Vier Fragen zu Reiseträumen in Corona-Zeiten

Graz (dpa) – Die Sehnsucht nach Ferne ist groß, doch die Unsicherheit noch nicht verschwunden. Eine Psychologin erklärt, was diese Gefühle bedeuten – und warum es wichtig ist, Reiseträume umzusetzen.

Barbara Horvatits-Ebner ist Psychologin und Reisebloggerin. Foto: Harald Ebner/dpa-tmn

© dpa-tmn

Barbara Horvatits-Ebner ist Psychologin und Reisebloggerin. Foto: Harald Ebner/dpa-tmn

Die Psychologin Barbara Horvatits-Ebner reist leidenschaftlich gerne. Am liebsten in Italien, Portugal und ihrem Heimatland Österreich. Auf ihrem Blog Reisepsycho schreibt sie seit einigen Jahren über ihre persönlichen Erfahrungen unterwegs. Dabei bringt die 34-Jährige immer wieder ihr Fachwissen ein – etwa wenn es um die Frage geht, ob Reisen Therapie sein kann. In unserer Reihe „Vier Fragen an“ erläutert sie unter anderem, warum ausgerechnet die Pandemie ein guter Anlass ist, sich dem Fernweh hinzugeben.

BT: Frau Horvatits-Ebner, welchen Einfluss haben die vergangenen Monate voller Einschränkungen auf unsere Einstellung zum Reisen und auf Reiseziele?
Barbara Horvatits-Ebner: Die Studienlandschaft ist dazu bisher noch recht dünn. Was sich aber eindeutig abzeichnet: Viele Menschen bewerten Sicherheit aktuell als wichtigstes Kriterium bei Reisen. Fernreisen sind daher noch weniger ein Thema – die meisten bleiben im Inland oder reisen in Nachbarländer. Die Komfortzone wird erst langsam wieder ausgeweitet, denn niemand weiß, wie die Beschränkungen morgen aussehen. Besonders bei Hotels haben viele Menschen noch Angst, sich anzustecken und entscheiden sich deshalb häufig für Ferienwohnungen.

BT: Hat das Nicht-reisen-Können das Fernweh verstärkt?
Horvatits-Ebner: Ja, das Thema Fernweh ist definitiv größer geworden. Davor hatte Fernweh mehr einen symbolischen Charakter. Denn wenn die finanziellen Möglichkeiten vorhanden waren, war die Traumreise meist nur ein paar Klicks entfernt. Echte Sehnsucht kann aber nur entstehen, wenn das Ziel fern liegt. Durch den Lockdown waren wir plötzlich mit einer solchen Ferne konfrontiert. Es war ein schreckliches Gefühl, dieser Ohnmacht ausgesetzt und nicht mehr handlungsfähig zu sein.

BT: Ein Luxusproblem, könnte man sagen.
Horvatits-Ebner: In Bezug auf die Gesellschaft ist es sicher ein Luxusproblem. Doch für den Einzelnen konnte es dramatisch sein. Man kann das damit vergleichen, wenn man einem Kind sein Lieblingskuscheltier wegnimmt: Der Gesellschaft fehlt damit nichts, aber für das Kind ist es furchtbar. Der Großteil konnte mit der Situation gut umgehen und hat das fehlende Reisen durch andere Aktivitäten wie kleinere Ausflüge kompensiert. Manchen Menschen ging es aber wirklich schlecht damit, zum Beispiel, wenn sie ihre Familie ein halbes Jahr lang nicht besuchen konnten.

Sehnsucht nach Meer: Viele Reiseträume wurden während Corona aufgeschoben - doch manche lassen sich schon wieder verwirklichen. Foto: Eva Blanco/Westend61/dpa-tmn

© dpa-tmn

Sehnsucht nach Meer: Viele Reiseträume wurden während Corona aufgeschoben - doch manche lassen sich schon wieder verwirklichen. Foto: Eva Blanco/Westend61/dpa-tmn

BT: Während Corona wurden viele Reiseträume aufgeschoben. Ist jetzt ein guter Zeitpunkt, sie endlich zu verwirklichen?

Horvatits-Ebner: Ich möchte niemandem raten, sich aktuell auf große Weltreise zu begeben. Es ist noch unsicher, wie die Situation im Winter aussehen wird. Gerade deswegen ist aber jetzt der Sommer die richtige Zeit, um vieles nachzuholen. Kurzreisen nach Italien oder Griechenland boomen schon total. Und sobald international das Gröbste überstanden ist, wird es sicher eine noch größere Reiselust geben. Ich denke, viele versuchen, ihre Träume so bald wie möglich zu verwirklichen. Der Lockdown hat uns vor Augen geführt, was es bedeutet, Reiseträume nicht erfüllen zu können. Trotzdem beeinflussen soziale und Sicherheitsaspekte die Reisewahl aktuell stark. Vielleicht wird sich langfristig noch mehr eine Carpe-Diem-Mentalität entwickeln, bei der im Fokus steht, das Leben im Hier und Jetzt zu genießen - im Moment ist das aber nur Spekulation.

„Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Zum Artikel

Erstellt:
8. August 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 43sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.