Vier Fragen zur Zwangspause im Sport

Karlsruhe (ml) – Der Vereinssport mach Zwangspause, soziale Kontakte sind massiv eingeschränkt. Über die Folgen für Kinder und Jugendliche berichtet Prof. Dr. Alexander Woll im Gespräch mit dem BT.

Neben einem Digitalisierungspakt braucht es dringend auch einen Bewegungspakt, fordert Prof. Dr. Alexander Woll. Foto: Anne Behrendt/KIT

© KIT

Neben einem Digitalisierungspakt braucht es dringend auch einen Bewegungspakt, fordert Prof. Dr. Alexander Woll. Foto: Anne Behrendt/KIT

Der Bewegungsmangel hat viele Folgen, nicht nur für die Fitness. BT-Redakteur Markus Langer hat dazu vier Fragen an Prof. Dr. Alexander Woll, Leiter des Instituts für Sport und Sportwissenschaft sowie wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Lehrerbildung am Karlsruher Institut für Technologie (KIT), gestellt.

BT: Herr Prof. Dr. Woll, wie unterschiedlich wirken sich der erste Lockdown im Frühjahr 2020 und der zweite Lockdown im Winter aus?
Prof. Dr. Alexander Woll: Als Grundlage für unsere Einschätzung können wir auf Daten unserer seit 2002 laufenden Motorik-Modul-(MoMo)-Studie zur Entwicklung von körperlicher Aktivität, Fitness und Gesundheit von Kindern und Jugendlichen zurückgreifen. In beiden Lockdowns ist das intensive Sporttreiben in der Schule und im Verein zum Erliegen gekommen. Während im ersten Lockdown – wohl auch aufgrund des hervorragenden Wetters im Frühjahr vergangenen Jahres – die körperlichen Alltagsaktivitäten – vor allem draußen spielen, Spazierengehen, Joggen und Fahrrad fahren – deutlich zugenommen hatten und damit den fehlenden Sport in Schule und Verein etwas kompensieren konnten, ist dies im zweiten Lockdown so nicht mehr gegeben. Die sportlichen Outdooraktivitäten und das Draußen-Spielen sind wetterbedingt deutlich zurückgegangen. Die Krise hat die Entwicklung von Online-Sport-Angeboten deutlich beschleunigt. Wir sind noch in der Auswertung der Daten. Die genauen Zahlen werden wir Ende der nächsten Woche vorlegen können.

BT: Neben der Zwangspause im Vereinssport sorgen auch die Kontaktbeschränkungen dafür, dass Kinder und Jugendliche sich weniger gemeinsam bewegen können. Das dauert nun schon ziemlich lange. Wie wirkt sich das längerfristig auf die Motivation zum Sporttreiben aus?
Woll: Bereits in unserer großen Motorik-Modul-(MoMo-)Studie im ersten Lockdown konnten wir zeigen, dass insbesondere die körperliche Aktivität mit hoher Intensität zurückgeht. Diese Aktivitäten sind für die positive gesundheitliche Entwicklung von Kindern und Jugendlichen von großer Bedeutung – sowohl im Hinblick auf körperliche als auch psychosoziale Aspekte. Sport dient nicht nur dazu, die Motorik zu verbessern und gesundheitliche Risikofaktoren wie Übergewicht zu verhindern, sondern trägt dazu bei, sozialen Stress abzubauen. Kinder, die sich viel bewegen, sind auch psychisch stabiler, wie unsere MoMo-Studie zeigt. Kinder brauchen Bewegung, um gesund aufzuwachsen, und sie haben ein „natürliches Bedürfnis“ danach. Wir reden momentan viel über die Folgen des Lockdowns auf das Bildungsniveau der Kinder und Jugendlichen. Dabei vergessen wir all zu oft, dass Bewegungsbildung auch ein zentraler Bildungsbereich ist. Die körperliche Bildung gerät leider aktuell stark aus dem Blickfeld und wird nur unter der Perspektive „Infektionsgefahr“ gesehen. Der Infektionsschutz spielt natürlich im Sport eine zentrale Rolle. Allerdings sollte der Blick nicht nur auf dem „Infektionsrisiko Sport“ liegen, sondern die körperlichen Bildungschancen für Kinder und Jugendliche beachtet werden. Sportlehrerinnen und Sportlehrer sollten nicht nur hilfsweise als zusätzliche „Aufsichtspersonen“ im Mathe- und Deutschunterricht eingesetzt werden. Hier geht aktuell viel Potenzial für die Bewegungsförderung verloren. Je nach Infektionslage könnten zum Beispiel auch im Sportunterricht Angebote komplett digital zur individuellen Förderung stattfinden oder auch die Möglichkeiten von Bewegungshausaufgaben und Outdoorsportarten mit geringerem Infektionsrisiko genutzt werden. Zur Bewältigung der Corona-Krise und deren Folgen bei Kindern und Jugendlichen braucht es neben dem Digitalisierungspakt auch ganz dringend einen Bewegungspakt.

