Vier Fragen zu einer sauberen Aussprache

Baden-Baden (ml) – Die Sprachentwicklung wird nicht nur vom Wortschatz und dem Gespür für Grammatik bestimmt, sondern auch von der korrekten Mundmotorik. Bei Defiziten hilft die Logopädie.

Die richtige Aussprache hängt auch mit der Körperhaltung zusammen, sagt der Kieferorthopäde Ralf. J. Radlanski von der Berliner Charité. Foto: privat

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Die richtige Aussprache hängt auch mit der Körperhaltung zusammen, sagt der Kieferorthopäde Ralf. J. Radlanski von der Berliner Charité. Foto: privat

„Bei der regelmäßigen Vorsorgeuntersuchung können Zahnärzte nicht nur feststellen, ob Zähne und Zahnfleisch gesund sind, sondern sie erkennen auch, ob die Mundmotorik bei Kindern altersgerecht entwickelt ist“, veranschaulicht Dirk Kropp, Geschäftsführer der Initiative proDente. „Dies ist insbesondere wichtig für die Sprachentwicklung bei Kindern.“ Denn nur, wenn Atmen, Saugen, Kauen und Schlucken reibungslos ablaufen, können Kinder auch Sprechbewegungen richtig ausführen. Der reine Gesichtsausdruck reicht oftmals aus, um eine sogenannte Myofunktionsstörung bei Patienten zu entdecken: Offener Mund mit hängender Unterlippe, wenig Mimik oder eine träge Zunge beim Sprechen sind typische Anzeichen.

Anlässlich des gestrigen Europäischen Tages der Logopädie ließ sich BT-Redakteur Markus Langer von Prof. Dr. Dr. Ralf Radlanski die Zusammenhänge erklären. Der Mediziner ist Professor und Direktor der Abteilung für Orale Struktur- und Entwicklungsbiologie an der Charité-Universitätsmedizin Berlin und als Facharzt für Kieferorthopädie in einer Berliner Praxis tätig. Zudem ist er Autor zahlreicher Fachpublikationen zu dem Thema.

BT: Herr Prof. Dr. Dr. Radlanski, woran und in welchem Alter erkenne ich bei meinem Kind, dass es einen Förderungsbedarf gibt?
Prof. Dr. Ralf J. Radlanski: Ich kann vor allem aus kieferorthopädischer Sicht antworten. Die verschiedenen Stadien des Spracherwerbs werden ja bei den kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchungen überprüft. Wir in der Kieferorthopädie achten vor allem darauf, dass die periorale Mundmuskulatur einen physiologisch korrekten Tonus hat, dass also der Mund nicht mehr habituell offen ist, wie das bei Kleinkindern oft noch der Fall ist und auch sein darf. Aber ab drei bis vier Jahren sollte das Kind seinen Mund zwanglos schließen können, womit dann ein Gleichgewicht zwischen Zunge und Lippen hergestellt ist. Dies ist nur möglich, wenn die Nasenatmung freigängig ist. Im Zweifelsfalle erbitten wir hier ein Konsil vom Hals-, Nasen- und Ohrenarzt. Es ist nicht ungewöhnlich, dass kleine Kinder lispeln. Wenn ihr Spracherwerb dann so weit fortgeschritten ist, dass sie zwischen den verschiedenen s-Lauten auch intellektuell unterscheiden können, dann beobachten wir in den meisten Fällen, dass sie dann auch selber üben, die s-Laute korrekt zu phonetisieren. Wenn mit sechs Jahren, also zu der Zeit, wenn die bleibenden Zähne durchbrechen, immer noch gelispelt wird, dann ist das oft auch mit einem visceralen (oder auch bezeichnet als: infantilen) Schluckmuster verbunden. Dabei wird die Zunge beim Schlucken zwischen die Schneidezähne gelegt und nicht an den Gaumen. Wenn wir dies beobachten, dann schicken wir zur logopädischen Therapie. Es ist unser Ziel, dass die Zähne sich in dem muskulären Korridor, der von der Zunge, den Lippen und Wangen gebildet wird, aufhalten. Diese Kraftverhältnisse müssen ausgeglichen sein, sonst hat es langfristig schädliche Auswirkungen auf die Stellung der Zähne.

