Vier Fragen an: Dr. Michael Blume

Baden-Baden/Stuttgart (marv) –Das BT hat den Beauftragten des Landes gegen Antisemitismus, Dr. Michael Blume, gefragt, welche Gefahr von Rechtsextremen und Verschwörungsdenkern ausgeht.

Der Antisemitismusbeauftragte des Landes, Dr. Michael Blume. Foto: Kai Loges/die arge lola 2019

© Kai Loges / die arge lola

Der Antisemitismusbeauftragte des Landes, Dr. Michael Blume. Foto: Kai Loges/die arge lola 2019

Es waren verstörende Bilder, als Trump-Anhänger, Ewiggestrige und Verschwörungsgläubige am Mittwochnachmittag (Ortszeit) das Kapitol in Washington stürmten. Nicht ganz so weit kamen Reichsflaggen schwenkende Rechte, Reichsbürger und selbst ernannte „Corona-Rebellen“ Ende August, als sie versuchten, ins Reichstagsgebäude einzudringen. BT-Redakteur Marvin Lauser hat den Religionswissenschaftler und Antisemitismusbeauftragten des Landes, Michael Blume, der mit „Verschwörungsfragen“ auch einen Podcast zum Thema hat, gefragt, wie gefährlich Verschwörungsglauben für die Demokratie ist.

BT: Herr Dr. Blume, Rechtsextreme, Corona-Leugner und Verschwörungsdenkende, beispielsweise von QAnon, haben unter der Woche das Kapitol erstürmt. Im vergangenen Jahr haben sich vor dem Reichstag und in Leipzig ebenfalls erschreckende Szenen ereignet. Ist ein solches Szenario auch in Deutschland denkbar?
Dr. Michael Blume: Auch wir Deutschen hatten ja im August schon einen Versuch von Verschwörungsgläubigen erlebt, den Reichstag in Berlin zu stürmen. Auch damals berief sich eine sogenannte Heilpraktikerin darauf, dass angeblich Donald Trump in Deutschland eingetroffen wäre und nun die Zerschlagung der vermeintlichen Weltverschwörung bevorstehe. Die Verschwörungsbewegungen in Deutschland und den USA sind digital eng miteinander verbunden.

BT: Wie groß ist die Gefahr, die von Verschwörungsbewegungen wie Querdenken ausgeht? Wird aus Ihrer Sicht genug dagegen unternommen?
Dr. Blume: Auch der Querdenken-Gründer Michael Ballweg skandierte in Berlin einen Pro-Trump-Slogan der sogenannten QAnon-Bewegung und berief mit anderen eine sogenannte „verfassunggebende Versammlung“ ein, die unser Grundgesetz ersetzen will. Allerdings ist das Bildungs- und Staatsniveau in Deutschland doch etwas höher, Michael Ballweg erreichte bei der Stuttgarter Oberbürgermeisterwahl gerade noch 1,2 Prozent der Stimmen.

Fotostrecke
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Vier Fragen an: Dr. Michael Blume
Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen am 29. August 2020 auf den Stufen zum Reichstagsgebäude, zahlreiche Reichsflaggen sind dabei zu sehen. Foto: Achille Abboud/NurPhoto/dpa/Archiv

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Michael Ballweg, Initiator der Initiative „Querdenken 711“, am 1. August 2020 auf der Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Foto: Christoph Soeder/dpa

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Vier Fragen an: Dr. Michael Blume
Am 4. Juni 2020 protestieren Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung (links) friedlich vor dem US-Kapitol in Washington. Am 6. Januar 2021 stürmten Anhänger von Präsident Donald Trump, Rechtsextreme, Verschwörungsgläubige und Corona-Leugner selbiges. Foto: AP/dpa

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Am 3. Juni 2020 protestieren Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung friedlich gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus vor dem US-Kapitol in Washington. Trump-Anhänger durchbrechen am 6. Januar 2021 am gleichen Ort gewalttätig eine Polizeiabsperrung. Foto: AP/dpa

