„Vielen Kindern droht ein schwerer Schulstart“

Von Yvonne Hauptmann

Rastatt (yd) – In manchen Kindergärten spitzt sich die Lage zu. Eine Erzieherin und ein Erzieher schildern, was schief läuft.

„Vielen Kindern droht ein schwerer Schulstart“

Desillusioniert: Die beiden Erzieher Abygail Kurugöl und Fabian Förderer aus Durmersheim. Foto: Yvonne Hauptmann

Immer mehr Kinder, immer weniger Fachpersonal, dazu noch zwei Jahre Corona: In den Kindertagesstätten brennt‘s, mancherorts ist die Lage prekär. Gruppen werden geschlossen, Öffnungszeiten gekürzt, Kinder nicht mehr aufgenommen. Abygail Kurugöl und Fabian Förderer aus Durmersheim wissen das nur zu gut, sie erleben die Missstände jeden Tag am eigenen Leib: Beide sind ausgebildete Erzieher und arbeiten an einer Kita im Rastatter Umland. Beide machen gerade ihren Fachwirt. Und beide sagen: „Wenn es so weiter geht, ist die Bildung unserer Kinder in akuter Gefahr.“ Warum wenden sich Abygail Kurugöl und Fabian Förderer, wie auch viele andere Erzieher, jetzt an die Öffentlichkeit und schlagen Alarm?

„An der Elly-Heuss-Knapp-Schule in Bühl, wo wir beide gerade unseren Fachwirt machen, wurde uns der sogenannte ,Kita-Fahrplan 2025‘ vorgestellt. Ein Positionspapier, das vom baden-württembergischen Städte- und Gemeindetag beschlossen und an die Landesregierung weiter geleitet wurde. Sämtlichen Schülern ist dabei die Kinnlade herunter gefallen. Es herrschte Fassungslosigkeit und die einhellige Meinung: Wenn das so kommt, kann ich in diesem Beruf nicht mehr arbeiten“, sagt Förderer.

Was besagt der „Kita-Fahrplan 2025“, welche Maßnahmen sieht er vor?

Der Gemeindetag fordert, Maßnahmen, die in der Pandemie eingeführt wurden, auf Jahre hinweg zu festigen. Begründet wird dies mit der steigenden Zahl an Kindern, die betreut werden müssen sowie mit dem Fachkräftemangel in den Einrichtungen. Konkret soll der Stellenschlüssel fortan um 20 Prozent unterschritten werden und gleichzeitig die zulässige Gruppengröße um zwei Kinder erhöht werden. Das heißt: Weniger Personal für mehr Kinder. Außerdem ist die Erweiterung des Fachkräfteangebots um „geeignete Personen“ vorgesehen. Das heißt: Es wird kein geeignetes Fachpersonal mehr benötigt, um Kinder zu betreuen. „Im Prinzip darf das dann bald jeder Laie“, erklärt Abygail Kurugöl. „Und das, wo sich die Anforderungen in unserem Job, wo sich die gesamte Arbeit in den vergangenen fünf Jahren komplett gewandelt haben – zum Negativen hin“, ergänzt ihr 28-jähriger Lebenspartner.

Was genau hat sich verändert, dass der Erzieherberuf heutzutage für viele so unattraktiv geworden ist?

„Seit 2007 hat es keine Reform mehr gegeben“, sagt Fabian Förderer. „Seit 2007 bis 2021 ist aber beispielsweise die Zahl der Unter-Dreijährigen im Land, die in Krippen betreut werden, um 193 Prozent gestiegen. Sprich: Die Kinder werden immer jünger und der Trend geht bei den Eltern auch dazu, sie immer länger betreuen zu lassen.“ Der Personalzuwachs steht dazu in keinem Verhältnis. Hinzu komme die Platzproblematik, die in fast jeder Kindertageseinrichtung ein Problem sei: „Die Räume sind einfach nicht groß genug. Wenn bald noch zwei Kinder mehr pro Gruppe kommen, wo sollen die denn hin?“, fragt der Durmersheimer. „Die Kleinen haben jetzt schon ein immenses Problem mit dem Lärm, müssen sich beim Spielen anbrüllen“, fügt die 24-jährige Erzieherin an.

Wertschätzung gesunken

Welche Rolle spielen die Eltern?

