Viel Muße im neuen Baden-Badener Literaturmuseum

Baden-Baden (cl) – Baden-Baden und die Weltliteratur: Das interaktive „Muße – Literaturmuseum“ der Stadtbibliothek soll am 10. Oktober starten. Die Universität Freiburg erstellt die Konzeption.

Die „Flachware“ soll spannend inszeniert werden: Im „Muße – Literaturmuseum“ wird es Kästen geben, in denen die Besucher Texte entdecken können.  Foto: Stadtbibliothek Baden-Baden

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Die „Flachware“ soll spannend inszeniert werden: Im „Muße – Literaturmuseum“ wird es Kästen geben, in denen die Besucher Texte entdecken können. Foto: Stadtbibliothek Baden-Baden

In Baden-Baden hat sich im 19. Jahrhundert nicht nur eine große musikalische Salonkultur rund um Clara Schumann und Pauline Viardot gebildet, auch viele Schriftsteller der Weltliteratur besuchten die Sommerhauptstadt des europäischen Hochadels, um zu flanieren, genießen und dichten. Russische Literaten wie Nikolaj Gogol, Dostojewski und Turgenew, der sich hier eine Villa neben seiner verehrten Viardot baute, trafen in Baden-Baden aufeinander. Der US-Schriftsteller Mark Twain besuchte die noble Kurstadt, ebenso „Frankenstein“-Autorin Mary Shelley oder die Franzosen Alexandre Dumas, Honoré de Balzac und Victor Hugo. Auf Gerhart Hauptmann folgten im 20. Jahrhundert Bertolt Brecht und Alfred Döblin. Bis in die Gegenwart hinein zieht es Autoren an die Oos.

Ein neues Literaturmuseum will all diese Geschichten über die großen und die weniger bekannten Schriftstellerinnen und Schriftsteller in Baden-Baden in Erinnerung rufen. Im Gartenhaus der Stadtbibliothek Baden-Baden und im Lesecafé wird das neue „Muße – Literaturmuseum“ seinen Kern haben – und sich laut Bibliotheksleiterin Sigrid Münch mit 19 Stationen durch die ganze Bibliothek ziehen. Eingerichtet wird das „Muße – Literaturmuseum“ in Kooperation mit der Universität Freiburg. Es steht am Ende des Sonderforschungsbereichs „Muße“ der geisteswissenschaftlichen Fakultät als Pilotprojekt. 2016 hat die Uni ihr Sonderforschungsgebiet gestartet, in diesem Jahr mündet es in die Realisierung des Museums. Die Eröffnung des Baden-Badener Literaturmuseums ist am 10. Oktober geplant.

„Es wird das größte Literaturmuseum Deutschlands werden“, sagt die Forschungsleiterin, die Freiburger Slawistik-Professorin Elisabeth Cheauré, im BT-Gespräch. Überall im Haus werden die Besucher auf die Literaturgeschichte Baden-Badens stoßen. Cheaurés Absicht: „Die Geschichte Baden-Badens gespiegelt an Weltliteratur, und Weltliteratur gespiegelt an Baden-Baden.“ Das Spektrum der Themen reicht von großen Romanen, über Krimigeschichten, Liebesromane, Lesekultur und Herausgebergeschichten – seit dem Mittelalter bis in die Gegenwart. „In der Breite der Thematik schlagen wir jedes Literaturmuseum in der Bundesrepublik“, so die Bibliotheksleiterin.

Forschungsprojekt der Universität Freiburg

Ein solch groß angelegtes Projekt braucht viele Unterstützer: Hauptförderer der umfassenden Maßnahme ist die Deutsche Forschungsgemeinschaft, sie stemmt nicht nur die Kosten für den Sonderforschungsbereich, sondern auch die Personalkosten in der Einrichtungsphase des Museums. Als Kooperationspartner sind die Uni Freiburg selbst, Land und Bund, etwa die Arbeitsstelle für literarische Museen, Gesellschaften und Gedenkstätten in Marbach und jene in Berlin, dabei. Die Baden-Badener Bibliotheksgesellschaft sowie die Stadt Baden-Baden unterstützen das Projekt auch.

Bereits seit der Sanierung und Erweiterung der Stadtbibliothek 2010 reifte die Idee, das alte Literaturmuseum ebenfalls umzugestalten. „Dort waren nur fünf Dichter präsentiert, und der Rest der Baden-Badener Literaturgeschichte fiel durchs Raster“, so Münch – „es war auch nicht mehr zeitgemäß.“ Damals habe sie bereits mit der Freiburger Literaturprofessorin Elisabeth Cheauré über die Idee gesprochen, Gartenhaus und neues Lesecafé zum Literaturmuseum umzugestalten. Erst 2016 mit dem neu an der Uni Freiburg aufgenommenen Sonderforschungsbereich „Muße“ sei es konkret geworden, dann kamen Stadtbibliothek mit Literaturmuseum als Transferprojekt zu „Muße“ hinzu. Die Deutsche Forschungsgemeinschaft bewilligte die zusätzlichen Mittel für das Pilotprojekt von „Muße“ im November 2018 zum zweiten Mal – das sei der Startschuss zur Einrichtung des Literaturmuseums in Baden-Baden gewesen. Dass ein solcher Forschungsbereich einer geisteswissenschaftlichen Fakultät, anders als in der Medizin und der Naturwissenschaft, überhaupt zu einem konkreten Projekt in der Praxis führe, sei sehr selten, so Cheauré. Sie arbeitet zusammen mit der Freiburger Slawistik-Dozentin Regine Nohejl an der Umsetzung.

