Verunsicherung vor dem Abitur

Rastatt (schx) – Reduzierter Schulunterricht aufgrund der Corona-Pandemie, Ärger über technische Pannen: Rastatter Abiturienten äußern sich besorgt. Es ist das entscheidende Halbjahr vor der Prüfung.

Philipp Overlack am heimischen Schreibtisch: „Mein Oberstufen-Jahrgang kämpft seit zwei Schulhalbjahren mit reduziertem Schulunterricht als Folge der Pandemie.“ Foto: Xenia Schlögl

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Philipp Overlack am heimischen Schreibtisch: „Mein Oberstufen-Jahrgang kämpft seit zwei Schulhalbjahren mit reduziertem Schulunterricht als Folge der Pandemie.“ Foto: Xenia Schlögl

Reduzierter Schulunterricht aufgrund der Corona-Pandemie, Ärger über technische Pannen, und vieles bleibe den Schülern überlassen: Rastatter Abiturienten äußern sich besorgt. In ihrer Kursstufenzeit unter schwierigen Bedingungen hat das entscheidende Halbjahr vor der Abschlussprüfung begonnen.
Aufgrund der hohen Infektionszahlen und der Gefahr der Ausbreitung von neuen, aggressiveren Virusvarianten, sind die Schulen landesweit seit Mitte Dezember 2020 (wieder) geschlossen und werden dies über Januar hinaus bleiben. Die Pläne des Kultusministeriums, am generellen Präsenzunterricht für alle diesjährigen Abschlussklassen festzuhalten, mussten modifiziert werden. Jetzt erhalten auch diese Fernlernunterricht und erscheinen nur zum Schreiben der Klausuren in den Schulen.

„Echt besorgt über Mangel an Unterrichtsstoff“

Was das für die Abiturienten bedeutet, schildert der 17-jährige Philipp Overlack aus Rastatt, der im Frühjahr sein Abitur am Goethe-Gymnasium in Gaggenau ablegen wird. „Es gibt Schöneres, als bei geöffneten Fenstern mit dicker Jacke und bei minus vier Grad Außentemperatur morgens im Klassenzimmer zu sitzen“, stellt er fest. Eine Herausforderung sei auch die Maskenpflicht: „Das Sprechen ist viel anstrengender, und man versteht oftmals akustisch die Lehrkräfte nicht, genauso wenig die Fragen und Antworten der Mitschüler.“

Den Fernlernunterricht für Sprachen hält er für gut machbar, hier sei eh Eigeninitiative gefragt. Große Lerndefizite sieht er eher in den naturwissenschaftlichen Fächern. Was dem Abiturienten so richtig die Laune vermiest, seien die unnötigen technischen Probleme während des Online-Unterrichts und fehlende didaktische Fähigkeiten einzelner Lehrkräfte, den Unterrichtsstoff digital zu vermitteln. „Mein Oberstufen-Jahrgang kämpft seit zwei Schulhalbjahren mit reduziertem Schulunterricht als Folge der Pandemie, das dritte und entscheidende Halbjahr mit der Abiturprüfung steht bevor. Wir sind echt besorgt über den Mangel an Unterrichtsstoff, zu viel bleibt den Schülern selbst überlassen“, kritisiert Overlack.

„So habe ich mir die Oberstufe nicht vorgestellt“

Die 18-jährige Tullanerin Janka Bargmann kommt gerade aus der Schule, sie hat eine Klausur im Fach Spanisch geschrieben, eine geplante schriftliche Arbeit in Englisch wurde ad hoc verschoben. Bargmann spürt viel Unsicherheit bei den Schülern und Lehrern im Hinblick auf die Abiturvorbereitungen. Ärgerlich findet auch sie die technischen Pannen. Sie gibt zu, dass sie sich gestresst fühlt aufgrund der Unsicherheiten und den Verschiebungen der Klausuren. „So habe ich mir die Oberstufe nicht vorgestellt“.