BT: Was können Eltern unternehmen, um ihre Kinder in der jetzigen Situation für Bewegung zu begeistern?
Woll: Eltern sind für Kinder bis elf Jahren die primären Vorbilder für das Bewegungsverhalten. Die politischen Rahmenbedingungen des Lockdowns haben die körperlich-sportliche Aktivität im Wohnnahraum – im Gegensatz zu anderen europäischen Ländern wie etwa Italien oder Spanien – nicht eingeschränkt. Insofern konnten und können Eltern mit ihren Kindern den Nahraum für gemeinsame Bewegungsaktivitäten sehr intensiv nutzen. Gerade diese gemeinsame Aktivität bietet auch neue Möglichkeiten des gemeinsamen Sporttreibens. Hierin sehe ich auch Chancen für positive Beiträge zum „Familienklima“. Auch die gemeinsame Nutzung von „Online-Angeboten“ kann für Familien-Spaß-Momente sorgen. Bei Jugendlichen ist es wichtig – aber deutlich schwieriger, die Motivation hochzuhalten. Hier spielt die Einbindung der Jugendlichen in ihre peer-group eine wichtige Rolle. Die „digitale Vernetzung“ kann dafür sorgen, dass auch „Einzelleistungen“ gemeinsam geteilt werden. Das stärkt den Zusammenhalt in der Gruppe und die Motivation zum Sporttreiben.

BT: Abgesehen von der Kondition und Motivation: Was bewirkt die Zwangspause in den Vereinen, zerfällt dort der Zusammenhalt?
Woll: Nach einem Jahr der Einschränkungen zeigen sich die Wirkungen im Vereinssport inzwischen deutlich. Erste Daten der Sportverbände verzeichnen im Durchschnitt einen Mitglieder-Rückgang bei den Kindern und Jugendlichen von etwa 15 Prozent. Die Bindung an die Vereine nimmt in der Pandemie offensichtlich ab. Vereine sind soziale Tankstellen und sicherlich ist es gesellschaftlich ein Problem, dass die Vereinspause jetzt schon sehr lange dauert. Der psychosoziale Stress hat in der Pandemie enorm zugenommen, soziale Netzwerke sind gleichzeitig stark runtergefahren. Die psychischen Probleme bei Kindern und Jugendlichen sind eklatant gestiegen. Sie haben sich fast verdoppelt, wie sich auch in Befragungen im Rahmen unserer MoMo-Studie zeigt. Natürlich ist es für die Vereine schwierig, ohne direkte Kontakte das Vereinsleben am Laufen zu halten. Viele Vereine haben jedoch in der Krise auch schnell „gelernt“ und viele kreative Lösungen entwickelt, die das Basisbedürfnis nach Bewegung und sozialer Interaktion ansprechen. Das Spektrum reicht von virtuellen Mannschaftstrainings über „Challenges“ und Wettkämpfe der unterschiedlichsten Art bis hin zu vielfältigen „Kommunikationsgruppen“ im Verein. Hier hat sich eine neue Angebotsschiene entwickelt, die auch nach der Pandemie teilweise erhalten bleiben wird. Ich bin sehr zuversichtlich, dass Kinder und Jugendlichen in die Vereine zurückkehren werden. Es gibt ein gigantisches Bedürfnis nach analogen Sportangeboten und sozialen Kontakten. Der Wunsch nach echten Begegnungen ist groß. Die Menschen lechzen nach Gruppenerlebnissen, wie sie gerade die Mannschaftssportarten bieten. Der Niedergang der Vereine, den manche an die Wand malen, sehe ich nicht – im Gegenteil. Viele Menschen merken vielleicht erst jetzt bewusst – wenn er fehlt, was der organisierte Sport für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft leistet. Die Vereine haben eine herausgehobene Bedeutung, gerade in Baden-Württemberg mit einem sehr hohen Anteil von Kindern und Jugendlichen, die irgendwann in ihrem Leben Mitglied im Sportverein sind.

Vier Fragen an:“ ist eine Reihe der BT-Onlineredaktion. Die vier Fragen richten sich an Menschen, die gerade im Fokus stehen, etwas Interessantes erlebt oder zu erzählen haben oder aufgrund ihrer Tätigkeit interessant sind. Die Beiträge der Reihe werden sonntags auf der Homepage des Badischen Tagblatts veröffentlicht.


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.