Viel zu viel Essen landet im Müll

Stuttgart (bjhw) – Rund zwölf Millionen Tonnen noch verzehrbarer Ware landen Jahr für Jahr in Deutschland im Müll. Neue Zahlen belegen, dass vor allem jüngere Verbraucher ausgesprochen sorglos sind.

Oft landen Lebensmittel in der Tonne, die noch problemlos zum Verzehr geeignet sind. Foto: Oliver Berg/dpa

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Oft landen Lebensmittel in der Tonne, die noch problemlos zum Verzehr geeignet sind. Foto: Oliver Berg/dpa

An guten Beispielen ist kein Mangel: In Rutesheim (Kreis Böblingen) beweist ein Hotel im Praxistest, wie viele Lebensmittel vor dem Verfall bewahrt werden können, wenn den Gästen zum Frühstück nur das serviert wird, was sie bestellen, anstatt ein üppiges Buffet vorzuhalten. In Ketsch (Rhein-Neckar-Kreis) steht in einem Supermarkt ein sogenannter Rettungskühlschrank hinter den Kassen, in dem sich Kunden kostenlos eindecken dürfen.
Oder: Edeka Südwest hat einen Webshop im eigenen Intranet eingerichtet, um Lebensmittel loszuwerden, statt sie zu vernichten. Baden-Württemberg ist bundesweit eines der Pionierländer in Sachen Verwertung. Neue Zahlen belegen jedoch, dass vor allem jüngere Verbraucher ausgesprochen sorglos sind.

Die Bundesregierung hat 2019 eine Nationale Strategie zur Reduktion der Lebensmittelverschwendung konzipiert. Sie orientiert sich am globalen Nachhaltigkeitsziel, „bis 2030 die weltweite Nahrungsmittelverschwendung pro Kopf auf Einzelhandels- und Verbraucherebene zu halbieren“. Als erstes Bundesland hat Baden-Württemberg die Vermeidung in seinen Abfallwirtschaftsplan aufgenommen. 2018 wurde außerdem ein Maßnahmenplan verabschiedet, um – unter anderem – Konsumenten zu informieren und zu sensibilisieren.

Für die Hälfte der Vergeudung sind private Haushalte verantwortlich

Peter Hauk (CDU), der zuständige Minister für den ländlichen Raum, weiß, dass es vielfach schon am Grundwissen mangelt. „Nach Ablauf des Verbrauchsdatums gelten Lebensmittel als nicht sicher und dürfen nicht mehr an andere Personen weitergegeben werden“, schreibt er in seiner Antwort auf die Anfrage der CDU-Fraktion. Die Weitergabe von Lebensmitteln mit abgelaufenem Mindesthaltbarkeitsdatum sei nicht verboten, „allerdings bedarf es großer Sorgfalt beim Umgang“. Zugleich seien sie oft „noch ohne Bedenken genießbar“. Dennoch landen pro Jahr in ganz Deutschland rund zwölf Millionen Tonnen davon im Müll, gut die Hälfte verursacht durch private Haushalte. Die Produktion ist für zwölf Prozent verantwortlich, die Verarbeitung für 18 und die Außer-Haus-Verpflegung, etwa in Gaststätten und Hotels, aber auch in Schulen und Heimen für 14. Auf den Handel entfallen nur vier Prozent. „Über alle Sektoren wäre etwa die Hälfte vermeidbar“, so Hauk weiter.

Die Duale Hochschule in Heilbronn hat sich bereits in verschiedenen Untersuchungen mit den Gründen für Verschwendung befasst und hat jetzt speziell die Gewohnheiten junger Erwachsener durchleuchtet. 134 Probanden im Durchschnittsalter von knapp 23 Jahren mussten zwei Wochen lang anonym per Handy ihr Verhalten dokumentieren. Nach Abschluss der Feldphase lagen rund tausend Fotos und 5000 Antworten vor. Alle Befragten entsorgten neben unvermeidbaren Abfällen wie Schalen, Kernen oder Kerngehäusen auch Lebensmittel, die für den Verzehr prinzipiell geeignet gewesen wären. Und zwar durchschnittlich 250 Gramm pro Tag, wovon 170 Gramm vermeidbar gewesen wären, also fast zwei Drittel.

Und die Autoren haben auch einen Tipp, wo die Sensibilisierung ansetzen müsste. Denn es könne sein, „dass das Wegwerfen von Lebensmitteln eine wenig reflektierte Konsumentscheidung darstellt oder dass sie Lebensmittel wegzuwerfen als Teil ihres Strebens nach Selbstbestimmung sehen“. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Rolle junger Erwachsener als Trendsetter werden dringend gezielte Kampagnen empfohlen.

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Erstellt:
21. August 2020, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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