Vier Fragen zur Stadtbahn, die Pakete bringt

Karlsruhe (ml) – Auf langen Strecken ist der Güterverkehr auch auf der Schiene unterwegs, im Nahbereich aber auf der Straße. Das soll sich ändern; durch Stadtbahnen, die auch Waren transportieren.

Stadtbahnen sollen künftig nicht nur Menschen, sondern auch Güter transportieren. Damit soll die Schiene beim Güterverkehr auch im Nahbereich eine größere Rolle spielen. Foto: Paul Gärtner/KVV

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Stadtbahnen sollen künftig nicht nur Menschen, sondern auch Güter transportieren. Damit soll die Schiene beim Güterverkehr auch im Nahbereich eine größere Rolle spielen. Foto: Paul Gärtner/KVV

Das Karlsruher Institut für Technologie (KIT), die Albtal-Verkehrs-Gesellschaft (AVG), das FZI Forschungszentrum Informatik und weitere Partner haben in diesem März damit begonnen, ein Konzept für den Bau und Betrieb einer „Gütertram“ auf der Basis einer Karlsruher Zweisystem-Stadtbahn zu entwickeln. Diese soll – wie auch die heutigen Stadtbahnen – in der Stadt und auf den Strecken der Bahn fahren können. Dabei nehmen sie die nötige Fahrzeugtechnik ebenso in den Blick wie die Anforderungen an eine reibungslos funktionierende und auch wirtschaftliche Logistik. Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt. Dr. Michael Frey, stellvertretender Institutsleiter am Institut für Fahrzeugsystemtechnik (FAST), Institutsteil Fahrzeugtechnik, leitet das Forschungsprojekt. Im Gespräch mit BT-Redakteur Markus Langer erklärt er die Hintergründe.

Setzt auf die Stadtbahn als eine Komponente für den Güterverkehr in der Region: Dr. Michael Frey. Foto: Lydia Albrecht/KIT

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Setzt auf die Stadtbahn als eine Komponente für den Güterverkehr in der Region: Dr. Michael Frey. Foto: Lydia Albrecht/KIT

BT: Herr Dr. Frey, im Fernverkehr ist der Transport von Gütern seit Jahrzehnten erprobt, nun soll das auch im Nahbereich möglich werden. Welche Güter könnten dort transportiert werden – und von wo nach wo, also von einem überregionalen Absender oder auch nur innerhalb des Nahbereichs?
Dr. Michael Frey: Beides. Wir sehen uns im Großraum Karlsruhe – das heißt in der Stadt Karlsruhe, Mittelbaden, Bruchsal, Pforzheim – die Warenströme an. Also, welche Sender schicken welche Waren in welchem Turnus und in welchen Mengen auf die Reise und wo kommt das an? Wenn wir diese Daten erhoben haben, dann suchen wir nach der besten Lösung für den Transport. Dabei ist die Gütertram nur ein Bestandteil, mit ihrem Einsatz kann man nicht alle Anforderungen erfüllen. Auch emissionsfreie Lkw oder Fahrradkuriere könnten ein Bestandteil der Transportkette sein. Es muss ja nicht mehr so laufen wie jetzt, wo in einem Depot auf dem Land die verschiedenen Pakete auf Transporter verteilt werden, die dann in die Region oder in die Stadt fahren. Man könnte die Sachen doch auch gepoolt in die Stadt bringen und dort kleinteilig verteilen. Diese Kleinverteilung kann unterschiedlich aussehen. Das könnten etwa emissionsfreie 3,5 oder auch 7,5-Tonner übernehmen, die man in Gebieten einsetzt, in denen sehr viel ausgeliefert wird. Es könnten aber auch Fahrradkuriere eingesetzt werden, die die Waren im Zentrum verteilen. Wir suchen nicht nach einer einzigen Lösung, sondern nach verschiedenen Bausteinen, von denen wir uns einige genauer anschauen und auch demonstrieren werden. Dabei achten wir nicht nur auf die Nachhaltigkeit, sondern auch auf die Kosten, denn die einzelnen Anwendungen müssen ja auch wirtschaftlich sinnvoll sein. Einer dieser Bausteine ist die Stadtbahn. Die Entwicklung einer Gütertram ist recht aufwendig, hat aber auch sehr viel Potenzial.

