„Vielleicht lernen wir jetzt, auch wieder sterben zu können“

Tübingen (naf) – Es gibt noch keine gesetzliche Regelung, trotzdem wird er in Deutschland bereits praktiziert: Medizinethiker Urban Wiesing von der Universität Tübingen über den assistierten Suizid.

Endlich Loslassen: Für Menschen, die am Ende einer schweren Erkrankung nicht mehr am Leben festhalten wollen, gibt es seit 2020 einen Ausweg. Foto: Jens Kalaene/dpa

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Endlich Loslassen: Für Menschen, die am Ende einer schweren Erkrankung nicht mehr am Leben festhalten wollen, gibt es seit 2020 einen Ausweg. Foto: Jens Kalaene/dpa

Im Februar 2020 hat das Bundesverfassungsgericht ein historisches Urteil gesprochen: Paragraf 217 des deutschen Strafgesetzbuches ist nichtig – heißt: Wer anderen beim Selbstmord hilft, bleibt straffrei. Der Auftrag an die Politik, das Urteil durch Gesetzgebung umzusetzen, lief aber ins Leere. Knapp eineinhalb Jahre später gibt es beim Thema Sterbehilfe noch immer keine klare Regelung.

Mit einem von der Akademie der Wissenschaften Leopoldina veröffentlichten Diskussionspapier wollen mehrere Wissenschaftler nun „einen Korridor aufzeigen“, wie Unterzeichner Urban Wiesing sagt. „Es ist nicht mehr die Frage ob, sondern unter welchen Bedingungen“, erklärt der Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. „Zwar darf der Staat die Entscheidung eines Bürgers, sterben zu wollen, inhaltlich nicht mehr bewerten, aber man weiß, dass viele Sterbewünsche vorläufig sind und häufig unter emotionalem Druck entstehen oder Verzweiflungstaten sind. Da ist es legitim, dass der Staat formale Kriterien anlegt.“

Die Freiheit der eigenen Entscheidung

Mit dem Papier will die Leopoldina nun zum Diskurs beitragen und einen möglichen Rahmen aufzeigen. Unter welchen Bedingungen kann man nicht nur zulassen, dass ein Mensch seinem Leben ein Ende setzt, sondern ihm dabei sogar assistieren? Es ist ein heikles Thema, bei dem generelle und verallgemeinernde Antworten oft zu einfach wären, sagt Wiesing. Auch aus diesem Grund legt er im Gespräch mit dem BT nur seine persönliche Sichtweise dar und nimmt darin nicht die Rolle des Sprechers für die Leopoldina ein.

Urban Wiesing ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Tübingen. Er unterzeichnete das Paper der Leopoldina zum Thema Sterbehilfe.Foto: privat

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Urban Wiesing ist Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Uni Tübingen. Er unterzeichnete das Paper der Leopoldina zum Thema Sterbehilfe.Foto: privat

Wiesing selbst hat sich schon in diversen Publikationen mit dem Thema befasst und an einem Gesetzesvorschlag zur Regelung des assistierten Suizids mitgewirkt. Seine Motivation? „Das Motiv der Moderne: die Freiheit“, sagt er klar. „Ich persönlich bin mir darüber im Klaren, dass ich die Verantwortung dafür trage, wie ich lebe und auch wie ich sterbe. Niemand – auch kein Staat – muss mir da reinreden.“ Trotzdem brauche man in diesen Situationen Hilfe, „weil es natürlich schwierig ist“. Umso wichtiger sei bei einem solchen Entschluss eine gute Regelung.

Einer der im Diskussionspapier ausgearbeiteten Grundsätze: Die Entscheidung muss ernsthaft, dauerhaft und informiert getroffen worden sein. Entsteht der Wunsch nur aus einer veränderbaren Situation heraus oder sind alternative Wege schlichtweg nicht bekannt – kann es andere Lösungen geben. Auch ein gutes palliativmedizinisches Angebot könne viele der Anfragen abfangen, meint Wiesing. Da gebe es in Deutschland noch Luft nach oben. Doch was, wenn der Wunsch zu sterben nicht mit einer Erkrankung einhergeht und körperlich gesunde Menschen den Willen am Leben verloren haben?

Sterbewunsch ohne tödliche Krankheit


„Das ist eine der wohl schwierigsten Fragen“, sagt Wiesing und verweist wieder auf die Kriterien der ernsthaften, dauerhaften und informierten Entscheidung. „Gerade das mit dem ,dauerhaft‘ ist bei einer Depression beispielsweise äußerst schwierig vorherzusagen.“ Während körperliche Erkrankungen wie Krebs sich meist in eine Richtung entwickeln – also kontinuierlich besser oder schlechter werden –, sei der Verlauf bei Depressionen oft schwankend. Kann man also wirklich davon ausgehen, dass niemals wieder eine Besserung eintritt? „Das ist eine ganz heikle Frage, bei der man tatsächlich sehr sorgfältig im Einzelfall nachschauen muss.“ Sollten die genannten Kriterien erfüllt sein und der ernsthafte, wohlüberlegte Wunsch zu sterben weiter bestehen, fragt sich Wiesing allerdings: „Woher nehmen wir uns das Recht, das nicht zu akzeptieren?“
Der Sterbewunsch soll ernsthaft, dauerhaft und informiert sein, sagt Wiesing. Foto: Patrick Seeger/dpa