Die Einrichtung des Literaturmuseums hat bereits begonnen. Die im Gartenhaus ehedem eingerichteten „Dichterzimmer“ für Otto Flake und die Baden-Badener Autoren – Reinhold Schneider, Werner Bergengruen, Georg Groddeck und Franz Büchler – sind bereits ausgeräumt. Sie werden künftig in den großen Zusammenhang eingebettet sein: Objekte wie der Sessel aus dem Nachlass Otto Flakes, Schneiders Kachelofen aus seiner Wohnung in Freiburg (Dauerleihgabe der Landesbibliothek Karlsruhe), seine Büste genauso wie jene Bergengruens werden integriert. „Fast überall im Haus werden Ausstellungselemente zu entdecken sein, damit jeder Besucher in die Literaturgeschichte Baden-Badens eintauchen kann“, so Münch – und sich dabei in Sesseln schmökernd niederlassen kann. Die „Muße“ steht als wichtigster Aspekt über dem Museumsrundgang.

Sherlock Holmes ermittelte einst in Baden-Baden

Ein Vorgeschmack auf die künftige Einrichtung des Literaturmuseums haben die Freiburger Wissenschaftlerinnen zum Turgenew-Jahr 2018 gegeben: Anlässlich des 200. Geburtstags des russischen Schriftstellers und Wahl-Baden-Badeners richteten sie die Turgenew-Schau „Russland in Europa – Europa in Russland“ in der Stadtbibliothek ein. Sie war eine Erprobung dafür, „wie man die Flachware spannend präsentiert und Medien einsetzt“, sagt die Bibliotheksleiterin. Die Kuratorinnen Cheauré und Nohejl wollen das Museum ähnlich gestalten und setzen auf riesige aufschlagbare Buchseiten als wiederkehrende Elemente an den Stationen, neben den heute im Ausstellungsdesign üblichen interaktiven Angeboten, Video- und Hörstationen.

„Wir werden in dem neuen Museum viel mit Schubladen arbeiten, die man entdecken kann“, so Cheauré – kein strenger Leitfaden soll dem Besucher vorgegeben werden, jedwede Reizüberflutung soll vermieden werden, vielmehr würde mit dezenten, angenehmen Gerüchen eine positive Stimmung angeregt – nichts soll dem guten Buch im Wege stehen. Natürlich sollen die Bücher, um die es in den Räumen geht, überall liegen: als Lese-Angebote. Auch die Bibliotheksbesucher, die nur zur Ausleihe kommen, sollen mit der „Muße“ in Verbindung gebracht werden. „Das Alleinstellungsmerkmal des ,Muße – Literaturmuseums‘ ist die Verbindung von Bibliothek und Museum“, fügt die Freiburger Wissenschaftlerin Nohejl hinzu, „diese Synthese ist unglaublich fruchtbar.“ Oberstes Prinzip sei jedoch der Mut zum Text: „Wir beharren darauf, dass Lesen mit Texten zu tun hat, mit großen Texten, und wir haben keine Scheu davor sie auch mit zu integrieren.“

Die ausgestellten Texte sollen Geschichten erzählen: Es geht den Kuratorinnen um das Narrativ, mit dem die Besucher hinein in die Epoche und zu den Literaten in Baden-Baden geführt werden: ob es sich um Twains Baden-Baden-Erfahrungen, jene von Friedrich Nietzsche, um weitgehend vergessene jüdische Schriftsteller zur Zeit des Nationalsozialismus oder die Aufzeichnungen einer russischen Hofdame handelt. Baden-Baden nehmen auch Cheauré und Nohejl als viel beschworenen „Sehnsuchtsort“, als ein idealer Ort der Muße inmitten der Natur. Auch die Kehrseiten, die eitle Welt und die oberflächliche Gesellschaft, das Spiel und die Katastrophen, die durch die Spielsucht entstanden, sollen gezeigt werden – gerne auch im Krimi. „Wir haben sogar eine Sherlock-Holmes-Geschichte entdeckt, die in Baden-Baden spielt, und den allerersten englischen Krimi, Baden-Baden ist Ort des Verbrechens.

„Die Bücher der Autoren sind ja alle zum Ausleihen da“, ergänzt Sigrid Münch. „Wenn ich mich in der Ausstellung festgelesen habe, habe ich auch die Möglichkeit, das Buch auszuleihen oder es vor Ort weiterzulesen.“


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