Vier Fragen an: „Catcalls of Karlsruhe“

Karlsruhe (marv/dpa) – Fünf Aktivistinnen aus Karlsruhe betreiben den Instagram-Account „Catcalls of Karlsruhe“. Er möchte auf alltägliche verbale oder körperliche Belästigungen aufmerksam machen.

Instagram-Accounts wie „Catcalls of Karlsruhe“ oder „Catcalls of Ortenau“ schreiben die Erfahrungen junger Frauen auf die Straße, teilweise an den Orten, an denen Sie passiert sind. „Mir wurde schon so oft an den Hintern gefasst“, schildert diese Anonyma beispielsweise. Foto: „Catcalls of Ortenau“

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Instagram-Accounts wie „Catcalls of Karlsruhe“ oder „Catcalls of Ortenau“ schreiben die Erfahrungen junger Frauen auf die Straße, teilweise an den Orten, an denen Sie passiert sind. „Mir wurde schon so oft an den Hintern gefasst“, schildert diese Anonyma beispielsweise. Foto: „Catcalls of Ortenau“

Für viele Frauen gehört es leider zum Alltag: Catcalling. Also, dass ihnen etwas Unflätiges hinterhergerufen oder ihnen hinterhergepfiffen wird. Darunter fallen vermeintlich „harmlose“ Sprüche, abfällige Kommentare, aber auch Beleidigungen, konkrete Bedrohungsszenarien und sexuelle Belästigungen sowie körperliche Übergriffe. Seit Mitte November machen fünf junge Frauen aus Karlsruhe darauf aufmerksam. Die Jüngste des Quintetts hat den Instagram-Account „Catcalls of Karlsruhe“ Ende 2018 gegründet. Dort postet die Gruppe die Erfahrungen und Geschichten von Betroffenen. Inspiriert ist das Engagement vom Instagram-Account „catcallsofnyc“, den Sophie Sanderberg 2016 erstellt hat, um unter dem Schlagwort #stopstreetharassment („Stoppt Belästigung auf der Straße“) auf Belästigungen, Beleidigungen, Drohungen und Kommentare aufmerksam zu machen, die vor allem Frauen auf New Yorker Straßen zu hören bekommen haben. „Es sind zwar oft Frauen, die gecatcalled werden, wir wollen aber, dass jeder uns seine Erfahrungen schildern kann. Egal, welches Alter oder Geschlecht eine Person hat. Alle sollen sich angesprochen fühlen. Das kann jedem passieren“, sagen die jungen Frauen im BT-Gespräch. Damit nicht nur Instagram-Nutzer der Gruppe anonym ihre Erfahrungen schicken können, sind die fünf Frauen auch per E-Mail an catcallsofkarlsruhe@gmail.com erreichbar.

Dass Catcalling ein weltweites Problem ist, zeigt die Fülle an ähnlichen Accounts, die man auf Social-Media-Plattformen findet. Es findet Austausch untereinander statt, man unterstützt sich gegenseitig, egal ob man in New York, Puerto Rico, Kenia, Bonn, Hannover, Köln oder Karlsruhe wohnt. Die Gruppen sind weltweit vernetzt, beispielsweise auf Whatsapp und Instagram. Eine der Karlsruher Aktivistinnen hat jüngst an einer digitalen Weihnachtsfeier teilgenommen, bei der sich Aktivistinnen aus der ganzen Welt zugeschaltet haben.

Diese Erfahrung haben die Aktivistinnen von „Catcalls of Ortenau“ direkt vor dem Lahrer Rathaus auf dem Rathausplatz angekreidet. Foto: „Catcalls of Ortenau“

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Diese Erfahrung haben die Aktivistinnen von „Catcalls of Ortenau“ direkt vor dem Lahrer Rathaus auf dem Rathausplatz angekreidet. Foto: „Catcalls of Ortenau“

Bisher beschränkt sich das Engagement der Fächerstädterinnen auf den digitalen Raum. An öffentlichen Plätzen kreiden andere an, wie beispielsweise „Catcalls of Ortenau“, die dem BT Fotos für diesen Artikel zur Verfügung gestellt haben. „Wir sind aber in Gesprächen mit der Stadt. Wir wollen uns eine Genehmigung einholen“, erklären die Frauen im Gespräch. „In Ravensburg etwa müssen die Sprüche nach 24 Stunden wieder entfernt werden“, sagt eine der Aktivistinnen. „Wir würden das auch tun, sofern die Stadt das verlangt“, ist man sich in der Gruppe einig.

In Baden-Baden und Karlsruhe steht solchen Aktionen grundsätzlich nichts im Wege, sofern normale Straßenmalkreide zum Einsatz kommt und die Inhalte nicht in irgendeiner Form gegen Gesetze verstoßen. Das erklärten Ute Donisi vom Ordnungsamt Karlsruhe und Baden-Badens Stadtpressesprecher Roland Seiter auf BT-Nachfrage. Um genehmigungswillige Einzelfallentscheidungen handelt es sich, wenn andere Farben oder Materialien als gewöhnliche Malkreide verwendet werden. Anträge, die dem aus Karlsruhe ähneln, sind der Straßenverkehrsbehörde Baden-Baden nicht bekannt. Es gab jedoch schon Aktivisten, die einen Fußgängerüberweg auf eine Straße malen wollten. Dieser „Do-it-yourself-Zebrastreifen“ sei nicht genehmigt worden. Grundsätzlich empfehlen beide Städte, solche Aktionen im Vorfeld anzukündigen und die Pläne zu schildern, da diese unter das Versammlungsrecht fallen könnten.

