Verzweiflungstat: Warum Mütter ihre Babys abgeben

Karlsruhe (waa) – Ein Neugeborenes in eine Mülltonne geworfen – wieso entscheiden sich Frauen zu so drastischen Taten und wie können Beratung und anonyme Kindesabgabe dabei helfen, sie zu verhindern?

„Keine Mutter gibt ihr Kind leichtfertig ab“, weiß Ursula Kunz, Koordinatorin der Babyklappe Karlsruhe.  Foto: Alena Wacker

© waa

„Keine Mutter gibt ihr Kind leichtfertig ab“, weiß Ursula Kunz, Koordinatorin der Babyklappe Karlsruhe. Foto: Alena Wacker

Fünf Jahre und neun Monate wegen Totschlags – so lautet das Urteil gegen eine 20-jährige Frau vergangene Woche in Bayreuth. Sie hat ihr Neugeborenes in einen Sack gesteckt und anschließend in eine Mülltonne geworfen. Auch ein tot aufgefundenes Baby am Kölner Rheinufer sorgt zu Beginn des Jahres für Aufsehen – es ist erfroren. Doch wieso entscheiden sich Frauen zu so drastischen Taten und wie können Beratung und anonyme Kindesabgabe dabei helfen, sie zu verhindern?
Wenn das Notfalltelefon der Babyklappe Karlsruhe klingelt, dann schnellt bei den ehrenamtlichen Helferinnen der Puls in die Höhe. Jetzt geht es darum, das abgelegte Neugeborene so schnell wie möglich zu versorgen, denn meistens bringen die Mütter es vollkommen alleine und ohne ärztliche Versorgung auf die Welt.

„In so einer Situation funktioniert man erst mal nur“, erklärt Andrea Pfeifer vom Projekt Findelbaby. Häufig sind es nur wenige Minuten, die Helferinnen wie sie alleine mit dem Neugeborenen verbringen, bevor das kleine Bündel zur Erstversorgung in ein Krankenhaus kommt.

„Es ist keine Sache, die man einfach so macht, es ist emotional sehr anstrengend und man bleibt in Gedanken auch danach bei dem Kind“, so Pfeifer. Dasselbe gelte auch für die Mütter, die sich für die Babyklappe oder eine anonyme Geburt entschieden haben. „Keine Mutter gibt ihr Kind leichtfertig ab“, weiß die Koordinatorin der Babyklappe, Ursula Kunz. Auch wenn sich die Babyklappe gerade zu Beginn ihrer Eröffnung 2001 dem Vorwurf stellen musste, eine einfache Lösung für Mütter anzubieten, die sich nicht um ihr Kind kümmern möchten.

Insgesamt 26 Kinder wurden seither in dem Babybettchen in Karlsruhe abgelegt. In ganz Baden-Württemberg waren es zwischen 2001 und 2017 laut Sozialministerium insgesamt 90 Babys.

In Karlsruhe hatten sich die Mütter in neun Fällen anonym nach ihrem Kind erkundigt. In vier Fällen kam es nach der Übergabe sogar zur Rückführung zur Mutter. Das ist möglich, solange noch kein Adoptionsverfahren abgeschlossen ist.

Die Abgabe des eigenen Kindes ist meist „kein Nein zum Kind, sondern zur aktuellen Lebenssituation“, weiß Kunz aus ihrer langjährigen Arbeit in der Schwangeren- und Familienberatung des Diakonischen Werks Karlsruhe.

Schwangerschaft als Tabuthema

Bei Mädchen und jungen Frauen seien es häufig die Scham einer ungewollten Schwangerschaft, die sie davon abhielten, sich Hilfe zu suchen oder jemandem anzuvertrauen, erklärt Ursula Gasch von der Deutschen Gesellschaft für Psychologie. „Das Thema muss aus der Tabuzone geholt werden“, sagt sie daher. Doch nicht nur sehr junge Frauen entscheiden sich dazu, ihr Kind abzugeben. „Es sind Frauen kreuz und quer durch die Bevölkerung und nahezu alle Altersschichten“, weiß Kunz aus ihrer Arbeit.