BT: Wie könnte eine Übergabe an den Empfänger aussehen, könnten Privatkunden ihre Sachen in einer Art Paketstation abholen, stellen autonom fahrende Roboter oder Drohnen die Waren zu oder ist das nur für gewerbliche Kunden gedacht, etwa für den Transport von Paketen vom Verteilzentrum zum Postamt?
Frey: Auch da gibt es wieder verschiedene Bausteine. Sie können sich das als ein riesiges Puzzle vorstellen, an dem man verschiedene andere Puzzleteile andocken kann. Es ist für Privat- wie für Geschäftskunden gedacht. Im Privatbereich wird es vor allem um die Auslieferung einzelner Pakete gehen, im Geschäftsbereich geht es um größere Mengen. Einen Karstadt etwa werde ich nicht mit einzelnen Päckchen beliefern, da muss ein richtig großer Container zum Einsatz kommen. Oder ich habe die Lieferung von frischen Waren an Lebensmittelhändler, da wird man vielleicht kleinere Mengen zustellen, die aber öfter. Für diese unterschiedlichen Anforderungen brauchen wir bei der Gütertram auch unterschiedliche Lösungen. Schauen wir uns einmal den privaten Bereich an, also die Zustellung von Paketen. Mit der Gütertram gäbe es dafür mehrere Möglichkeiten. Die erste wäre, dass in der Stadtbahn ein Container mitfährt, der an einer Haltestelle herausgefahren wird. Das muss automatisiert erfolgen, um die Taktung der Straßenbahn einhalten zu können, die Ladewechselzeit darf also nicht länger sein als die Zeit, die die Passagiere zum Ein- und Aussteigen benötigen. Wenn der Container aus der Bahn gebracht worden ist, gibt es auch wieder verschiedene Möglichkeiten. Der Container könnte als eine Paketstation gebaut sein, die an der Haltestelle abgestellt und danach von den Kunden genutzt werden kann. Die zweite Möglichkeit wäre, dass der Container ein angetriebener Fahrradanhänger ist. Ein Start-up aus Hamburg hat einen elektrisch angetriebenen Fahrradanhänger entwickelt, den man ordentlich beladen kann. Dank einer intelligenten Technik in der Deichsel merkt der Anhänger, ob er antreiben oder bremsen muss. Der Fahrradkurier spürt den Anhänger deshalb beim Fahren nicht. Er holt sich den Anhänger an der Haltestelle ab und übernimmt den letzten Teil der Zustellung. Es könnte aber auch sein, dass man automatisierte Fahrzeuge einsetzt, etwa Lieferroboter oder auch größere Shuttles. Denkbar wäre auch eine selbstfahrende Paketstation, die nicht an der Haltestelle stehen bleibt, sondern ins Wohngebiet hineinfährt. Im ländlichen Bereich wäre aber auch Einsatz eines 3,5-Tonners für die letzten Kilometer möglich. Im Laufe des Projekts wollen wir herausfinden, was an welcher Stelle sinnvoll ist.

BT: Soll es einen Mischbetrieb geben, also in Bahnen Personen und Güter zeitgleich transportiert werden oder sollen auch spezielle Güterzüge zu Zeiten mit einem geringen Fahrgastaufkommen eingesetzt werden?
Frey: Auch hier ist beides angedacht. Wir werden alles untersuchen, demonstrieren werden wir aber eine Bahn im Mischbetrieb, die zu Stoßzeiten nur Passagiere befördert, in Zeiten mit einem schwächeren Fahrgastaufkommen aber die Möglichkeit bietet, Güter mitzunehmen. Die Herausforderung ist, dass wir die Bahn so ausstatten müssen, dass Menschen in der Bahn bequem sitzen können, anschließend aber auch ohne einen Umbau Güter reinpassen. Salopp gesagt, wird es um Klappsitze gehen. Das kennt man ja aus den Bereichen, in denen Kinderwagen oder Fahrräder transportiert werden. Zusätzlich müssen wir eine Ladungssicherung entwickeln, die automatisiert, schnell und vor allem auch verlässlich funktioniert. Das kann ich dann auch auf eine reine Güterbahn übertragen. Diese würde die Möglichkeit bieten, auch ganz große Behältnisse zu transportieren, um große Kunden wie etwa Karstadt bedienen zu können. Wir werden uns aber zunächst auf ein Fahrzeug für den Mischbetrieb konzentrieren und dafür ein Fahrzeug aus dem Bestand der AVG umbauen. Im nächsten Schritt würden wir uns dann ansehen, wie ein Fahrzeug aussehen müsste, das man schon bei der Konstruktion für einen Misch- oder Güterverkehr auslegt. Das würde aber erst nach Anschluss des jetzt laufenden Projekts erfolgen. Das ist vergleichbar mit der Autoentwicklung. Wenn sie ein bestehendes Modell auf einen Elektroantrieb umrüsten, dann ist das Ergebnis immer ein Kompromiss, wenn sie ein Fahrzeug gleich so konzipieren, haben sie andere Möglichkeiten.

BT: Das Forschungsprojekt ist auf drei Jahre angelegt. Wann wäre eine Umsetzung im Alltag denkbar?
Frey: Das hängt davon ab, wie sehr sich diese Fahrzeuge von den aktuell eingesetzten Bahnen unterscheiden werden. Wenn ich mir die Entwicklungszyklen ansehe, könnte ich mir vorstellen, dass etwa drei bis fünf Jahre nach dem Ende des Projekts solche Fahrzeuge verfügbar sein könnten.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht..


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