Viele Corona-Effekte und ein großer Betrugsfall

Offenburg (ab) – Das Polizeipräsidium Offenburg hat am Mittwoch die Kriminalitätsstatistik 2021 für Mittelbaden vorgestellt. Erneut nahm die Corona-Pandemie Einfluss auf das Kriminalitätsgeschehen.

Im vergangenen Jahr gab es in Mittelbaden eine rückläufige Zahl an Diebstählen, während Sexualdelikte in der Statistik zulegten. Foto: BT/Quelle: Polizeipräsidium Offenburg .

Im vergangenen Jahr gab es in Mittelbaden eine rückläufige Zahl an Diebstählen, während Sexualdelikte in der Statistik zulegten. Foto: BT/Quelle: Polizeipräsidium Offenburg .

Entgegen dem Landestrend ist die Zahl der registrierten Straftaten in Mittelbaden im vergangenen Jahr um drei Prozent auf 40.081 Fälle gestiegen. Diese Zahlen hat das Polizeipräsidium Offenburg am Mittwoch bei der Vorstellung der Kriminalstatistik 2021 für den Ortenaukreis, den Landkreis Rastatt und den Stadtkreis Baden-Baden genannt. Allerdings schlägt dabei ein einzelner Betrugskomplex zu Buche, bei dem es rund 4.200 mutmaßliche Einzeldelikte und Geschädigte gibt – und zwar bundesweit.

Der Fall ist noch nicht abgeschlossen. Wie der kommissarische Leiter der Kriminalpolizeidirektion Offenburg, Hans-Martin Berl, erklärte, sollen zwei Männer von Bühl aus bundesweit betrügerische Nachnahmesendungen verschickt haben. Dabei seien den Empfängern „nicht erbrachte Leistungen“ in Rechnung gestellt worden; beispielsweise wurde behauptet, der Empfänger habe ein Los bestellt. Die geforderten Summen sollen eher klein gewesen sein, im Schnitt 150 bis 200 Euro. Wurde nicht gezahlt, erhöhten die mutmaßlichen Betrüger den Druck mit Inkassoschreiben. Berl zufolge entstand ein Schaden von rund 680.000 Euro. Und wenn tatsächlich alle Empfänger bezahlt hätten, wäre sogar ein potenzieller Schaden von drei Millionen Euro möglich gewesen, so der Kriminalbeamte.

Paradoxer Effekt auf Statistik

In der Kriminalstatistik wirkt sich der Fall paradox aus – während einerseits nämlich die Fallzahlen insgesamt dadurch nach oben schnellen, erreicht zugleich die Aufklärungsquote einen Höchstwert von 72,1 Prozent. Polizeipräsident Reinhard Renter betonte aber auch: „Insgesamt ist unsere Aufklärungsquote grundsätzlich über dem Landesschnitt.“ Mit Blick auf das Kriminalitätsgeschehen in Mittelbaden erklärte er, dass „insgesamt eine positive Entwicklung zu vermelden“ beziehungsweise ein „Abwärtstrend“ bei den Straftaten zu verzeichnen sei. Renter räumte allerdings ein, dass nach dem Ende der Corona-Pandemie wieder „neue Trends“ zu erwarten seien.

Denn Corona beeinflusste auch im vergangenen Jahr das Geschehen stark. So sank die Zahl der Diebstahlsdelikte erneut um 14 Prozent (auf 8.839) – einer der Gründe dafür war die pandemiebedingte Schließung vieler Geschäfte, was weniger Ladendiebstähle zur Folge hatte. Gleichzeitig beobachtet die Polizei eine „strukturelle Änderung“ hin zur Cyberkriminalität, wie der Leiter der Schutzpolizeidirektion Norbert Schneider ausführte. Daher habe man bei der Schutzpolizei ein spezielles Online-Team eingerichtet.

Rückgang bei Wohnungseinbrüchen

Den „erfreulichen Rückgang“ bei Wohnungseinbrüchen (309 Fälle, minus 16,3 Prozent) führte Schneider auf mehrere Faktoren zurück: Konzeptionelle Maßnahmen der Polizei, mehr Abschreckung der Täter wegen verschärfter Gesetze – und wiederum Corona-Effekte: „Die Menschen waren zuhause beziehungsweise im Homeoffice.“ Damit seien die Gelegenheiten für Einbrecher gesunken. Auch bei der sinkenden Gewaltkriminalität (980 Fälle, minus 6,2 Prozent) spielt nach Einschätzung der Polizei die Pandemie zumindest teilweise eine Rolle: Geschlossene Clubs und Diskotheken beispielsweise führten zu einem Rückgang bei Schlägereien, so Schneider.

Zunahme bei Sexualstraftaten

Doch es gab auch Bereiche, in denen die Statistik für das vergangene Jahr nach oben ausschlägt: So bei den Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung (plus 38,1 Prozent auf nunmehr 874 Fälle). Hans-Martin Berl sieht hier die schärferen Gesetze und ein entsprechend verändertes Anzeigeverhalten von Geschädigten als wichtige Ursachen. Auch beim Bereich Kinderpornografie differenziert der kommissarische Kripo-Chef: In diesem Deliktbereich gab es einen besonders deutlichen Anstieg, nämlich um 101 Prozent auf 392 Fälle. „75 Prozent davon sind Schulhofkriminalität“, berichtet Berl. Das bedeutet: Jugendliche verschicken entsprechende Bilder in Chatgruppen und leiten sie weiter. „Das sind keine Schwerverbrecher“, so Berl, „das sind nicht-denkende junge Menschen.“ Aber seit einer Gesetzesänderung sind auch diese Handlungen als Verbrechenstatbestand eingestuft, erklärt der Experte. Bei 20 Prozent der Fälle geht die Polizei Berl zufolge von einem „pädophilen Hintergrund“ aus und bei fünf Prozent von einem konkreten sexuellen Missbrauch.

Bleiben noch die Vermögens- und Fälschungsdelikte (plus 37,1 Prozent auf 11.351 Fälle): Neben dem spektakulären Fall aus Bühl wurden auch immer wieder Menschen mit dem Enkeltrick geschädigt, oder durch das Auftreten falscher Polizeibeamter oder durch falsche Gewinnversprechen beziehungsweise Anlagebetrug. „Da sind hochprofessionelle Callcenter aktiv, zumeist aus dem Ausland“, erläutert Berl. Und so geschehe es, dass es immer wieder zu hohen Auszahlungen der Geschädigten komme.

Ihr Autor

Armin Broß

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Erstellt:
16. März 2022, 19:00 Uhr
Lesedauer:
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