Vier Fragen an: Was hilft bei Trauer?

Ingolstadt/Baden-Baden (BT) – Wer den Tod eines geliebten Menschen verkraften muss, trauert. Das ist normal. Doch manche finden nicht mehr aus diesem Gefühl heraus. Eine Expertin gibt Tipps.

Wenn die Trauer sehr lange anhält und das Alltagsleben blockiert, sollte Hilfe in Anspruch genommen werden. Symbolfoto: Jonathan Brady/PA Wire/dpa

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Wenn die Trauer sehr lange anhält und das Alltagsleben blockiert, sollte Hilfe in Anspruch genommen werden. Symbolfoto: Jonathan Brady/PA Wire/dpa

Der Tod eines geliebten Menschen tut weh. Aber irgendwann finden die meisten Hinterbliebenen in den Alltag zurück. Einige schaffen das nicht ohne professionelle Hilfe. Um sie kümmert sich die Ingolstädter Psychologin Anna Vogel (34) in einer Ambulanz. An der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt (KU) erforscht sie außerdem, was bei einer anhaltenden Trauerstörung am besten hilft. In der BT-Serie „Vier Fragen an“ äußert sie sich zu Fragen rund um Trauer und deren Bewältigung.

BT: Frau Vogel, ab wann wird Trauer krankhaft?
Vogel: Trauer braucht ihre Zeit, das ist bei jedem anders. Die Gefühle von Schmerz, Verlust, aber auch Sehnsucht schwächen sich mit der Zeit ab, auch wenn sie vielleicht nie ganz verschwinden. So kann die Trauer am Jahrestag, an Geburtstagen, an Weihnachten oder zu Allerheiligen immer wieder hochkommen, aber prinzipiell schaffen es Hinterbliebene, in den Alltag zurückzufinden, ohne gesundheitliche Probleme zu behalten. Das kann sechs Monate dauern, manchmal zwölf oder auch länger.

BT: Was muss man sich unter einer anhaltenden Trauerstörung vorstellen?

Vogel: Zum Beispiel, dass der Trennungsschmerz ganz massiv empfunden wird und jeden Tag lähmt. Dass auch andere intensive Gefühle wie Wut, Verbitterung, Angst und Schuld mit der Zeit sich noch verschlimmern, statt nachzulassen. Ein neuer Lebensabschnitt will einfach nicht gelingen. Die Betroffenen ziehen sich zurück, kreisen gedanklich nur noch um den Verstorbenen, sprechen mit ihm, als wäre er noch am Leben. Sie rühren sein Zimmer nicht an. Und das nicht wochen-, sondern jahrelang. Andere weichen dem Verlust aus, können gar nicht ans Grab, müssen sich ablenken. Die überarbeiten sich dann beispielsweise im Job.

Rituale helfen beim Verarbeiten

BT: Wie häufig passiert das? Und was hilft?

Vogel: Wir reden von etwa zwei bis fünf Prozent der Trauernden. Und die Forschungsergebnisse sind eindeutig: Bei Trauer helfen keine Tabletten. Das unterscheidet sie von einer Depression. Gut belegt ist die Wirkung von Psychotherapie. Allerdings sollte man damit nicht zu früh starten. In der ersten Zeit der Trauer können auch viele Selbstheilungskräfte aktiviert werden. Da therapeutisch reinzugrätschen, wirkt sich eher negativ aus. In unserem Therapieprogramm geht es am Ende ganz viel um Rituale. Wir überlegen, wie kann ich ein Erbe des Verstorbenen in meinen Alltag integrieren? Das regelmäßige Gedenken – genau wie es die Kirche macht – ist therapeutisch gesehen hervorragend gegen die Ausbildung einer Vermeidungshaltung. Man hat einen festen Platz, einen Ort für die Trauer. Vor einer Therapie herrscht ja oft die Angst vor, den Verstorbenen zu vergessen.

BT: Was können Freunde und Angehörige tun, wenn sie merken, da versumpft jemand in seiner Trauer? Und gibt es genügend Behandlungskapazitäten?

Vogel: Wichtig ist: Nicht verschnupft sein über ablehnende Reaktionen, dann ist es einfach noch nicht so weit. Jeder braucht da seine Zeit. Immer wieder nachfragen und sich anbieten, da sein, auch mal gemeinsam schweigen. „Melde dich doch einfach, wenn du was brauchst“ - solche Angebote sind schwierig, gerade wenn sich Trauernde länger zurückgezogen haben. Besser sind konkrete Vorschläge: Wie wäre es mit einem Spaziergang, soll ich dir etwas einkaufen oder kochen? Mit dem Verlust des Partners liegen oft im Haushalt bestimmte Aufgaben brach, um die er sich bisher gekümmert hat. Genügend Behandlungskapazitäten gibt es nicht. Bei niedergelassenen Therapeuten sind sechs Monate eine übliche Wartezeit. Das ist schon sehr lange, vor allem wenn man bedenkt, dass die Betroffenen oft erst dann kommen, wenn sie es einfach nicht mehr aushalten.


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