Verwaltungsprofessor Jörg Röber im BT-Interview

Baden-Baden (kie) – Corona sorgt durch Digitalisierung und Personalengpässe auch bei Verwaltungen für Probleme. Welche langfristigen Folgen die Pandemie hat, zeigt Jörb Röber im BT-Interview auf.

„Jedes Kind ein Kita-Platz“: Bis dieses Ziel umgesetzt ist, wird es noch länger dauern, vermutet Röber. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

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„Jedes Kind ein Kita-Platz“: Bis dieses Ziel umgesetzt ist, wird es noch länger dauern, vermutet Röber. Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa

Der Verwaltung kommt in der Pandemie eine Schlüsselrolle zu: Hier werden die landes- und bundesweiten Aufgaben koordiniert, hier laufen Informationen zu den Neuinfektionen und Inzidenzwerten zusammen, hier telefonieren die Mitarbeiter mit Infizierten und kontrollieren Menschen in der Quarantäne. Doch welche langfristigen Folgen wird die Corona-Pandemie für die Verwaltungen haben? Und wie wirken sich diese dann wieder für die Bürger aus? Darüber sprach BT-Redakteurin Franziska Kiedaisch mit Professor Jörg Röber von der Verwaltungshochschule in Kehl.

„Corona wird nicht einfach verschwinden“, sagt Professor Jörg Röber.  Foto: Tobias Weinacker

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„Corona wird nicht einfach verschwinden“, sagt Professor Jörg Röber. Foto: Tobias Weinacker

BT: Herr Röber, Corona hat die Verwaltung mit voller Wucht getroffen – wie so viele andere Bereiche auch. Ein Drittel der kommunalen Mitarbeiter sind laut einer aktuellen Studie zur Verwaltung in Krisenzeiten in neuen Arbeitsbereichen eingesetzt worden, mehr als die Hälfte von ihnen klagt über eine höhere Arbeitsbelastung als vorher. Meinen Sie, dass sich der öffentliche Dienst von dieser Kraftanstrengung erholen wird?
Jörg Röber: Es ist natürlich so, dass es die eine Verwaltung nicht gibt. Wenn wir aber bei den Gemeinden bleiben, dann denke ich schon, dass der Blick in die Vergangenheit gezeigt hat, dass die Kommunen durchaus in der Lage sind, solche zeitlich befristeten Krisen gut zu bewältigen. Ob das jetzt die Flüchtlingskrise ist, die ja noch nicht so lange her ist, oder auch in Folge der Wiedervereinigung, als es auch erhebliche personelle Belastungen gab, weil viel Personal an anderer Stelle eingesetzt war. Ich denke, es ist möglich.

BT: Und wie lange wird das wohl dauern?
Röber: Das ist tatsächlich eine offene Frage, die sich heute sicherlich nicht abschließend beantworten lässt. Das hängt auch von anderen Entwicklungen ab. Denn man muss sehen, dass die Verwaltung nicht nur mit dieser Krise vor Herausforderungen gestellt wurde, sondern dass es auch nach wie vor den demografischen Wandel und den Fachkräftemangel gibt – selbst wenn sich Arbeitsmärkte in Teilbereichen anders entwickeln werden. Und auch das Thema Digitalisierung bleibt nicht stehen. Jetzt heißt es abwarten, wie positive und negative Effekte zusammenspielen. Deshalb kann man noch nicht sagen, wann sich die Verwaltung davon erholt hat. Was man aber sicher sagen kann, ist, dass die Verwaltung in eine Art Dauerstress-Situation gekommen ist und dass manche Bereiche vielleicht wirklich eine Zeit brauchen werden, um wieder in den Normalbetrieb zu finden.

BT: An welche Bereiche denken Sie da?
Röber: Das sind sicherlich jene Bereiche, in denen es bereits in den letzten Jahren Personalknappheit und Arbeitsverdichtungen gab, gerade im sozialen Bereich – also bei den Pflegekräften, der Schulsozialarbeit oder in der Kindertagesbetreuung. Dort wird es sicherlich länger dauern, sich zu erholen. Und die hehren Ziele, die wir uns ja alle gesteckt haben – beispielsweise „Jedes Kind ein Kita-Platz“ – werden vielleicht noch ein wenig länger dauern, bis wir diese wirklich erreicht haben. Ganz einfach, weil durch diese krisenhafte Situation Gelder knapper werden und daher unklar ist, ob die Personalzuwächse, die man sich mal vorgenommen hat, noch umzusetzen sind nach der Krise. Es gibt Anzeichen dafür, dass die Kommunen den Gürtel beim Thema Personal enger schnallen werden. Und dann werden sie ihn dort enger ziehen müssen, wo eben freiwillige Aufgaben auf sie warten und weniger in den Bereichen, in denen sie Pflichtaufgaben zu bewältigen haben.

