuge auf dem Zubringer unterwegs. Foto: Harald Holzmann

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Rolf Basse zeigt Beispieldaten: Am Sonntag, 3. Januar, waren 8.538 Fahrzeuge auf dem Zubringer unterwegs. Foto: Harald Holzmann

Seit nun gut vier Wochen wird rund um die Uhr gezählt, wie viele Fahrzeuge auf den Hauptverkehrsadern der Kurstadt unterwegs sind. Die Stadtverwaltung hat ein intelligentes und vollautomatisches Zählsystem installieren lassen und gewinnt die Daten seit 1. Dezember in Echtzeit.

Rolf Basse vom Fachbereich Planen und Bauen hat sein Büro im siebten Stockwerk, direkt unter dem Dach des Baden-Badener Rathauses. Wenn er wissen will, wie dicht der Verkehr gerade auf dem Zubringer ist, muss er sich aber nicht ins Auto setzen. Es genügen ein paar Mausklicks, schon hat er die gewünschten Zahlen auf dem Bildschirm. „Smight Traffic“ heißt das System, das ihm die Daten liefert.

Verkehrszählung 2021: Der Sensor hängt hoch über dem Zubringer am Pfahl der Straßenlaterne. Foto: Harald Holzmann

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Verkehrszählung 2021: Der Sensor hängt hoch über dem Zubringer am Pfahl der Straßenlaterne. Foto: Harald Holzmann

Mithilfe von Wärmebildsensoren gewinnt das System an vier Stellen ständig Daten über den Verkehrsfluss in Baden-Baden: in der Maximilianstraße in Höhe der Kreuzung Rotackerstraße, am Zubringer kurz nach dem Europakreisel stadteinwärts, in der Kuppenheimer Straße in Oos in Höhe der dortigen Feuerwache und an der Landesstraße zur Wolfsschlucht kurz nach der Ampelkreuzung der Schlossbergtangente mit der Rotenbachtalstraße. Überall dort sind an Laternenpfählen oder Leitsystem-Schildern unscheinbare schwarze Sensoren angebracht. Sie verfolgen den Verkehr 24 Stunden, sieben Tage in der Woche.

Wärmebild über Kamerasensoren

Die Kamerasensoren liefern ein Wärmebild, aus dem man rückschließen kann, ob gerade ein Pkw, ein Motorrad, ein Kleinlastwagen oder ein Schwerlastwagen die Messstelle passiert – mehr aber nicht. „Die Daten lassen keinen Rückschluss zur Identifizierung zu“, sagt Basse. Kennzeichen sind auf dem Wärmebild nicht zu sehen – nicht einmal die Automarke kann man erkennen. Trotzdem liefern die Sensoren wertvolle Daten. Sie stellen in Echtzeit fest, wie belastet die kurstädtischen Hauptverkehrsadern sind.

Zudem registriert das System, ob sich in dem Fahrzeug ein Mobiltelefon befindet. Verschlüsselt, ähnlich wie bei der Corona-App, werden die Handydaten aufgezeichnet. Auf diese Weise kann „Smight Traffic“ feststellen, wie viele Autos nur auf der Durchreise sind und beispielsweise auf der B500 die Kurstadt durchqueren, um auf die Schwarzwaldhochstraße zu gelangen, und wie viele der Fahrzeuge die Stadt schon nach wenigen Minuten wieder verlassen. „Auf diese Weise können wir auch den Ziel- und Quellverkehr erfassen“, so Basse – und auch die Fahrzeit, die man braucht, um zu einem bestimmten Zeitpunkt von Oos in die Innenstadt zu gelangen.

Unspektakuläre Zahlen durch den Lockdown

Beispielsweise am 3. Januar – jenem Sonntag, an dem der Verkehr auf der Schwarzwaldhochstraße schon am Vormittag zusammenbrach. Die Daten zeigen, dass an diesem Tag 8.538 Fahrzeuge auf dem Zubringer unterwegs waren. In Richtung Höhengebiet passierten die meisten zwischen 11 und 14 Uhr die Messstelle – die Mehrzahl der Rückfahrten liegt zwischen 15 und 17 Uhr.

Am Zweiten Weihnachtsfeiertag passierten gut 13.000 Fahrzeuge die Messstelle. „Das ist erstaunlich wenig“, stellt Basse fest. An normalen Werktagen seien auf der B500 bis zu 25.000 Fahrzeuge unterwegs.

Verkehrszählung 2008: Eine Schülerin macht eine Strichliste und befragt Fahrer in der Balger Straße. Foto: Harald Holzmann/Archiv

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Verkehrszählung 2008: Eine Schülerin macht eine Strichliste und befragt Fahrer in der Balger Straße. Foto: Harald Holzmann/Archiv

Aber was ist schon normal in Zeiten von Corona? „Durch den Lockdown sind die Zahlen derzeit recht unspektakulär“, sagt Basse. Doch die Sensoren werden noch mindestens bis Jahresende hängen bleiben. Die Gelegenheit, die Verkehrsbelastung in einer ganz normalen Zeit festzustellen, wird also noch kommen. Und dann wird man sehen, wie sich die Verkehrsbelastung in Baden-Baden tatsächlich entwickelt hat. „Die letzte Zählung liegt schließlich schon zwölf Jahre zurück“, sagt Basse. Mit den damals gewonnenen Zahlen operiere man heute noch. 2008 zählten Studenten und Schüler an einigen Tagen im Sommer die Autos tagsüber händisch. Die Verkehrsbelastung der Straßen wurde aus dieser Zählung hochgerechnet. Gegenüber dem „Smight Traffic“-System ist das noch technische Steinzeit gewesen.

10.000 Euro teure Sensorik

Die Kosten für die smarte Sensorik sind mit 10.000 Euro überschaubar. Zumal das System im Laufe dieses Jahres noch verfeinert werden soll – mit sechs weiteren Messstellen geplant in einem „inneren Ring“, wie Basse sagt, in stark frequentierten Straßen in den Stadtteilen und in der Innenstadt.

Die Datengewinnung sei aber erst der erste Schritt, erklärt der Fachmann weiter. Das Ziel sei es, den Verkehr künftig anhand der vorliegenden Daten zu lenken. „Die Displays des Verkehrsleitsystems geben uns dazu die Möglichkeit“, sagt er. Dort, wo heute der Hinweis „Maskenpflicht in der Innenstadt“ steht, könnte es also künftig heißen: „40 Minuten Fahrzeit bis zur Innenstadt, alle Parkplätze belegt, Shuttle-Bus benutzen“.

Verknüpfung mit Wetterdaten

In Kombination mit einer Busspur auf dem Zubringer könnten so Autofahrer beispielsweise in Zeiten des Christkindelsmarkts oder während des New-Pop-Festivals zum Umsteigen auf Pendelbusse gebracht werden. „Wir könnten die Daten auch mit den Daten der Parkraumbelegung oder mit den Wetterdaten verknüpfen und den Verkehr dann bei einem erwarteten Ansturm aufs Höhengebiet besser lenken“, macht Basse die künftigen Möglichkeiten klar.

Mit von der Partie ist übrigens auch der Landkreis Rastatt. Auch dort sind eine ganze Menge Messstellen geplant, die im Laufe des Jahres eingerichtet werden sollen, wie Basse sagt. Ein Alleingang von Baden-Baden mache schließlich keinen Sinn. Gemeinsam wolle man dann auch auf die Suche nach finanziellen Fördermöglichkeiten gehen. Basse ist sicher, dass es in Stuttgart Töpfe gibt, die man dafür anzapfen kann.

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Erstellt:
11. Januar 2021, 19:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 35sec

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