Viele Lehrkräfte kämpfen mit psychischen Belastungen

Stuttgart (bjhw) – Der Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung, Gerhard Brand, sorgt sich um Personalmangel an Schulen.

Gerhard Brand, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Foto: Sina Schuldt/dpa

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Gerhard Brand, Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung. Foto: Sina Schuldt/dpa

Das Thema Lehrkräftemangel begleitet Gerhard Brand durch seine gesamte bisherige Amtszeit. Seit 2010 ist der frühere Rektor der Grund- und Hauptschule in Alfdorf (Rems-Murr-Kreis) Landesvorsitzender des Verbands Bildung und Erziehung (VBE). Seither, sagt er, höre er von immer neuen Landesregierungen, es brauche sieben Jahre, bis sich die Schaffung neuer Studienplätze auch im Schulalltag niederschlägt.

„Der Lehrermangel könnte also behoben sein“, erklärt Brand in Stuttgart vor Journalisten, aber das Gegenteil sei der Fall. Nicht erst in der Pandemie schlügen die Mehrbelastungen im Alltag auch auf die Gesundheit der Lehrkräfte durch.

Forsa hat im Auftrag des VBE bundesweit im vergangenen Herbst eine Umfrage unter 1.300 Schulleitungen durchgeführt, 258 davon in Baden-Württemberg. 96 Prozent gaben an, die ohnehin hohen Anforderungen seien in den vergangenen Jahren durch Corona noch einmal gestiegen. Konkrete Rückmeldungen gibt es laut Brand unter anderem zur Testüberwachung und Kindern, die regelmäßig oder immer wieder ungetestet in die Schule kommen: „Eltern gehen deutlich schärfer als früher mit Lehrern um.“

Entwicklung ist besorgniserregend

Fast jede zweite der beteiligten Schulleitungen im Land teilt mit, dass Lehrkräfte wegen psychischer Erkrankungen längere Zeit ausfallen. 2019, bei einer ähnlichen Umfrage, war es noch jede dritte. „Die Entwicklung ist ebenso rasant, wie sie beunruhigend ist“, so der VBE-Chef bei der Präsentation der Umfrage-Ergebnisse weiter. Das Land als Dienstherr verletzte seine Fürsorgepflicht aufs Gröbste, auch weil zwei Drittel der Schulleitungen überhaupt keine Chancen sähen, selbst zur Gesunderhaltung der Kollegien beizutragen. Zwar würden die Möglichkeiten zum regelmäßigen Austausch über Belastungen und Probleme genutzt, da aber der Lehrermangel so groß sei, bleibe dafür viel zu wenig Zeit.

Der VBE hat den Bildungswissenschaftler Klaus Klemm, der sich seit Jahren mit den Versorgungslücken befasst, um eine Prognose bis 2030 gebeten. Danach werden bundesweit mehr als 80.000 Lehrkräfte fehlen, im Land sind es 10.600. Das Kultusministerium verweist darauf, dass die Zahl der Studienplätze fürs Grundschul-Lehramt von 970 auf knapp 1.700 erhöht wurde. „Und die ersten Ausbaustufen beginnen bereits zu greifen“, sagt ein Sprecher. Besonders unter Druck sind gerade Grundschulen sowie Sonderpädagogische Bildungs- und Beratungszentren (SBBZ) und regional die Unterschiede riesig zwischen Karlsruhe und Umgebung mit vergleichsweise wenigen Problemen und Tuttlingen oder dem Alb-Donau-Kreis. Gerade die Gesundheitsförderung kann sich nach Brands Erwartungen als Standortvorteil erweisen, da sich Lehrkräfte schulscharf bewerben.

Bessere Eingangsbesoldung gefordert

Zumindest mittelfristig könnte eine bessere Begleitung von Lehramtsstudierenden Abhilfe schaffen. Die Bertelsmann-Stiftung hat sich mit den Abbrecherquoten bundesweit befasst, und das Stuttgarter Kultusministerium noch in der vergangenen Legislaturperiode modellhaft errechnet, dass gegenwärtig 45 Prozent aller Studierenden, die sich für ein Grundschullehramt entscheiden, keinen Abschluss machen. Einen Grund dafür sieht Brand in der Bezahlung. Die wollte schon Grün-Rot ändern. Eine eigens zur Lehrerbildungsreform eingesetzte Kommission empfahl eine bessere Eingangsbesoldung an Grundschulen, jedoch wurde diese Idee Mitte 2013 aus Kostengründen verworfen. Da war der VBE-Landesschef noch keine drei Jahre im Amt.


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