BT: Welche konkreten Folgen könnte denn die Corona-Pandemie und die dadurch liegen gebliebene Arbeit in den Verwaltungen für die Bürger haben?
Röber: Ich denke, wir müssen akzeptieren, dass das Aufgabenspektrum, das Verwaltungen jetzt wahrnehmen, vielleicht nur noch in anderer Form wahrgenommen werden kann. Wir müssen uns daran gewöhnen, dass es bei bestimmten Verwaltungsdienstleistungen vielleicht auch Abstriche im Umfang, vielleicht auch in der Qualität geben wird, dass bestimmte Dinge nicht mehr so schnell gehen können, weil das Personal im Moment an anderer Stelle gebraucht wird und damit viel liegen bleibt. Und das, was da liegen bleibt, das lässt sich nicht von heute auf morgen bewältigen, sondern es braucht Zeit, das abzuarbeiten. Insbesondere wenn – und davon dürfen wir ausgehen – keine zusätzlichen Stellen geschaffen werden, sondern wahrscheinlich Personalstellen nicht neu besetzt werden. Wir werden wohl erleben, dass weniger Personal mehr Arbeit leisten muss und das geht dann eigentlich nur über das Thema der Optimierung. Wir werden vielleicht erleben, dass Verwaltungsdienstleistungen, die man jetzt an einem Ort wahrnimmt, gar nicht mehr an diesem Ort zur Verfügung gestellt werden, sondern zentral für mehrere Kommunen an anderer Stelle – Stichwort: Shared Services. Das werden wir sehen und das werden wir erleben. Ob wir es wirklich immer spüren werden, das ist nicht gesagt.

BT: Wie meinen Sie das?
Röber: Vielleicht sieht ein Portal, über das wir online Dienstleistung bekommen, immer noch so aus wie das Portal unserer Kommune. Nur hinter dieser Oberfläche steckt dann ein Dienstleistungszentrum, das sich gut und gerne auch an einem anderen Ort befinden kann. Das wird noch eine Weile dauern, aber diese Entwicklung war schon vorher da und die wird durch diese krisenhafte Situation einfach nur noch sichtbar. Wir werden sicherlich erleben, dass für Verwaltungsdienstleistungen, die hoch standardisiert sind, weniger Personal gebraucht wird – etwa beim Knöllchen. Durch Digitalisierung lassen sich diese Leistungen automatisieren. Da werden wir vielleicht Personalkapazitäten frei schwimmmen, die wir aber an anderer Stelle brauchen. Das wird ein langfristiger Prozess sein und nicht von heute auf morgen geschehen. Es wird aber dazu führen, dass wir Personal haben, das wir umschulen müssen. Das ist eine Herausforderung. Die öffentlichen Hände werden das Personal an anderer Stelle sehr, sehr dringend brauchen. Denn es gibt Bereiche, da wird es nach wie vor einen hohen personellen Betreuungsbedarf geben und das ist insbesondere der soziale Bereich – also alles was Schule, Kita, Pflege angeht. Und wir werden vielleicht erleben, dass wir in bestimmten Bereichen mehr Personal brauchen. Gerade diese Krise hat auch gezeigt, dass in der Seuchenprävention und Gesundheitsfürsorge gegebenenfalls eben Strukturen erhalten werden müssen, um bestimmte Aufgaben wahrzunehmen. Denn ich denke, Corona wird nicht einfach verschwinden.

