Viel Kritik im Murgtal an eWayBW

Murgtal (BT) – „Versagerobjekt“, „Eine reine Fehlinvestition“, „Alle sollten sich schämen“, oder „Hauptsache die Landschaft verschandelt“: Es hagelt Kritik an der eWayBW-Teststrecke im Murgtal.

Ein Oberleitungs-Lkw beim offiziellen Test-Start beim Unimog-Museum. Foto: Thomas Senger/Archiv

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Ein Oberleitungs-Lkw beim offiziellen Test-Start beim Unimog-Museum. Foto: Thomas Senger/Archiv

Mit diesen und rund 150 weiteren Kommentaren haben Nutzer auf Facebook die derzeitigen Entwicklungen bezeichnet. Auslöser war eine Mitteilung des Landesverkehrsministeriums Ende November. Darin stand, dass die Fahrten von Oberleitungs-Hybrid-Lkw (OH-Lkw) auf der B 462 unterbrochen seien – voraussichtlich bis Januar 2022. Denn die Isolatoren der Leitung arbeiteten nicht mehr richtig, wenn sie mit von Fahrzeugen aufgewirbeltem Streusalz in Berührung kommen. Die notwendigen Anpassungen sind bereits angelaufen, verzögerten sich wegen Lieferproblemen aber bis ins nächste Jahr.

Trotzdem fahren die OH-Lkw weiterhin – von den Kuppenheimer Speditionen Huettemann und Fahrner zu den Gernsbacher Papierfabriken und zurück. Das teilen die Fuhrparkleiter Hans-Joachim Köhler (Huettemann) und Thomas Mast (Fahrner) auf Nachfrage dieser Zeitung mit.

„Die Hybrid-Fahrzeuge funktionieren auch, wenn der Stromabnehmer nicht mit der Oberleitung verbunden ist“, betont Mast. Der Strom der Oberleitung werde ohnehin nicht zum Aufladen der Batterie, sondern direkt fürs Fahren genutzt, erklärt Köhler. Der Batterie werde stattdessen über die sogenannte Bremsenergierückgewinnung Strom zugeführt. „Für unseren Betrieb ist das technische Problem nicht hinderlich“, sagt Thomas Mast. Es könnten aber bis Januar keine wissenschaftlichen Daten zu den Oberleitungen gesammelt werden. „Das ist jetzt halt so! Ich betrachte die Situation neutral.“ Schließlich betrieben die Speditionen lediglich die Hardware. Die Beurteilung der Streusalzprobleme sei dagegen den Experten überlassen.

Wie, wann und wo diese genau aufgetreten sind, wusste die Pressestelle des Verkehrsministeriums zuerst nicht. Inzwischen sieht man dort etwas klarer. „Auf der B462 gab es das Problem bisher nicht“, sagt Ministeriumssprecher Edgar Neumann. „Wir kennen es von den anderen Feldversuchen mit Oberleitungs-Lkw in Hessen und Schleswig-Holstein.“ Die Anpassungen an der B462 würden rein präventiv durchgeführt. Schließlich könnten salzhaltige Flüssigkeiten dazu führen, dass Objekte leitfähig und die Isolation der Stromleitung gefährdet werde.

Auf der B462 kommt Salz zum Einsatz

„Im Landkreis setzen wir auf Bundesstraßen neben Streusalz auch Sole ein“, sagt Benjamin Wedewart von der Pressestelle des Landratsamts Rastatt. „Das Feuchtsalz ist weniger anfällig für Verwehungen als Streusalz.“ Weil Letzteres aber nach wie vor auf der B 462 zum Einsatz kommt, sollen nun die fehlerhaften Isolatoren auf der eWayBW-Strecke ausgetauscht werden. Die Verzögerung bis Januar 2022 ist aber nicht die erste Komplikation bei eWayBW. So hatte sich etwa die Montage der Oberleitungsmasten um viele Wochen verschoben. Außerdem konnte der Testbetrieb wegen Lieferproblemen bei Scania, Hersteller der OH-Lkw, erst etwa zwei Monate nach der offiziellen Eröffnung der Strecke am 28. Juni starten. „Bei Huettemann fehlt immer noch einer von zwei OH-Lkw“, erklärt Fuhrparkleiter Hans-Joachim Köhler. Der zweite soll diese Woche ankommen. Der erste OH-Lkw sei dagegen schon voll im Einsatz. „Das Fahrzeug wird rund um die Uhr genutzt.“ Im Schnitt seien es täglich 16 Touren zu Baden Karton in Gernsbach und zurück.

Die Spedition Fahrner transportiert mit den OH-Lkw Ware vom Gernsbacher Papierhersteller Mayr-Melnhof nach Kuppenheim. Dabei kommen drei OH-Lkw zum Einsatz. „Die Fahrzeuge sind bereits fest in den Fahrplan integriert“, erklärt Fuhrparkleiter Thomas Mast. Bei zwei OH-Lkw habe sich die Anlieferung verzögert. „Seit mehr als einem Monat sind aber alle da.“ Die gesammelten Daten zum Oberleitungs-Betrieb hätten Experten bereits regelmäßig aus den Fahrzeugen zur Analyse ausgelesen.

In den Sozialen Medien monieren Kritiker häufig, bisher keine OH-Lkw gesehen zu haben. „In den nächsten Wochen sehen sie ohnehin aus wie normale Lkw“, erklärt Mast. „Dann bleibt das Geweih, also der Stromabnehmer, unten.“ Neben den Kritikern gebe es aber auch Befürworter, sagt Fuhrparkleiter Thomas Mast. „Mehrere Menschen haben mich gefragt, ob sie mal eine Runde mitfahren können.“

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Ihr Autor

BNN-Redakteur Adrian Mahler

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Erstellt:
8. Dezember 2021, 18:45 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 02sec

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