Wie wollen Sie Verhütung besser machen, Jana Pfenning?

Berlin/Iffezheim (marv/naf) – Verhütung ist oft Frauensache und mit Nebenwirkungen verbunden. Jana Pfenning, eine der Initiatorinnen der Petition „Verhütung für alle besser machen“ möchte das ändern.

„Verhütung darf niemals von finanziellen Mitteln abhängen und schon gar nicht daran scheitern“, findet Jana Pfenning. Foto: Thilo Kunz

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„Verhütung darf niemals von finanziellen Mitteln abhängen und schon gar nicht daran scheitern“, findet Jana Pfenning. Foto: Thilo Kunz

Aus einer lockeren Gesprächsrunde in einer Brüsseler Bar ist eine Kampagne entstanden, die seit zwei Wochen deutschlandweit für Aufsehen sorgt. Die beiden Studentinnen Rita Maglio (24) und Jana Pfenning (25) wollen mit ihrer im September gestarteten Initiative Better Birth Control und einer Petition „Verhütung für alle besser machen“ BT-Redakteur Marvin Lauser hat Pfenning, die in Berlin Internationale Beziehungen im Master studiert, vier Fragen zu den Zielen der Kampagne gestellt:

BT: Frau Pfenning, was wollen Sie mit Better Birth Control und Ihrer Petition „Verhütung für alle besser machen“ konkret erreichen?
Jana Pfenning: Wir wollen, dass Verhütung für alle Menschen besser und gleichberechtigter wird und eine breitere Palette an Verhütungsmitteln auf den Markt kommt. Wir wollen, dass Frauen und vor allen Dingen auch Männer mehr Möglichkeiten haben, zu verhüten. Die Nebenwirkungen bei bestehenden Verhütungsmitteln sollen reduziert werden. Das kann man durch Investitionen in die Forschung erreichen. Außerdem wollen wir, dass die Aufklärung zu Verhütungsmitteln besser wird. Und ein ganz wichtiger Punkt: Wir wollen, dass die Kosten für Verhütung zu 100 Prozent erstattet werden. Idealerweise läuft das über die Krankenkasse, es könnte aber auch durch steuerliche Bezuschussung finanziert werden. Verhütung darf niemals von finanziellen Mitteln abhängen und schon gar nicht daran scheitern.

„Die Pille hat sich seit den 1990ern verschlechtert“

BT: Sie sagen, dass sich wenig getan hat, seit 1960 die Antibabypille erfunden wurde. Außerdem werde zu wenig geforscht. Wie wollen Sie das ändern?
Pfenning: Es muss mehr Geld investiert werden. Außerdem ist wichtig, dass mehr daran geforscht wird und sich die Produkte, die auf dem Markt sind, verbessern. Es gibt zum Beispiel eine ganz interessante Anekdote diesbezüglich: Die Pille kam 1960 in den USA auf den Markt, 1961 in Deutschland. Seitdem wurde die Pille weiterentwickelt, aber in den vergangenen Jahren gab es auch Rückschritte: Die moderneren Pillen, die seit Mitte der 1990er auf den Markt gekommen sind, die Pillen der dritten und vierten Generation, haben ein höheres Thrombose-Risiko, also schwerere Nebenwirkungen als die der zweiten Generation. Die Pille hat sich also eigentlich verschlechtert.

Wegen der Nebenwirkungen? Immer weniger Frauen verhüten mit der Pille. Grafik: obs/AOK-Bundesverband/AOK-Mediendienst/BT-Grafik

Wegen der Nebenwirkungen? Immer weniger Frauen verhüten mit der Pille. Grafik: obs/AOK-Bundesverband/AOK-Mediendienst/BT-Grafik

Als alle großen Pharmaunternehmen die Pille in ihrem Sortiment hatten, hat man sich überlegt, wie man das Produkt besser vermarkten kann. Versprochen wurde, dass Frauen schönere Haare, bessere Haut und größere Brüste bekommen. Man vermarktet die Pille also als Lifestyle-Produkt, das schöner macht und viele Vorteile bietet. Durch diese stärkeren Nebenwirkungen erhöht sich das Thrombose-Risiko. Es ist absurd, dass man diese Lifestyle-Aspekte gegen lebensgefährliche Nebenwirkungen abwägt und in Kauf nimmt. Die Pillen der vierten Generation haben stärkere Nebenwirkungen als die der zweiten. Wenn man die Nebenwirkungen stärker macht, ist das aus meiner Sicht die total falsche Richtung. Die Nebenwirkungen sollten schwächer werden. Im Rahmen unserer Kampagne haben wir mit vielen Menschen zum Thema Verhütung gesprochen. Darunter auch eine Frau, die mit 18 ohne jegliche Vorerkrankungen oder genetische Vorbelastungen eine Lungenembolie bekommen hat. Natürlich tritt diese Nebenwirkung ganz selten auf, aber es gibt Frauen, denen das passiert ist. Das sind lebensverändernde Geschehnisse. Die damals 18-Jährige ist mittlerweile 24 und lebt bis heute mit den Folgen.