BT: Also vom Knöllchenschreiber zum Kindergärtner?
Röber: Jein. Und da merken wir: Jetzt wird es schwierig. Können wir uns das überhaupt vorstellen? Ist das wirklich möglich? Und da müssen wir, glaube ich, ehrlich sein – auch mit den Mitarbeitenden. Es wird Kapazitäten geben und ich denke, es entstehen ja auch neue Aufgaben – beispielsweise im Seuchenschutz. Aber es wird auch Mitarbeitende geben, für die wir perspektivisch keine Verwendung mehr finden, wenn all die Hoffnung, die wir in die Digitalisierung setzen, im Hinblick auf Kosten-Nutzen-Effizienz, Zeit-Effizienz, Ressourcen-Effizienz tatsächlich aufgehen.

BT: Sie hatten auch von positiven Effekten der Corona-Krise gesprochen. Wo könnten diese liegen?
Röber: Beispielsweise in der Digitalisierung. Jetzt gerade durch diese krisenhafte Zuspitzung wird einfach noch mal viel deutlicher – auch vielen, die sich bisher mit der Digitalisierung nicht anfreunden konnten – wie wichtig es ist, dass es vielleicht so etwas wie eine E-Akte gibt, dass ich von unterwegs auf meine Information, auf meine Daten zugreifen kann und wie angenehm so etwas wie Homeoffice in einem begrenzten Maß sein kann. Positive Effekte sind aber nicht nur auf die Digitalisierung begrenzt, sondern es werden auch andere Arbeitszeitmodelle möglich und vielleicht auch eine bessere Ausstattung der Arbeitsplätze – nämlich in Hinblick auf eine moderne, den digitalen Herausforderungen gewachsene Ausstattung. Auch diese Erfahrung, durch die Krise gemeinsam gegangen zu sein, kann Positives bewirken. Der Zusammenhalt in einer Verwaltung kann durch so eine krisenhafte Situation auch gestärkt werden. Die Frage wird dann aber sein, ob die positiven Effekte, die wir jetzt spüren, auch nachhaltig da sein werden und ob das, was man sich jetzt erarbeitet hat an mehr Wissen, besserer Zusammenarbeit, besseren Prozessen, nachhaltig gepflegt und gehegt wird, denn das ist notwendig. Sonst verliert sich das auch wieder.

BT: Ist davon auszugehen?
Röber: Manche Verwaltungen – auch gerade hier in Baden-Württemberg – sind schon auf einem sehr, sehr guten Weg. Da ist der Horizont schon weiter und da hat man viele Dinge auch schon erkannt. Und dann gibt es mit Sicherheit auch Verwaltungen – und das hängt auch mit Einstellungen und Werten zusammen – die sind da vielleicht noch auf der Suche. Denn wenn die Veränderungen durch die Krise nicht positiv erfahren und auch gelebt werden und von Führungskräften nicht unterstützt werden, wird vieles wieder zurückfallen. Dann werden wir auch wieder erleben, dass Probleme, die wir vorher hatten, wiederkehren. Und das wird dann sicherlich eine frustrierende Erfahrung sein, insbesondere für diejenigen, die sich daran gewöhnt haben, dass es besser läuft. Man läuft da auch ein Stück weit Gefahr, nicht nur auf das zurückzufallen, was man vorher hatte, sondern noch dahinter zurück, weil eben auch Frustrationen entstehen.

BT: Können Sie das an einem Beispiel etwas genauer erläutern?
Röber: Etwa beim Thema mobiles Arbeiten: Das war früher unglaublich grausam. Ich habe das in meiner beruflichen Praxis erlebt: Da musste eine Kommission durch die Wohnung gehen und dann wurde alles ganz akkurat nach arbeitsschutzrechtlichen Bedingungen entsprechend umgesetzt. Heute geht man mit dem Thema etwas offener, pragmatischer um. Mobiles Arbeiten ist eben nicht nur das Arbeiten am eigenen Schreibtisch zu Hause im eigenen Zimmer unter arbeitsschutzrechtlich notwendigen Bedingungen, sondern es gibt viel, viel mehr Möglichkeiten, von unterwegs zu arbeiten – und das wird auch goutiert. Sollte das nach der Krise zurückgenommen werden, werden natürlich auch Hoffnungen bei den Mitarbeitenden enttäuscht, zum Beispiel weniger pendeln zu müssen und mehr Zeit für die Familie zu haben. Und das kann dann tatsächlich auch zu einer Belastung von Organisationen führen.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Franziksa Kiedaisch

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Erstellt:
3. Juni 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 5min 58sec

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