Viele offene Baustellen

Baden-Baden (red) – Das Land hat in den vergangenen Jahren zu wenig Geld in die Verkehrsinfrastruktur investiert. So ein Ergebnis des BaWüCheck, einer Umfrage der Tageszeitungen in Baden-Württemberg.

Zu viele Staus empfinden rund die Hälfte der Befragten als großes verkehrspolitisches Problem im Land. Foto: Peter Steffen/dpa

© dpa

Zu viele Staus empfinden rund die Hälfte der Befragten als großes verkehrspolitisches Problem im Land. Foto: Peter Steffen/dpa

Marode Straßen, teure Ticketpreise im öffentlichen Nahverkehr und viele Staus: In der baden-württembergischen Bevölkerung herrscht ein breiter Konsens darüber, dass in den letzten Jahren zu wenig in die Verkehrsinfrastruktur des Landes investiert worden ist. Das hat der BaWüCheck, eine Umfrage der Tageszeitungen in Baden-Württemberg, ergeben.

In ihrer gemeinsamen Umfrage wollen die Tageszeitungen im Südwesten wissen, wie zufrieden die Menschen in Baden-Württemberg mit der Arbeit der Landesregierung sind. Insgesamt fünf Fragerunden wird es bis zur Landtagswahl im kommenden Jahr geben. Die Befragung im Auftrag der Tageszeitungen übernimmt dabei das Institut für Demoskopie Allensbach (IfD). Verkehrspolitiker stehen vor der Herausforderung, den Ansprüchen nach individueller Mobilität und den Forderungen nach mehr Klimaschutz gleichermaßen gerecht zu werden.

Verkehrspolitik unter der Lupe

Nach dem Thema Bildung/Schule wird nun die Verkehrspolitik unter die Lupe genommen. Die Bevölkerung in Baden-Württemberg bewertet im BaWüCheck den Zustand der Verkehrsinfrastruktur und die aus ihrer Sicht größten verkehrspolitischen Herausforderungen. Laut den Ergebnissen sind 64 Prozent der Bürger überzeugt, dass in den vergangenen Jahren zu wenig in die Verkehrsinfrastruktur des Landes investiert wurde. Nur neun Prozent sind der Meinung, dass ausreichend investiert wurde – vor fünf Jahren waren dies noch 25 Prozent. Entsprechend fällt auch das Urteil über die bestehende Verkehrsinfrastruktur eher verhalten aus. Dabei bewerten die Bürger die Autobahnen in Baden-Württemberg tendenziell etwas positiver als die Straßen im Nahbereich. Der schlechte Zustand vieler Straßen bewegt die Bürger: 45 Prozent sehen darin ein großes Problem.

Zu den weiteren großen Verkehrsproblemen im Land zählen nach Auffassung der Bürger die Überlastung durch den Verkehr, Defizite im öffentlichen Nahverkehr sowie eine schlechte Verkehrsanbindung. 52 Prozent halten die hohen Preise im öffentlichen Nahverkehr für das größte verkehrspolitische Problem in Baden-Württemberg, 50 Prozent die vielen Staus, 43 Prozent auch den Mangel an Parkmöglichkeiten in den Innenstädten. Weitere 41 Prozent sehen in der Überlastung der Innenstädte ein großes Problem, 38 Prozent in der schlechten Verkehrsanbindung.

Themen, die im Zusammenhang mit dem Umweltschutz diskutiert werden, gehören aus Sicht der Mehrheit weit weniger zu den verkehrspolitischen Baustellen des Landes. Ein Mangel an Radwegen wird lediglich von jedem Vierten beklagt, der schlechte Zustand des Schienennetzes nur von 17 Prozent und fehlende Carsharing-Angebote sogar nur von jedem Zehnten.

Große Unterschiede in Stadt und Land

Eine große Herausforderung der Verkehrspolitik sind die teilweise sehr unterschiedlichen Bedürfnisse von Stadt- und Landbevölkerung. So werden von den Bewohnern der Großstädte vor allem die hohen Ticketpreise für öffentlichen Nahverkehr sowie die Stausituation auf vielen Straßen als große Probleme ausgemacht. Bewohner ländlicher Regionen ärgern sich dagegen überproportional oft über die schlechte Verkehrsanbindung ihres Wohnorts sowie speziell darüber, dass es bei ihnen zu wenige Verbindungen des öffentlichen Nahverkehrs gibt.