Wollen „Verhütung für alle besser machen“: Die Initiatorinnen von Better Birth Control, Rita Maglio (links) und Jana Pfenning. Foto: Thilo Kunz

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Wollen „Verhütung für alle besser machen“: Die Initiatorinnen von Better Birth Control, Rita Maglio (links) und Jana Pfenning. Foto: Thilo Kunz

BT: Wie wollen Sie die Aufklärung zu den Risiken und Nebenwirkungen hormoneller Verhütung verbessern? In der Regel klärt die jeweilige Frauenärztin oder Frauenarzt nach eigenem Ermessen auf. Einige empfinden diese Aufklärung als ungenügend. Wie wollen Sie diese Beratung zum Positiven verändern?
Pfenning: Wir wollen dafür sensibilisieren. Gynäkologinnen und Gynäkologen, Schulen, aber auch Eltern. Das betrifft sowohl die Aufklärung von Frauen, die – Status quo – ja noch primär Verhütungsmittel konsumieren, aber auch die Aufklärung von Jungs oder jungen Männern. Uns haben ganz viele Menschen erzählt, und das bestätigt auch meine eigene Erfahrung, dass, wenn es um Empfängnisverhütung ging, Jungs in die Aufklärung nicht mit einbezogen wurden. Da wurde gesagt, nimm ein Kondom und fertig. Es wurden keine Alternativen aufgezeigt oder welche Auswirkungen das auf Frauen haben kann. Man müsste alle Geschlechter in diese Aufklärung mit einbeziehen und sie vor allen Dingen besser machen.

„Der Absatzmarkt für Verhütungsmittel für den Mann besteht“

Unsere Rollenbilder haben sich in den vergangenen Jahrzehnten stark verändert. Ich bin überzeugt davon, dass Männer heutzutage ein Interesse daran haben, mehr Verantwortung bei der Verhütung zu übernehmen. Das ist auch durch Studien belegt. Es gibt eine repräsentative Studie aus dem Jahr 2005, bei der 9.000 Männer in den 30 führenden Industrie- und Schwellenländern gefragt wurden, ob sie mehr Verantwortung bei der Verhütung übernehmen würden. 61 Prozent dieser 9.000 Männer haben gesagt, dass sie das machen würden. In den vergangenen 15, 16 Jahren hat sich noch mal viel getan, wenn es um gesellschaftliche Rollenbilder geht, deshalb denke ich: Das Interesse ist schon da, es braucht nun die Produkte auf dem Markt.
Klar, bis sich so ein Produkt voll und ganz etabliert hat, dauert es ein paar Jahre. Da geht viel über Erfahrungsberichte von Freunden. Wenn es ein Mittel auf dem Markt gäbe und man kennt jemanden, der es benutzt und der sagt, dass es gut ist und er keine Nebenwirkungen hatte, dann ist man eher gewillt, es auch auszuprobieren. So ist bei Verhütungsmitteln für die Frau auch. Der Absatzmarkt besteht. Da bin ich fest von überzeugt.

Kondome sind nach wie vor das einzige gängige Verhütungsmittel für den Mann. Symbolfoto: Oliver Berg/dpa/Illustration

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Kondome sind nach wie vor das einzige gängige Verhütungsmittel für den Mann. Symbolfoto: Oliver Berg/dpa/Illustration

BT: Die Pharmaindustrie hat Verhütungsmittel für Männer immer wieder verworfen, aus Kostengründen oder weil Nebenwirkungen wie Stimmungsschwankungen oder Libidoerhöhung auftraten. Ähnliche Nebenwirkungen treten bei den gängigen Verhütungsmitteln für Frauen aber auf. Augenscheinlich wird hier mit zweierlei Maß gemessen. Wie wollen Sie erreichen, dass künftig mehr in diese Richtung geforscht und entwickelt wird?
Pfenning: Unser Plan ist, das Thema auf die Agenda zu setzen. Es war in der Politik ganz lange nicht präsent. Das haben wir geschafft. Wir haben aktuell fast 70.000 Unterschriften, eine Social-Media-Kampagne und sind in vielen Medien vertreten. Mit jedem Medienbericht, der dazu kommt, wird das Thema präsenter und der Druck auf die Politik wächst. Mit diesem Rückenwind gehen wir in Gespräche mit Politikerinnen und Politikern sowie der Pharmaindustrie und wollen zeigen: „Hey, es besteht ein riesiges Interesse daran, dass Verhütung besser, diverser, gleichberechtigter und kostenfrei wird. Ihr müsst handeln! Ihr müsst mehr Geld investieren und der Forschung mehr Möglichkeiten ermöglichen.“ Wir sind aktuell schon im Dialog mit Politikerinnen und Politikern. Wir wollen in Verhandlungen treten und herausfinden, welche und wie viele Mittel zur Verfügung stehen.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


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