BT: Werden mögliche Störungen bei den kinderärztlichen Untersuchungen einbezogen oder sollte man sich dafür an einen anderen Arzt wenden?
Radlanski: Hier muss ich differenzierter antworten. Wie ich soeben schon gesagt habe, werden die verschiedenen Stadien des Spracherwerbs, die die Kinder durchlaufen, überprüft, zuletzt bei der U9 mit fünf Jahren. Nun hängt es von der Ausbildung und Erfahrung des Arztes ab, ob er all die möglichen Fehlentwicklungen tatsächlich erkennen kann. Im Zweifelsfall sollte man nicht zögern, direkt einen HNO-Arzt, einen Kieferorthopäden oder einen Logopäden aufzusuchen.

BT: In vielen Kitas gibt es Angebote zur Sprachförderung. Wie effektiv sind diese aus Sicht der Mediziner?
Radlanski: Hier würde ich unterscheiden zwischen Sprechen und Mundfunktion. Natürlich hängt das zusammen, aber die Grundbedingung für eine korrekte, saubere, fein artikulierte Sprache ist eine differenzierte Tonussteuerung der Muskulatur, die für die Sprache verwendet wird. Dies beginnt übrigens viel weiter unten im muskuloskelettalen System, als der Laie denkt. Also, ein stabiler Stand, eine Balance im Becken und ein korrekter Tonus der Rumpfmuskulatur bis hin zur Kopfhaltung sind Grundbedingungen. Die periorale Muskulatur muss so angesteuert werden können, dass die Variabilität des Tonus, auch wie in der Antwort zur ersten Frage schon gesagt, gegeben ist. Gute Logopäden achten darauf, dass das Kind während der Diagnostik und der Therapie richtig sitzt, oder gar steht und die korrekte Körperhaltung stimmt. Nicht ohne Grund spielen die Geigensolisten im Stehen! Wenn diese Grundbedingungen stimmen, dann kann es um die Sprachförderung gehen, wenn die defizitär ist. Dabei geht es dann aber auch wieder in einen Bereich hinaus, der nicht zur Kieferorthopädie gehört, also Wortschatz, Grammatik, Muttersprache.

BT: Werden die Behandlungen bei einem Logopäden von den Krankenkassen übernommen?
Radlanski: Im Rahmen einer kieferorthopädischen Therapie verordnen wir logopädische Behandlungen. Dies betrifft dann die korrekte Tonisierung der perioralen Muskulatur, auch Hypertonus kann therapiert werden, natürlich die Zungenkontrolle und auch die Lage der Mandibula im Rahmen einer Bissumstellung. Adjuvante logopädische Therapie gehört für mich fest zum Behandlungsspektrum in der Kieferorthopädie, genau wie notwendige Physiotherapie. Die Krankenkassen zahlen eine solche Behandlung durchaus, wobei natürlich in unserem Fall der kausale Zusammenhang zur Kieferorthopädie gegeben sein muss. So muss der Indikationsschlüssel SPZ für „Sprechen“ (Lautbildung im Mund-, Kiefer- Gesichtsbereich) oder SCZ für „Schlucken“ (Störung in der oralen Phase des Schluckaktes) mit angegeben werden. Allerdings gibt es, wie immer im Bereich der Kassenmedizin, Beschränkungen in der Zuteilung der abrechenbaren Leistungen. Bei der Erstverordnung dürfen bis zu zehn Mal 45 Minuten (oder auch 30 oder 60 Minuten) verschrieben werden, danach ist eine Folgeverordnung von bis zu 10 zehn Mal 45 Minuten über die Kasse abrechenbar. Die Gesamtmenge ist aber auf 30 Einheiten beschränkt und im Anschluss daran muss ein zwölfwöchiges behandlungsfreies Intervall eingehalten werden, auch dann, wenn noch weitere Behandlungen nötig sein sollten. Danach kann erneut eine Verordnung ausgestellt werden. Soweit ich weiß, ist das sogar in jedem Bundesland verschieden. Und noch etwas ist wichtig: Manche Skeptiker zweifeln an der Wirksamkeit logopädischer Übungen. Hier ist es, wie bei anderen, ähnlichen Verordnungen: Das, was in den Therapiesitzungen geübt wird, muss täglich zu Hause geübt und verinnerlicht werden. Dann wirkt es auch.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.

Ihr Autor

BT-Redakteur Markus Langer

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Erstellt:
7. März 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 12sec

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