Die bald 18-jährige Emilia Borovitin, die ebenfalls das Tulla-Gymnasium besucht, hat als Leistungsfächer Sport, Deutsch und Spanisch gewählt. Für sie sei der Präsenzunterricht durch nichts zu ersetzen. Anfang Februar sollen die ersten Kommunikationsprüfungen in den Fremdsprachenfächern beginnen, hier müssen die Abiturienten einen Monolog halten und in einem Dialog parlieren. „Es wäre effektiver und einfacher, während eines üblichen Unterrichts sich auf die 15-minütige Prüfung mit Hilfe des Fachlehrers vorzubereiten“, sagt sie. Ihr Sportabitur macht sie gemeinsam mit Abiturienten vom Ludwig-Wilhelm-Gymnasium. „Wir sind insgesamt nur neun Schüler, und wir könnten jede Abstandsregel einhalten, aber die Sporthallen bleiben für uns geschlossen.“ Borovitin ist wütend, dass sie sich ohne intensives Sporttraining auf das Abi vorbereiten soll. Warum werde nur beim Profisport eine Ausnahme gemacht?

Plädoyer für Wechselunterricht

Ihre Klassenkameradin Lisa Vitkin ist der Ansicht, dass ein durchgehender Wechselunterricht von Schuljahresbeginn an die beste Lösung gewesen wäre (dabei würde die Hälfte der Schüler online unterrichtet, die andere Hälfte im Präsenzunterricht, Schulschließungen und eine Überlastung der Lernplattformen wären vermeidbar). Die Vorteile lägen für alle Beteiligten klar auf der Hand. Zudem müssten die Schüler und Schülerinnen, die auf den öffentlichen Nahverkehr angewiesen sind, nicht mit übervollen Bussen und Bahnen fahren, wo Abstandsregeln nicht eingehalten werden können.

Lisas Onlineunterricht verläuft eins zu eins nach dem Präsenz-Stundenplan im 45-Minuten-Takt und den dazugehörigen Pausen. Auch am dritten Schultag nach den Weihnachtsferien war die Lernplattform Moodle noch überlastet: „Die meiste Zeit war der Ton weg“. Der Lernstoff in allen Fächern sei so reduziert, dass nur noch die Sternchenthemen für das Abitur behandelt werden. „Die Lehrer versuchen, so schnell es geht, die Lerninhalte durchzubringen“, mitunter sei das Tempo herausfordernd. Sie vermisst ihre Mitschüler und das gemeinsame Lernen.

Für digitalen Unterricht begrenzt ausgebildet

Katherina Lehnkering, Studienrätin am LWG, unterrichtet Mathematik und Biologie und betreut einen dreistündigen Mathekurs in der Oberstufe. Für sie steht außer Frage, dass die Schüler und Schülerinnen ihre Kursstufenzeit unter sehr schwierigen und ungewohnten Bedingungen erleben. Der reduzierte Präsenzunterricht stelle einen Nachteil dar. Sie teilt die Kritik an der störungsanfälligen Online-Technik. Auch den Vorwurf, dass die didaktische Aufbereitung des Lernstoffs oft zu wünschen übrig lasse, könne sie nachvollziehen: „Für den digitalen Unterricht wurden wir nur eingeschränkt ausgebildet.“ Ein durchgehender Wechselunterricht wäre die bessere Lösung gewesen, meint auch die Studienrätin, da mehr Präsenzunterricht stattgefunden hätte. Lehnkering bestätigt, dass seitens des Kultusministeriums der zu lernende Abiturstoff reduziert wurde und auch die schriftlichen Abiturprüfungen an die besonderen Bedingungen angepasst werden.

Aber sie sieht bei den Abiturienten und ihrem Lernverhalten deutliche Unterschiede: „Die einen lernen eigenverantwortlich, nehmen zusätzliche Lernangebote wahr, um die Übungsphasen zu intensivieren, andere tauchen ab und schauen während des regulären Fernlernunterrichts Netflix oder spielen Onlinespiele.“

Schulunterricht in Zeiten der Pandemie bleibt eine herausfordernde Aufgabe.

Janka Bargmann spürt Unsicherheit bei Schülern und Lehrern im Hinblick auf die Abiturvorbereitungen. Foto: Xenia Schlögl

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Janka Bargmann spürt Unsicherheit bei Schülern und Lehrern im Hinblick auf die Abiturvorbereitungen. Foto: Xenia Schlögl

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Erstellt:
24. Januar 2021, 22:00 Uhr
Lesedauer:
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