Viel Abwechslung auf dem Fernradweg Römer-Lippe-Route

Detmold (tt) – Historie, Naturschätze und Industriekultur: Der Fernradweg Römer-Lippe-Route hat einiges zu bieten, wie BT-Redakteur Thomas Trittmann von seiner Tour zu berichten weiß.

Herausragende Sehenswürdigkeit: Die mythenumrankten Externsteine bei Horn-Bad Meinberg. Foto: Thomas Trittmann

© tt

Herausragende Sehenswürdigkeit: Die mythenumrankten Externsteine bei Horn-Bad Meinberg. Foto: Thomas Trittmann

Am Anfang wartet der Schweiß: Wer den Fernradweg Römer-Lippe-Route komplett von Ost nach West bewältigen will, vom allerersten bis zum 297. und letzten Kilometer, der muss zuerst steil emporsteigen: zum Hermannsdenkmal. Der Monumentalkoloss im Teutoburger Wald bei Detmold erinnert an Armin, den Cheruskerfürsten, der in der legendären Varusschlacht im Jahre neun nach Christus die römischen Legionen in Germanien aufrieb.

Nun, die Römer haben damals deutlich Schlimmeres durchgemacht als das, was gut 2.000 Jahre später Radfahrern blüht, die den Berg zu Hermann erklimmen. Ihr Keuchen und Schwitzen führt nicht zur Vertreibung aus Germanien, sondern zu einem herrlichen Ausblick mit Rundumsicht auf Detmold und den Teutoburger Wald.

Arminius – vollendet zu Zeiten nationalistischen Überschwangs im späten 19. Jahrhundert und bis heute die höchste Statue Deutschlands – setzt das Thema für die Tour. Auch wenn die berühmte Varusschlacht wahrscheinlich gar nicht dort stattfand, wo das Denkmal steht: Es geht um römische Spuren zwischen Detmold und Xanten, zwischen Lippe und Niederrhein. Über die Varusschlacht und die Mythen, die sich um sie ranken, informiert zu Füßen des Hermannsdenkmals das Lippische Landesmuseum in Detmold.

Unterwegs am historischen Boker-Heide-Kanal bei Paderborn. Foto: Thomas Trittmann

© tt

Unterwegs am historischen Boker-Heide-Kanal bei Paderborn. Foto: Thomas Trittmann

Wer nun der Auffassung ist, dass das ganze Römerthema vielleicht arg angestaubt sein könnte, der sei beruhigt: Es gibt noch viel mehr zu entdecken für den, der auf der Römer-Lippe-Route dem Lauf der Lippe folgt. Prächtige Natur zum Beispiel, ländliche Idylle und herrliche Flusslandschaften; aber auch die städtischen Gefilde des nördlichen Ruhrgebiets mit einer kräftigen Prise Industriekultur und schließlich, ganz zum Schluss, die fast schon maritime Landschaft des Niederrheins. All das macht die Route zu einem abwechslungsreichen, lohnenden Ziel für Fahrradbegeisterte. Die Lippe jedenfalls, das mag ein zusätzlicher Qualitätsbeleg sein, wurde 2018 zur „Flusslandschaft des Jahres“ gekürt.

Im wahrsten Sinne des Wortes herausragend sind die Externsteine – Betonung auf dem ersten „E“ – nahe Horn-Bad Meinberg, die man eine knappe Stunde nach dem Start in Detmold erreicht. Insgesamt 13 steil aufragende, teils bis zu 40 Meter hohe Sandsteinformationen. Die Felsen sind ein bekanntes, geschütztes Naturdenkmal, das Ende der 80er Jahre von der damaligen Bundespost sogar auf einer Briefmarke verewigt wurde. Wer sich die Zeit nehmen will, kann ein Infozentrum besuchen, das über jene bizarren Steine unterrichtet, die die Menschen schon seit Jahrhunderten fasziniert haben. Und erklimmen kann man sie natürlich auch, die Steine.

Weiter geht es nach Bad Lippspringe, das nicht nur mit einem hübschen Ortskern aufwartet, sondern auch Quellort der Lippe ist. Der Park, in dem sie entspringt, heißt – wer hätte es gedacht – Arminiuspark.

Die Lippe wird es immerhin bis zur Mündung in den Rhein auf etwa 220 Kilometer Länge bringen, was ihr Platz eins unter allen Flüssen in Nordrhein-Westfalen einträgt.

Deutschlands kürzester Fluss

Deutlich kürzer hingegen ist der, nun ja, „Fluss“, der einem sehenswerten Etappenziel der Route seinen Namen gibt: die Pader. Mit ihr ist es schon rund vier Kilometer jenseits der Quelle wieder vorbei: Sie mündet in die Lippe und gilt damit als kürzester Fluss Deutschlands. Was nichts daran ändert, dass die Universitätsstadt Paderborn eine ganze Menge Sehenswertes zu bieten hat: Die Altstadt mit dem Dom zum Beispiel, das Schloss Neuhaus mit seinem Barockgarten oder die hübsche Landschaft der Pader-Auen.