Aus Angst vor persönlichen Angriffen bleiben die Aktivistinnen in diesem Interview anonym. Der Redaktion sind ihre Namen bekannt. „Wir wollen nicht zu sehr im Fokus stehen. Was wir erlebt haben oder uns geschildert wird, ist für viele Alltag“, sagt einer der Aktivistinnen. BT-Redakteur Marvin Lauser hat den Frauen per E-Mail vier Fragen gestellt und sich per Videochat mit ihnen unterhalten.

BT: Was ist Ihre Motivation dahinter, was sind ihre Ziele?
Catcalls of Karlsruhe: Wir wollen sichtbar machen, was viele Menschen weltweit erleben müssen. Wir sind genervt davon, wie oft dieses Thema verschwiegen wird. Es ist unsere Motivation, zu zeigen, dass Catcalling Konsequenzen hat.
Wir wollen nie wieder sehen, dass eine Freundin weinen muss, weil sie gecatcalled wurde. Wir wollen unsere Reichweite vergrößern und so die Bekanntheit dieser Thematik erhöhen, Betroffenen eine Plattform bieten, ein Problembewusstsein bei Tätern hervorrufen und nicht betroffene Menschen zur Zivilcourage auffordern. Wir wollen zeigen, dass Menschen, die Catcalling erleben mussten, nicht alleine sind und daran keine Schuld tragen. Diese liegt bei den Tätern.

Diesen „Catcall“ haben die Ortenauer Aktivistinnen in der Steinstraße in Offenburg angekreidet. Foto: „Catcalls of Ortenau“

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Diesen „Catcall“ haben die Ortenauer Aktivistinnen in der Steinstraße in Offenburg angekreidet. Foto: „Catcalls of Ortenau“

BT: Ihr Kanal und ähnliche Bewegungen, die zum Beispiel Sexismus und Rassismus im Alltag dokumentieren und anprangern, leben von (meist anonymen) Zuschriften. Was bekommen Sie so für Nachrichten? Was war das Schockierendste, das Sie bisher erreicht hat?
Catcalls of Karlsruhe: Es sind viele unterschiedliche Nachrichten. Das fängt damit an, dass einem hinterhergepfiffen wird oder etwas zugerufen wird. Eine der schockierendsten Nachrichten war, dass ein Mann die Hand einer Frau nahm mit den Worten „Ich geh dich jetzt vergewaltigen“. Danach meinte er, dass es nur ein Scherz gewesen sei.

Weitere Beispiele von Betroffenen:

„Mit 13 Jahren bin ich in meinem Wohngebiet in Neureut auf der Straße Inlineskates gefahren, es war Sommer und ich trug dementsprechend eine kurze Hose. Ein Auto fuhr neben mich und blieb langsam fahrend auf meiner Höhe, drinnen saßen mehrere Männer und machten Kommentare über meinen Körper, genauer meinen Hintern. Ich reagierte nicht und war einfach geschockt. Dann wurde ich beleidigt und gesagt, ich hätte Cellulite und das würde sich ja niemand anschauen wollen. Ich wusste damals noch nicht mal, was das überhaupt ist. Seitdem ich 13 bin, trage ich nicht mehr gern kurze Hosen und wenn, dann fühle ich mich meistens unwohl.“

„Ich war mit meiner Cousine am Kronenplatz (in Karlsruhe, Anm. d. Red.) da kam ein betrunkener Mann [...] und fragte uns „können wir später Sex haben?“. Ich habe mich sehr schlecht gefühlt.“

„Ich war in der S-Bahn am Hauptbahnhof (in Karlsruhe, Anm. d. Red.) mit einer Freundin. Ein Typ kommt und umarmt mich. Ich gucke ihn an und frage ihn ganz schockiert, warum er das macht, und er sagt ‚ich teste nur‘.“

Unter dem Hashtag #stopptbelästigung wird Catcalling in sozialen Netzwerken angeprangert. Dieses Foto ist in der Offenburger Fußgängerzone aufgenommen worden. Foto: „Catcalls of Ortenau“

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Unter dem Hashtag #stopptbelästigung wird Catcalling in sozialen Netzwerken angeprangert. Dieses Foto ist in der Offenburger Fußgängerzone aufgenommen worden. Foto: „Catcalls of Ortenau“

BT: Belastet Sie die Arbeit mit dem Thema und das Engagement für den Kanal selbst auch emotional und psychisch?
Catcalls of Karlsruhe: Natürlich gehen uns die Nachrichten nah und machen uns wütend. Jede von uns hat selbst schon Catcalling erlebt. Wir können nachempfinden, wie sich jemand in dieser Situation gefühlt hat. Auch wenn es uns sehr wütend macht, sind wir gleichzeitig auch froh darum, dass wir mit unserer Arbeit allen Menschen, die sich an uns wenden, eine Stimme geben und gemeinsam dagegen ankämpfen können.

BT: Was machen Sie, wenn es um mehr als „nur Catcalling“ geht? Wie unterstützen Sie Opfer dieser sexuellen oder körperlichen Übergriffe?
Catcalls of Karlsruhe: Wir erkundigen uns zuerst, wie es der Person geht, die uns geschrieben hat. Bisher haben uns solche Nachrichten – von offensichtlich traumatisierten Menschen – nicht erreicht. Uns ist bewusst, dass sich das in Zukunft auch ändern kann. Allerdings sind wir keine Psychologinnen oder Ärztinnen. Wir sind gerade dabei, hierfür Telefonnummern und Anlaufstellen zusammenzustellen.

Manche Täter belassen es nicht bei verbalen Übergriffen, wie diese Ankreidung in der Offenburger Steinstraße zeigt. Foto: „Catcalls of Ortenau“

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Manche Täter belassen es nicht bei verbalen Übergriffen, wie diese Ankreidung in der Offenburger Steinstraße zeigt. Foto: „Catcalls of Ortenau“

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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