Vier Fragen an: Warum wir ein Gewissen haben

Mannheim/Baden-Baden (ans) – Das BT hat den Philosophieprofessor Wolfgang Freitag gefragt, warum Menschen ein Gewissen haben und warum es uns plagt, wenn wir gegen Corona-Regeln verstoßen.

Viele bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich nicht an die Corona-Regeln halten. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

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Viele bekommen ein schlechtes Gewissen, wenn sie sich nicht an die Corona-Regeln halten. Foto: Hauke-Christian Dittrich/dpa

Im Gespräch mit BT-Volontärin Anna Strobel erläutert Philosophieprofessor Wolfgang Freitag unter anderem, warum wir ein Gewissen haben und wieso viele unter Gewissensbissen leiden, wenn sie sich nicht an die geltenden Corona-Regeln halten. Seit 2013 ist Freitag Professor im Fachbereich Philosophie. Seit einigen Jahren lehrt er an der Universität in Mannheim. Schwerpunktmäßig beschäftigt er sich mit theoretischer und praktischer Philosophie, Erkenntnistheorie und Sprachphilosophie.

Wolfgang Freitag ist Professor der Philosophie und lehrt in Mannheim. Foto: Daniela Haupt

Wolfgang Freitag ist Professor der Philosophie und lehrt in Mannheim. Foto: Daniela Haupt

BT: Herr Professor Freitag, warum haben wir ein Gewissen?
Prof. Dr. Wolfgang Freitag: Das Gewissen meldet sich gewöhnlich, wenn wir nicht gemäß unserer eigenen moralischen Urteile handeln. Immanuel Kant spricht in diesem Zusammenhang auch von einem inneren Gerichtshof. Beispielsweise hat Martin Luther vor 500 Jahren gegenüber dem Kaiser seine berühmten Thesen nicht widerrufen und das damit begründet, dass er den Widerruf nicht mit seinem Gewissen vereinbaren könne. Wenn wir dem Gewissen folgen, handeln wir manchmal anders als wir es aus anderen Gründen oder Motiven heraus getan hätten. Und wenn wir nicht so handeln, wie wir es für richtig halten, dann werden wir mit einem schlechten Gewissen, den Gewissensbissen, bestraft. Das Gewissen motiviert uns also dazu, unseren eigenen moralischen Maßstäben auch zu folgen.

BT: Woher kommt das Gewissen?
Freitag: Die philosophische Vorstellung dazu gibt es schon lange. Im alten Griechenland gab es die Vorstellung von Rachegöttinnen, den Erinnyen. Was wir heute als psychische Mechanismen kennen, wurde damals auf das Handeln der Götter zurückgeführt. In christlicher Denkweise hat das Gewissen die Funktion einer universellen Handlungsleitung auch im Diesseits. Insofern ergänzt das Gewissen die Vorstellung, dass jede Handlung von einem allwissenden Gott bewertet und im Jenseits dann bestraft oder belohnt wird. Die römisch-katholische Kirche bietet aber auch die Möglichkeit, sich vom schlechten Gewissen wieder zu befreien: durch die Absolution nach einer Beichte.

Nicht jeder bekommt ein schlechtes Gewissen

BT: Apropos Gewissensbisse, warum bekommt man ein schlechtes Gewissen, wenn man sich nicht an die Corona-Regeln hält?
Freitag: Das bekommt ja nicht jeder. Wer die Regeln nicht einhält, weil er sie nicht richtig findet, bekommt durch den Regelverstoß kein schlechtes Gewissen. Wer eine Regel richtig findet, oder ganz allgemein glaubt, dass man sich an Regeln zu halten hat, aber aus anderen Motiven gegen die Regel verstößt, etwa um an einer Feier teilnehmen zu können, der bekommt Gewissensbisse. Ich vermute, die meisten, die ein schlechtes Gewissen hätten, verstoßen nicht gegen Corona-Regeln. Die massiven Verstöße kommen eher von Leuten, die dann kein schlechtes Gewissen haben.

BT: Ist das Gewissen gesellschaftlich geprägt?
Freitag: Viele Moralvorstellungen, und damit letztlich das Gewissen, werden gesellschaftlich geprägt. Das merkt man auch in der Corona-Krise. In liberaleren Ländern wie Großbritannien oder den USA, teilweise auch in der Schweiz, gab es deutlich stärkeren Widerstand gegenüber starken Formen des Lockdowns als in Deutschland, weshalb diese Länder auch anderes agiert haben, vor allem zu Beginn der Pandemie. Bei Corona-Maßnahmen geht es vor allem um die Abwägung von individuellen Freiheitsrechten im Verhältnis zur sozialen Verantwortung gegenüber anderen. Weil die Corona-Situation für alle neu war, mussten wir unseren moralischen Kompass hier erst einmal neu einstellen.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

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Erstellt:
20. Juni 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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