Da sowohl der öffentliche Nahverkehr als auch der Zustand des Straßennetzes von der Bevölkerung kritisch gesehen werden, stehen für die große Mehrheit Investitionen in den öffentlichen Nahverkehr auch nicht in Konkurrenz zum Ausbau des Straßennetzes. Im Gegenteil: 56 Prozent plädieren dafür, dass zukünftig sowohl in den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs als auch in den Bau und die Sanierung von Straßen investiert werden soll. Nur 17 Prozent halten die Erneuerung des Straßennetzes für ein vorrangiges Ziel der Verkehrspolitik, 23 Prozent den Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs.

Verkehrswende nicht in Sicht

Verkehrspolitik und Mobilität werden zunehmend unter Klimaschutzaspekten diskutiert. Die Umsetzung von Klimaschutzzielen kann aber nur gelingen, wenn auch die Bevölkerung ihr Mobilitätsverhalten ändert. Dies scheint derzeit nur bedingt der Fall zu sein.

Nach wie vor ist das Auto für die überwältigende Mehrheit der baden-württembergischen Bevölkerung das mit Abstand wichtigste Fortbewegungsmittel. Gut drei Viertel der Baden-Württemberger nutzen ihr Auto täglich oder mehrmals wöchentlich. Für die allermeisten von ihnen ist der eigene Pkw unverzichtbar und ein Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr keine echte Alternative. 68 Prozent derer, die täglich oder mehrmals in der Woche mit dem Auto unterwegs sind, schließen einen Umstieg auf den öffentlichen Nahverkehr für sich aus, lediglich 20 Prozent sehen darin eine ernsthafte Alternative.

Obwohl die Mehrheit überzeugt ist, dass der Elektromobilität die Zukunft gehört, fehlt es dieser Antriebsart nach wie vor an einem breiten Rückhalt in der Bevölkerung. Ein Umstieg auf ein Elektroauto käme immerhin für jeden Dritten infrage. Damit liegen die Potenziale für Elektroautos in Baden-Württemberg deutlich über dem Bundesdurchschnitt. Überdurchschnittlich aufgeschlossen sind die junge und die mittlere Generation.

Im Zusammenhang mit dem Klimaschutz wird regelmäßig über ein generelles Tempolimit auf Autobahnen diskutiert. 47 Prozent würden ein Tempolimit begrüßen, nur gut jeder Dritte spricht sich eindeutig gegen eine Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit aus. Vor die Wahl gestellt, fänden 37 Prozent der Bürger eine Höchstgeschwindigkeit von 130 km/h am besten, 31 Prozent plädieren für eine Begrenzung auf 140 km/h.

Mehr Tadel als Lob für Verkehrsminister

Insgesamt fällt das Urteil über die Verkehrspolitik des Landes gemischt aus. Knapp jeder Dritte stellt der grün-schwarzen Regierung ein gutes Zeugnis aus, 39 Prozent bewerten die Arbeit kritisch. Knapp ein Drittel traut sich kein Urteil zu – ein Zeichen, dass viele verkehrspolitische Entscheidungen von einem Großteil der Bevölkerung gar nicht wahrgenommen werden.

Dies zeigt sich auch im Urteil über den Verkehrsminister. 36 Prozent trauen sich kein Urteil über Winfried Hermann (Grüne) zu, weiteren 26 Prozent ist der Verkehrsminister zudem völlig unbekannt. Unter denen, die ein Urteil abgeben, haben die Kritiker (26 Prozent) eine Mehrheit gegenüber den Befürwortern (12 Prozent) von gut zwei zu eins.

Daneben wollten die Tageszeitungen wissen, welchen Stand das Bauprojekt Stuttgart 21 bei der Bevölkerung inzwischen hat. Mittlerweile hat das kontrovers diskutierte Thema zwar ein wenig an Aufmerksamkeit verloren, das Meinungsbild hat sich jedoch im Laufe der Jahre nur wenig verändert. Aktuell stehen vier von zehn Baden-Württemberger Stuttgart 21 kritisch gegenüber, nur gut jeder Vierte befürwortet das Bauprojekt.

Der aktuelle BaWüCheck im Auftrag der Tageszeitungen im Südwesten macht deutlich, dass es der Landesregierung nur eingeschränkt gelingt, mit ihrer Verkehrspolitik den Vorstellungen und Anforderungen der Bevölkerung gerecht zu werden.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.