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Ich sehe derzeit keine akute Gefahr durch Verschwörungsbewegungen für unsere Demokratie. Allerdings werden Verschwörungsgläubige durch ihre eigenen Anführer mit Spendenaufrufen, dem Verkauf von Gold und Merchandise abgezockt. Auch besteht die Gefahr, dass sich Einzelne bis hin zur Gewaltbereitschaft radikalisieren.
Ich kann mich über mangelndes Interesse in Medien, Politik und auch Sicherheitsbehörden überhaupt nicht beklagen. Allerdings gibt es leider immer noch sehr viele Verharmloser, die weiße, bürgerlich auftretende Verschwörungsgläubige noch immer als „Verschwörungstheoretiker“ verniedlichen. Es geht hier aber nicht um harmlose Spinner mit einem lustigen Hobby, sondern um Menschen, die wirklich an eine Weltverschwörung von Juden und Demokratinnen glauben. Den Reichstag hätte man besser schützen können. Und wenn das US-Kapitol in Washington gegen Black Lives Matter mit bewaffneten Einheiten abgeschirmt wird, bei weißen Pro-Trump-Verschwörungsgläubigen aber kaum Polizei zu sehen ist, dann sieht man, wie gefährlich und auch dumm Verharmlosung gegenüber Verschwörungsmythen ist.

BT: Im österreichischen Braunau haben Rechtsextreme und Corona-Verharmloser vor Hitlers Geburtshaus für ein Foto posiert. Teilweise mit gestrecktem rechtem Arm. Wieso haben Bewegung wie Querdenken trotz solcher rechter und antisemitischer Umtriebe dennoch so viel Zulauf?
Dr. Blume: Wenn sich Leute einreden, selbst Opfer einer angeblichen Weltverschwörung zu sein, dann ertragen sie das Gedenken an echte Opfer der Gegenwart oder Geschichte nicht. Denken Sie auch an die Querdenken-Studentin, die sich allen Ernstes mit der vom NS-Regime ermordeten Sophie Scholl gleichsetzte. Wer in den Verschwörungsglauben abdriftet, landet leider fast immer bei der Holocaust-Verharmlosung und im Antisemitismus.

BT: In Deutschland hat die Zahl der Rechtsextremen und Reichsbürger 2020 weiter zugenommen. Unterschätzen Sicherheitskräfte und die Politik die Gefahr, die von solchen zunehmend militanten Gruppen ausgeht?
Dr. Blume: In Baden-Württemberg haben wir eine sehr enge Zusammenarbeit mit Innenministerium und Landespolizei, beispielsweise eine gemeinsame Sicherheitskonferenz in Stuttgart noch vor dem Anschlag in Halle. Vor wenigen Wochen trafen wir uns zu einem eigenen Fachtag Antisemitismus in der Synagoge Karlsruhe. Also, hier in Baden-Württemberg wird schon hingeschaut. Allerdings erlebe ich auch hier noch Politiker, Journalistinnen, Wissenschaftler und Sicherheitsleute, die glauben, Antisemitismus ginge nur Juden etwas an. Dabei bedrohen antisemitische Gruppen immer auch die gesamte Gesellschaft! Gemeinsam mit unseren neu eingestellten Polizeirabbinern möchte ich deswegen auch die Aus- und Fortbildung unserer Polizei weiter verbessern helfen. Denn Wissen schützt Leben.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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Teilnehmer einer Kundgebung gegen die Corona-Maßnahmen stehen am 29. August 2020 auf den Stufen zum Reichstagsgebäude, zahlreiche Reichsflaggen sind dabei zu sehen. Foto: Achille Abboud/NurPhoto/dpa/Archiv

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Michael Ballweg, Initiator der Initiative „Querdenken 711“, am 1. August 2020 auf der Kundgebung gegen die Corona-Beschränkungen auf der Straße des 17. Juni in Berlin. Foto: Christoph Soeder/dpa

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Am 3. Juni 2020 protestieren Demonstranten der Black-Lives-Matter-Bewegung friedlich gegen Polizeigewalt und strukturellen Rassismus vor dem US-Kapitol in Washington. Trump-Anhänger durchbrechen am 6. Januar 2021 am gleichen Ort gewalttätig eine Polizeiabsperrung. Foto: AP/dpa

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