Vermittlerin für mehr Wohlbefinden

Baden-Baden (kie) – Die Philharmonie Baden-Baden beteiligt sich an dem Projekt „Gesundes Orchester“. Damit soll typischen Erkrankungen von Profimusikern vorgebeugt werden.

Ungesunde Haltung: Profimusiker betreiben Höchstleistungssport, die körperlichen Folgen sind aber bislang kaum Thema. Foto: Jens Kalaene/dpa

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Ungesunde Haltung: Profimusiker betreiben Höchstleistungssport, die körperlichen Folgen sind aber bislang kaum Thema. Foto: Jens Kalaene/dpa

Rückenschmerzen, Sehnenscheidenentzündungen oder Arthrose: Das alles sind typische Krankheiten von Berufsmusikern. Eine einseitige Haltung, Stress und die enorme Belastung einzelner Körperbereiche zählen zu den Gründen für viele Musikererkrankungen. Nun hat die Philharmonie Baden-Baden eine sogenannte Gesundheitsmentorin in ihren Reihen, die dem entgegenwirken möchte: Die Bratschistin Agata Rettberg hat eine mehrmonatige Weiterbildung im Rahmen des Projekts „Gesundes Orchester“ der Stiftung Schloss Karpfenburg absolviert.

Gemeinsam mit elf anderen Profimusikern und interessierten Laien – unter anderem drei Musikern aus der Badischen Staatskapelle Karlsruhe – lernte Rettberg an insgesamt zwölf Fortbildungstagen Wissenswertes zu medizinischen Aspekten und zur Vermittlungsarbeit im Orchester. „Unglaublich viele Inhalte“ seien im Zuge der Fortbildung vermittelt worden: von anatomischen Grundkenntnissen bis hin zu praktischen Übungen für den Alltag als Profimusiker. Auch Themen wie Ergonomie oder Gehörschutz standen auf dem Stundenplan. Eine wichtige Erkenntnis: Oft haben bereits kleine Übungen einen großen Effekt auf das Wohlbefinden, wie Rettberg sagt.

Die Aufgabe der Bratschistin ist es nun, das auf Schloss Karpfenburg von Experten vermittelte Wissen in den Probenalltag einzubringen und an die Kollegen zu vermitteln. Wenn sich die Musiker auf die Angebote ihrer Gesundheitsmentorin einlassen, wird die Philharmonie nach zwei Jahren als „gesundes Orchester“ zertifiziert; alle zwei Jahre wird die Zertifizierung überprüft.

Und Ideen hat Rettberg bereits einige: Zunächst möchte sie natürlich die Kollegen über die erlernten Inhalte informieren, zeitnah will sie dann kurze „Warm-up-Übungen“ im Kollegenkreis anbieten und mittels einer anonymen Umfrage klären, welche Themen aus dem Bereich Musikergesundheit die Orchestermitglieder interessieren. In der Folge will Rettberg dann Experten heranziehen, die zu den entsprechenden Themen informieren und Praxistipps geben.

Dabei ist ihre Rolle klar definiert, sie fungiert als eine Art Vermittlerin und nicht als Expertin in Gesundheitsfragen, denn: „Ich bin keine Medizinerin und auch keine Sportlehrerin, ich bin Musikerin“, sagt Rettberg, die derzeit in Elternzeit ist, aber trotzdem im Frühjahr mit den ersten Angeboten starten möchte. Eine Sprechstunde, in der sich Kollegen mit ihr austauschen können und in der sie selbst der Schweigepflicht unterliegt, soll ebenfalls etabliert werden. Das alles aber „Schritt für Schritt“, wie sie anfügt. Zudem möchte sie sich vor allem mit den am Projekt beteiligten Kollegen aus Karlsruhe weiter austauschen.

Vieles ist noch Zukunftsmusik

Bei den Angeboten sind finanzielle Fragen noch offen: etwa, ob die Stadt als Arbeitgeber grundsätzlich dazu bereit wäre, physiotherapeutische Angebote oder einzelne Geräte aus dem Fitnessbereich zu finanzieren. Deshalb beschränke sie sich zunächst auf kostenfreie Angebote, wie Rettberg sagt. Vieles ist also noch im wahrsten Sinne des Wortes Zukunftsmusik.

Die Kosten für die Fortbildung hat die Stadt übernommen, auch der Orchestervorstand und die Leitung seien von Beginn an offen für das Thema gewesen, wie Rettberg anfügt. Die Stühle, auf denen die Musiker bereits heute sitzen, seien „sehr gut“: „Wir haben schon was, man kümmert sich“, sagt sie.

„Im Alltag eines Berufsmusikers ist die körperliche Gesundheit eines der zentralen Themen. Über viele Jahre ohne Schäden mit teilweise naturwidrigen Haltungen und Belastungen zu arbeiten ist schwierig und erfordert intensive Beschäftigung mit diesem komplexen Metier. Deshalb sind wir froh, dass sich jemand in seiner Freizeit dafür einsetzt, den Wissensfluss zu den Kollegen zu verbessern“, begründet Orchestermanager Arndt Joosten die Unterstützung für das Projekt.

Das Thema Musikergesundheit stehe noch recht am Anfang, gerade in der Ausbildung, wie Rettberg bemerkt. Daran möchte sie nun aktiv etwas ändern, denn: „Ich finde es wichtig, darüber zu sprechen. Es betrifft uns ja alle: ob jüngere oder ältere Kollegen und alle Instrumente“, sagt sie – und fügt an: „Ich freue mich total, die Fortbildung gemacht zu haben“.

Zum Thema: Hilfe für Profis, Laien und Lehrer

Rund 180.000 Profimusiker gibt es laut Angaben der Stiftung Schloss Karpfenburg in Deutschland, rund fünf Millionen Laienmusiker kommen noch hinzu, 64 Prozent der Aktiven sind Kinder und Jugendliche. Die Stiftung Schloss Karpfenburg bietet in ihrer Abteilung „Bildung und Gesundheit“ Fortbildungen im Bereich Musikergesundheit sowohl für Profis als auch für Laien und Lehrkräfte öffentlicher Musikschulen an. In diesem Jahr fand die Fortbildung „gesundes Orchester“ zum vierten Mal statt. Unterstützt wird das Präventionsprogramm vom Landesverband der Musikschulen Baden-Württembergs, der Deutschen Rentenversicherung und „Die Techniker“. Das nächste Mentorenprogramm für das Projekt „gesundes Orchester“ wird voraussichtlich 2023 stattfinden.


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