Zu den Vorzügen der Römer-Lippe-Route gehört, dass sie oft die Wahl lässt, auf welchem Weg man das nächste Etappenziel ansteuern will. Zählt man alle Alternativrouten mit, werden aus den knapp 300 Kilometern zwischen Detmold und Xanten gut 400 Kilometer. Es empfiehlt sich manches Mal, die Hauptroute links liegen zu lassen und sich anders seinen Weg durch die lippische oder münsterländische Provinz zu bahnen.

Besonders empfehlenswert ist zum Beispiel, sich am Schloss Neuhaus vor den Toren Paderborns eher nach Norden zu orientieren und die Route am historischen Boker-Heide-Kanal zu nehmen, der sein Wasser aus der Lippe bekommt. Er durchmisst, wie der Name schon sagt, die Boker Heide, und wurde zu Bewässerungszwecken angelegt. Knorrige alte Bäume, Felder und Weiden mit grasenden Kühen säumen seinen Weg. Es ist eine Landschaft wie aus dem Pinsel eines Malers der Romantik. Eine Extraportion Ruhe und viel würzige Landluft gibt es obendrein. Da fällt fast schon nicht mehr ins Gewicht, dass der 1853 fertiggestellte Kanal mit seinen vielen Schleusenanlagen auch ein nicht ganz unbedeutendes Zeugnis der Kulturlandschaft Westfalens ist.

Die Römer-Lippe-Route wird erst seit ein paar Jahren unter ihrem heutigen Namen vermarktet, und die Beschilderung ist zwar gut, aber noch nicht an allen Stellen perfekt. Hin und wieder fehlt an einem Wegweiser der stilisierte Römerhelm, das Signet der Route. Was nicht weiter schlimm ist, denn so ist es ab und an dem Zufall überlassen, ob man der Hauptroute folgt oder eine der Nebenrouten nimmt. Ans Ziel aber wird man so oder so kommen – und manchmal entdeckt man so Kleinode am Wegesrand, die ansonsten verborgen geblieben wären. Dass man dafür hier und da auf nicht asphaltierten Wegen unterwegs ist, nimmt man gern in Kauf.

Auf welchem Wege auch immer, man wird irgendwann Lippstadt erreichen. Parkähnliche Grünanlagen entlang der Lippe, aber auch hübsche historische Fassaden machen das Städtchen, in dem einst FC-Bayern-Boss Karl-Heinz Rummenigge das Licht der Welt erblickte, zum lohnenden Ziel für eine ausgedehntere Pause.

Zu den Stärken der Route gehört ihre Vielfalt. Während auf der ersten Hälfte der Tour das ländliche Ambiente dominiert, wandelt sich die Landschaft deutlich, sobald man sich Hamm nähert. Von Detmold bis in die östlichste Stadt des Ruhrgebiets sind es gut 150 Kilometer. Und ab hier gibt stärker die industriell geprägte Kulturlandschaft den Ton an. In Hamm zum Beispiel lohnt der Maximilianpark einen Abstecher, wo ein Gebäude der ehemaligen Zeche Maximilian zu einem gläsernen Elefanten umgebaut wurde – er ist das Wahrzeichen der Stadt.

Auch andernorts ragen ehemalige Fördertürme und rauchende Schlote empor. Trotzdem bleibt immer noch genügend Naturerlebnis übrig, und auch römische Spuren finden sich weiterhin reichlich, etwa in Haltern am See oder in Gestalt des einstigen Römerlagers Olfen, das erst 2011 entdeckt wurde. Wer noch mehr Altertum will, der wechselt in Dorsten auf die 30 Kilometer lange „Römerspuren-Schleife“.

Lippe-Idyll zwischen Dorsten und Wesel. Foto: Thomas Trittmann

© tt

Lippe-Idyll zwischen Dorsten und Wesel. Foto: Thomas Trittmann

In Wesel mündet die Lippe in den Rhein – doch wer deshalb die Tour hier beendet, ist ganz schlecht beraten. Nicht nur, weil es bis in das pittoreske und geschichtsträchtige Xanten nur 14 Kilometer sind. Sondern auch, weil man sonst die letzte große Überraschung der abwechslungsreichen Tour verpassen würde.

Nach der Fahrt über die riesige Weseler Rheinbrücke ändert die Landschaft noch einmal komplett ihr Gesicht. Weitläufiges, plattes Land hinterm Deich mit viel Wasser und vielen grünen Weiden. Die Möwen schreien, der Wind pfeift um die Nase, und man könnte sich einbilden, dass er salzig schmeckt. Eine Landschaft wie hinterm Nordseedeich. Ein überraschendes Finale, das Lust auf mehr macht – warum also nicht einfach dem Rhein weiter folgen bis ans Meer?

Steckbrief

Die Tour: Die Römer-Lippe-Route führt von Detmold nach Xanten. Beschildert ist sie mit einem Römerhelm-Symbol; die Hauptroute dreifarbig, Nebenrouten einfarbig.

Anreise: Per Bahn nach Detmold. Mittlerweile nehmen viele ICEs Fahrräder mit, das erleichtert die Sache sehr.

Lektüre: Der Bikeline-Führer Römer-Lippe-Route aus dem Verlag Esterbauer enthält alle wichtigen Infos.

Die offizielle Homepage des Radwegs gibt detailliert Auskunft über die Etappenorte, aber auch zum Beispiel über alle Orte, an denen sich römische Spuren finden.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.