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Der Sterbewunsch soll ernsthaft, dauerhaft und informiert sein, sagt Wiesing. Foto: Patrick Seeger/dpa

Die Aufgaben, Menschen zu beraten, Situationen wie diese zu bewerten und – falls nötig – dann auch beim Sterben zu assistieren, sollten sich laut dem Diskussionspapier auf zwei verschiedene Personen, am besten Ärzte, aufteilen. „Dabei wäre es auch gut, wenn zumindest eine Person Kenntnisse in der Psychiatrie, Psychotherapie oder Psychosomatik hat“, ergänzt der Professor und betont, wie wichtig Fachkompetenz und ein gutes Beratungsangebot für den gesamten Prozess sind.

Die Kosten begrenzen

Auf der anderen Seite müsse damit gerechnet werden, dass es auch Ärzte gibt, die die Sterbehilfe ablehnen und nicht ausführen werden. „Das Gerichtsurteil ist ja nichts anderes als die Akzeptanz von Pluralität“, sagt Wiesing. Es gibt unterschiedliche Meinungen zu dem Thema, diese seien alle gleichermaßen zu akzeptieren.

Eins ist dem Professor jedoch klar: „Wir haben hier einen Bedarf“ – gleichzeitig aber auch eine Regelungslücke. Es gebe Organisationen, die dieses Vakuum nutzen und ihre eigenen Regeln aufstellen. Teilweise würden Beträge um die 9.000 Euro für die Sterbehilfe verlangt. Um Wucher Einhalt zu gebieten, schlägt Wiesing eine Begrenzung des Preises vor. Generell sollte es „jedem Menschen erlaubt sein, Hilfe für den Suizid in Anspruch zu nehmen, auch wenn er kein Geld hat.“ In der aktuellen Situation werde zum Teil in Grauzonen praktiziert. „Machen wir uns nichts vor, bei diesem Thema kann Missbrauch entstehen“, sagt Wiesing. „Aber das können wir doch nur korrigieren, wenn wir sehr gute Informationen darüber haben, was tatsächlich läuft.“ Deshalb plädieren die Unterzeichner des Diskussionspapiers für eine Dokumentation, in Form eines Registers oder sogar einer wissenschaftlichen Begleitung. Sterbehilfe sei kein Tabu-Thema mehr – jedenfalls nicht unter der Bevölkerung, meint Wiesing. Immer mehr Menschen würden mit einer Patientenverfügung auch ihren Tod selbst gestalten wollen. „Vielleicht lernen wir jetzt, auch wieder sterben zu können.“ Unter welchen Bedingungen, das muss nun der Gesetzgeber festlegen.

Zum Thema: Keine Tötung auf Verlangen

Oft wird beim Thema Sterbehilfe noch immer von der aktiven und passiven Sterbehilfe gesprochen. „Diese Begriffe sind mittlerweile veraltet“, sagt Urban Wiesing, Direktor des Instituts für Ethik und Geschichte der Medizin an der Universität Tübingen. Bei der passiven Sterbehilfe spricht man davon, dass eine lebensverlängernde Maßnahme abgesetzt oder nicht begonnen wird. Was früher unter dem Begriff der aktiven Sterbehilfe bekannt war, nennt man heute Tötung auf Verlangen, erklärt Wiesing. In diesem Fall verabreicht ein Arzt eine Giftspritze, „das heißt, die Tatherrschaft liegt beim Arzt“. Bei der Hilfe zum Suizid überreicht dieser – metaphorisch gesprochen – den Giftbecher an den Patienten, der daraufhin selbst Suizid begeht. Laut Wiesing weiß man aus empirischen Untersuchungen, dass die Länder, die die Tötung auf Verlangen sowie den assistierten Suizid erlauben, fast nur Ersteres praktizieren, Beispiele sind Kanada, die Niederlande und Belgien. „Wir sehen auch, dass die Zahlen dort deutlich höher sind als dort, wo nur der assistierte Suizid erlaubt ist.“ In Staaten, die nur den assistierten Suizid ermöglichen, wie in der Schweiz und im US-Staat Oregon, sei die Zahl der Fälle deutlich geringer. Da die Giftspritze keine Handlung des Sterbenden voraussetzt, könnte es bei ihr vermehrt zu Tötungen anhand des mutmaßlichen Willens kommen. „Ich vermute, diese Person wollte getötet werden“ – solche Fälle könnten ausgenutzt werden. Dass es auch in Deutschland zur Tötung auf Verlangen kommt, damit rechnet Wiesing nicht. Wenn eine Person dann jedoch den Moment verpasst, in dem sie noch die Möglichkeit hat, Suizid zu begehen, dann kann ihr niemand mehr den Wunsch zu sterben erfüllen.


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