„Verstehen, was da gerade passiert“

Karlsruhe (ml) – Die Fokussierung der Menschen sowie der Medien auf ein Thema ist bei Corona beispiellos. Und das dürfte noch eine Weile anhalten, meint Kommunikationswissenschaftler Markus Lehmkuhl.

Journalistische Angebote und persönliche Gespräche stehen derzeit hoch im Kurs, betont Kommunikationswissenschaftler Markus Lehmkuhl. Foto: Nicolaz Groll

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Journalistische Angebote und persönliche Gespräche stehen derzeit hoch im Kurs, betont Kommunikationswissenschaftler Markus Lehmkuhl. Foto: Nicolaz Groll

Die Corona-Pandemie beherrscht derzeit das öffentliche wie private Leben. Seit Wochen ist auch die Berichterstattung in den Medien darauf fokussiert. Das werde auch so bleiben, meint Prof. Dr. Markus Lehmkuhl vom Teilinstitut für Wissenschaftskommunikation am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). BT-Redakteur Markus Langer unterhielt sich mit dem Kommunikationswissenschaftler.

BT: Herr Lehmkuhl, nutzen Menschen in einer Krisensituation Medien anders als sonst?

Markus Lehmkuhl: Davon kann man ausgehen. Natürlich haben wir noch keine verlässlichen empirischen Daten zu der aktuellen Situation, aber es gibt Untersuchungen, die sich mit vergangenen Krisenzeiten beschäftigen. Darin stellt man fest, dass zwei Quellen an Bedeutung gewinnen. Das sind einerseits medialen Quellen, andererseits aber auch persönliche Gespräche. Beides ist in Krisenzeiten von größerer Bedeutung.

BT: Gibt es bei der Nutzung von medialen Quellen Verschiebungen?

Lehmkuhl: Es gibt eine Medienabhängigkeits-Theorie. Danach muss man davon ausgehen, dass gerade die Nutzung der traditionellen Medien massiv ansteigt. Das heißt, dass sich die Menschen verstärkt journalistisch aufbereiteten Inhalten zuwenden. Also Informationen, die von professionellen Vermittlern zusammengetragen und aufbereitet werden. Das liegt daran, dass in einer Krisenzeit das Informationsbedürfnis sprunghaft ansteigt. Man will verstehen, was da gerade passiert. Gleichzeitig wird auch das Bedürfnis nach Orientierung massiv stärker. Die Leute wollen wissen, wie sie sich nun verhalten sollen. In einer Krisensituation benötigen die Menschen sehr viele unterschiedliche Informationen, die einen hohen Nutzwert haben und verständlich aufbereitet sind. Das kommt dem traditionellen Journalismus zugute. Er ist ja so aufgestellt, dass er dieses Bedürfnis bedienen kann und die Menschen effektiv an Informationen gelangen.

Fokussierung versetzt in Alarmzustand

BT: Gleichzeitig sagen Sie aber, dass nicht nur die Abhängigkeit von Medien, sondern auch die Bedeutung des persönlichen Gesprächs zunimmt.

Lehmkuhl: Ja, das hört sich zunächst vielleicht etwas widersprüchlich an. Aber wenn das Informations- und Orientierungsbedürfnis sehr groß ist, steigert das nicht nur die Abhängigkeit von traditionellen journalistischen Angeboten, zugleich steigert sich auch das Bedürfnis, über die Situation mit Freunden, Bekannten oder Kollegen zu besprechen. Deshalb ist davon auszugehen, dass der Austausch mit Freunden und Bekannten über soziale Medien derzeit deutlich stärker ist als zu „normalen“ Zeiten.

BT: Krisen führen dazu, dass sich Medien und die Menschen sehr stark auf ein Thema fokussieren. Ist das derzeit besonders ausgeprägt?

Lehmkuhl: Die Fokussierung ist in Krisenzeiten immer sehr groß, weil erst dadurch eine Gesellschaft in einen Alarmzustand versetzt wird. Es geht dann fast nur noch um ein einziges Thema. Ich kann mich an keinen Fall erinnern, bei dem das so extrem ausgeprägt war wie derzeit. Das liegt auch daran, dass diese Pandemie eine unglaubliche Anzahl an Themen generiert. Es gibt jeden Tag neue Entwicklungen, die Zahlen steigen, dann stagnieren sie wieder mal, die wirtschaftlichen Folgen sind immens. Und vor allem: Jeder Einzelne ist persönlich betroffen.

„Wir reden über Wochen“

BT: Wie lange wird diese Konzentration auf Corona andauern?

Lehmkuhl: Eine derart hohe Aufmerksamkeit für ein Thema hält in der Regel nicht sehr lange an. Das sind stark ansteigende, aber auch schnell wieder sehr stark sinkende Kurven. Meistens reden wir da über Tage. In der aktuellen Krise hält die Konzentration schon über Wochen an. Und wir werden uns noch lange mit diesem Virus beschäftigen müssen. Dennoch wird irgendwann ein Ermüdungseffekt eintreten. Wenn nicht mehr täglich genügend neue Entwicklungen zu vermelden sind und ein Gewöhnungseffekt einsetzt, dann beginnen die Menschen damit, sich auch wieder für andere Themen zu interessieren. Derzeit sehe ich aber noch nicht, dass die Aufmerksamkeitskurve steil nach unten gehen würde. Das wäre auch nicht plausibel. Vieles ist noch unklar – und das Informationsbedürfnis unverändert hoch. Deshalb gehe ich davon aus, dass die Aufmerksamkeit für das Thema noch eine ganze Weile auf dem Niveau anhalten wird. Dabei reden wir aber über Wochen und nicht über ein Jahr.

Soziale Rechtfertigung des eigenen Handelns

BT: Welche Bedeutung haben derzeit die sozialen Medien?

Lehmkuhl: Sie sind ein wichtiger Kanal für den persönlichen Austausch. Die Menschen breiten dort gesammelte Informationen auf und bewerten sie. Auch die Frage nach dem persönlichen Verhalten spielt eine wichtige Rolle. Besonders für Menschen, deren Verhalten nicht immer dem entspricht, was allgemeiner Konsens ist. Nehmen wir das Beispiel der Hamsterkäufe. Die offiziellen Statements sagen: „Macht das nicht, das ist asozial.“ Wenn jemand trotzdem hamstert, dann muss er sein eigenes Handeln rechtfertigen.

Dabei spielt der persönliche Kontakt eine herausragende Rolle. Man versichert sich gegenseitig, dass Hamsterkäufe doch in Ordnung wären. Das ist die soziale Rechtfertigung des eigenen Handelns. Deshalb sind die sozialen Medien auch für Menschen, die eher eine Randmeinung vertreten, von ganz besonderer Bedeutung. Daneben werden die sozialen Medien natürlich auch zur Verbreitung von Informationen genutzt. Dabei werden in Zeiten mit einer hohen Bedrohungslage auch Nachrichten interessant, die sie relativieren.

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Erstellt:
31. März 2020, 06:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 28sec

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