Man habe den Eindruck, viele Eltern überließen die Erziehungsarbeit inzwischen komplett der Einrichtung, in der ihr Kind betreut wird. „Das war früher, als ich vor zehn Jahren angefangen habe, nicht so“, sagt Fabian Förderer. „Zudem sind die Ansprüche immens gestiegen, etwa im Bereich der Vorschule, die Wertschätzung uns Erziehern gegenüber aber gesunken, so hat man den Eindruck“, so seine Partnerin und Kollegin.

Sind die Probleme durch die Pandemie schlimmer geworden?

„Jein“, glauben Förderer und Kurugöl. Die Pandemie wirke vielmehr wie ein Brennglas, lasse Probleme, die es zuvor schon gegeben habe, deutlicher zutage treten und verschärfe die Situation natürlich. „Die Kinder haben sich in der Pandemie verändert, das ist unbestritten.“

Was sind die Folgen dieser Entwicklung?

„Ich betreue 21 Kinder und zehn davon haben Defizite“, sagt die Erzieherin. „Ich kann mich aber nicht um jedes Kind kümmern. Ein Beispiel: Man hat ein Kind mit Förderbedarf. Bis die richtige Diagnose gestellt ist und die Integrationshilfe dann endlich kommt, ist das Kind fünf. Bis dahin sind alle, die es betreuen, ausgebrannt.“ Die Kinder seien nur noch Nebensache, stellt Fabian Förderer fest. „Die braven, gut sozialisierten Kinder laufen inwischen völlig unterm Radar, weil wir nur noch am Feuerlöschen sind.“ Das dicke Ende komme dann, wenn die Kinder eingeschult werden: „Vielen droht ein extrem schwerer Schulstart. Man schießt sich ein Eigentor, wenn man glaubt, man könne die Situation durch den ,Kita-Fahrplan 2025’ weiter verschärfen und habe mit keinen Konsequenzen zu rechnen.“

Welche Maßnahmen sind nötig, um das Ruder noch einmal herumzureißen?

Förderer und Kurogöl glauben, dass sich vor allem an der Bezahlung der Erziehungspersonen etwas ändern muss. Beide verdienen etwa 2.000 Euro netto im Monat. „Um eine Familie zu ernähren, reicht das nicht heutzutage“, sagt Förderer. Einige Gemeinden im Umkreis würden die Erzieherinnen in ihren Einrichtungen inzwischen als Sozialpädagogen in die entsprechend höhere Gehaltstabelle eingruppieren. „Das ist ein Anfang. Wir leisten hier Bildungsarbeit, müssen nach Orientierungsplan arbeiten und sind angehalten, die Entwicklung der Kinder genau zu dokumentieren. Warum bezahlt man uns nicht endlich auch entsprechend?“, fragt sich Abygail Kurogül.

Auch an der Wertschätzung in der Gesellschaft müsse sich etwas ändern. „Und natürlich an den Gegebenheiten. Man muss bessere Arbeitsbedingungen schaffen“, sagt die 24-Jährige. Apropos Arbeitsbedingungen: „Die besten herrschen, soweit ich das sehe, momentan noch in den Kindertagesstätten, die sich in freier Trägerschaft befinden. Manche von denen machen das richtig gut“, sagt Fabian Förderer.

Welche persönlichen Konsequenzen ziehen Abygail Kurugöl und Fabian Förderer aus der Entwicklung der vergangenen Jahre?

„Dadurch, dass wir den Fachwirt machen, können wir uns auch beruflich verändern“, erklärt die Durmersheimerin. Ob es bei ihr nun in Richtung einer Stelle als Kita-Beauftragte bei einer Kommune oder auch als Lehrerin an eine Berufsschule gehe, sei aber noch völlig offen.

Fabian Förderer würde gerne in einer Kindertagesstätte bleiben: „Mein Herz ist echt bei den Kleinen, das war schon immer mein Traumjob.“ Wenn sich allerdings nichts ändere, müsse er sich aber wohl oder übel auch umorientieren. „Es macht mich so wütend, welchen Gegebenheiten wir teilweise ausgesetzt sind. Und es tut mir im Herzen weh, dass ich den Kindern nicht so gerecht werden kann, wie sie es eigentlich verdient haben, weil einfach das Drumherum nicht stimmt.“