In den meisten Fällen ähnelten sich die Gründe für die verzweifelte Tat: Viele der Frauen stünden in schwierigen Lebensverhältnissen, die von Abhängigkeit, sexueller und psychischer Gewalt und Verzweiflung gekennzeichnet seien. Oft seien es außerdem finanzielle Nöte, etwa nach der Trennung des Partners, sowie schwierige Wohnsituationen. Auch psychische Probleme oder Schwangerschaften aus Gewaltdelikten können dazu führen, dass Frauen ihr Kind in Waisenhäusern, Babyklappen oder – im schlimmsten Fall – sogar auf der Straße ablegen.

Manchmal scheinen Babyklappen der letzte Ausweg für Mutter und Kind in Not zu sein. 26 Neugeborene wurden in Karlsruhe bislang abgegeben.  Foto: Alena Wacker

© waa

Manchmal scheinen Babyklappen der letzte Ausweg für Mutter und Kind in Not zu sein. 26 Neugeborene wurden in Karlsruhe bislang abgegeben. Foto: Alena Wacker

Nicht selten sind es aber auch irrationale Ängste, die in den Frauen aufkommen. Kunz erinnert sich an einen Fall, bei dem eine Mutter ihr abgelegtes Baby zu sich zurückholte. „Die Frau befand sich in Scheidung und wurde schnell schwanger von einem anderen Mann“, beschreibt die Beraterin die Lebenssituation der verzweifelten Mutter. Die (unbegründeten) Ängste, in dieser Konstellation das Sorgerecht für ihre dreijährige Tochter aus der Ehe zu verlieren, seien so groß gewesen, dass sie ihr Neugeborenes zur Babyklappe brachte.

„Oft sind es Dinge, die man in einem Gespräch hätte klären können“, will Kunz mit dem Beispiel deutlich machen. Dass Frauen um Hilfsangebote rund um die Schwangerschaft wissen, hält die Beraterin daher für essenziell wichtig.

Doch was ist mit Fällen, in denen Frauen ihre Kinder auf der Straße aussetzen oder sogar töten? „Präventive Maßnahmen wie beispielsweise die Inanspruchnahme einer Babyklappe oder einer anonymen Geburt greifen bei diesen Frauen nicht“, sagt Johanna Graf von der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Universitätsklinik in Tübingen. Die Verdrängung der eigenen Schwangerschaft sei ein psychologischer Abwehrmechanismus, der bei diesen Müttern stattfinde.

„Solche Frauen wollen die Schwangerschaft nicht wahrnehmen. Sie sind nicht in der Lage, nach Lösungen zu suchen und handeln deswegen nicht planvoll oder präventiv“, erklärt Graf. Zum Glück seien solche Fälle jedoch sehr selten.

Laut Polizeilicher Kriminalstatistik für Baden-Württemberg wurden im Deliktsbereich Mord, Totschlag und fahrlässige Tötung im Jahr 2019 zwei, im Jahr 2020 sechs und im Jahr 2021 drei tödlich verletzte Opfer unter einem Jahr erfasst.

Wenn Sprachlosigkeit zum Problem wird

Doch selbst Schwangere, die Konflikten nicht per se aus dem Weg gehen, scheuen sich häufig, Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. „Sprachlosigkeit ist ein großes Problem“, sagt Kunz. Und bei Schwangeren, die eine Beratung aufsuchen, stellt sie häufig fest: „Einige Frauen kommen zu uns und verhalten sich, als müssten sie ein Bewerbungsgespräch führen“, sagt sie. Dabei soll die Beratung ein neutraler und wertfreier Raum sein. „Wir sind nicht da, um die moralische Keule zu schwingen“, betont Kunz. „Wir möchten den Frauen nur aufzeigen, dass Probleme bewältigbar sind.“

Es gibt aber auch viele Schwangere, die ein Gesprächsangebot gerne annehmen. „Für viele ist es wie ein Ventil, um alles loswerden zu können.“ Und dies sei sehr wichtig – um unüberlegte und vor allem unwiderrufliche Handlungen zu verhindern.

Ihr Autor

BT-Volontärin Alena Wacker

Zum Artikel

Erstellt:
22. April 2022, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 48sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.