Vision String Quartet live aus dem Festspielhaus

Baden-Baden (rud/cl) – Noch bis Samstag werden bei der kostenlosen Online-Konzertreihe „Hausfestival“ drei Konzerte live aus dem Festspielhaus in Baden-Baden gestreamt. Welche, erfahren Sie hier.

Vier Ausgeflippte auf der Couch: Am Freitagabend sind die Musiker des Vision String Quartet im Livestream auf der Festspielhausbühne zu erleben. Foto: pr

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Vier Ausgeflippte auf der Couch: Am Freitagabend sind die Musiker des Vision String Quartet im Livestream auf der Festspielhausbühne zu erleben. Foto: pr

Ernst blicken die vier jungen Männer vom Cover ihrer Debüt-CD. „Memento“ heißt das Erstlingswerk, das Schuberts „Tod und das Mädchen“ mit Mendelssohns düsterem letzten Streichquartett in f-Moll kombiniert. Warum denkt ein junges Ensemble, das die Szene ordentlich aufmischt, immer auswendig spielt und mit seinen groovenden Arrangements und Jazz-Improvisationen eine neue Lockerheit in die ernste Kammermusik-Szene bringt, ausgerechnet bei seiner Geburt auf dem Tonträgermarkt ans Sterben?

„Das ist vielleicht etwas seltsam für die, die uns schon gesehen haben“, erklärt Daniel Stoll das musikalische Kreisen um die Vergänglichkeit. „Aber beide Werke haben uns schon lange begleitet – wir sind an ihnen gewachsen. Wir spielen schon acht Jahre zusammen und wollten Stücke wählen, die uns sehr vertraut sind.“ Das Quartett möchte bewusst zweigleisig fahren und die „ernsthafte, klassische Seite von der anderen, eher unterhaltenden trennen“, betont der zweite Geiger. Dass man mit diesen beiden Schwergewichten auch ein internationales Publikum erreichen wolle, zumal man mit Warner Classics bei einem großen Label unter Vertrag steht, ist ein weiterer Grund für diese Repertoirewahl. Das Ergebnis klingt so plastisch, als würde man das Hörbild mit einer 3-D-Brille betrachten: glasklare Konturen, große Tiefenschärfe. Die Hell-dunkel-Kontraste in Schuberts Kopfsatz sind existenziell. Das Unisono im Finale zieht den Hörer in einen Strudel. Ob man das Thema des Andante so flächig musizieren muss, dass der Bewegungsimpuls fast verloren geht? Auch manche Tempoübergänge sind nicht ganz organisch, sondern klingen zu gewollt. Aber das sind Peanuts im Vergleich zur rhythmischen Genauigkeit der Interpretation, zur orchestralen Wucht des Mendelssohn-Quartetts und der gemeinsamen Attacke beim Tutti-Einsatz im Fortissimo. Für „Memento“ erhielten die vier Newcomer letztes Jahr den Opus Klassik in der Kategorie „Kammermusikeinspielung Quartett“.

Ein Album als selbstbewusstes Statement: Wir haben etwas zu sagen. Und sind gekommen, um zu bleiben! Gerade hatte das Ensemble Fahrt aufgenommen – dann die Vollbremsung. Das Release-Konzert am 13. März 2020 in Berlin wurde coronabedingt zwei Tage vorher abgesagt. Die anschließende Tournee ebenfalls. Im Spätsommer und Herbst konnte das Quartett aber einige Konzerte geben. Im Homeoffice bastelten Bratschist Sander Stuart und der erste Geiger Jakob Encke an selbst gedrehten Videos zu eigenen Kompositionen. In „Shoemaker“ spielen die Vier auf Kinderinstrumenten. Schnelle Schnitte, guter Groove – am Ende wird getanzt. „Wir wollten gar nicht als klassisches Quartett starten, sondern andere Musik machen. Das klassische Repertoire war natürlich auch spannend – so haben wir das parallel laufen lassen“, fasst Leonard Disselhorst kurz die Entstehungsgeschichte des Vision String Quartets zusammen.

„Crossover ist uns zuwider“

Auswendig spielen sie seit dem ersten Auftritt bei einem Kammermusikkurs in Weikersheim. Ein paar Tage zuvor hörten sie im Nebenraum ein anderes Quartett mit dem gleichen Stück und spielten aus dem Kopf ihre Stimme mit. „Wir fühlen uns damit befreiter und können viel mehr aufeinander eingehen“, sagt Daniel Stoll. Das Improvisieren haben sie sich selbst beigebracht und dafür Aufnahmen gehört von den G-Strings, dem Turtle Island Quartet und Oscar Peterson. Und sich eine andere Tongebung und neue Spieltechniken angeeignet wie das Chopping, bei dem der Bogen auf die Saite hackt und so aus dem Streichinstrument ein Schlagzeug werden kann. Meistens treten die Vier im ersten Teil eines Konzerts in schwarzen Anzügen mit klassischem Repertoire auf; im zweiten Teil rocken sie in Jeans und Turnschuhen auf verstärkten Instrumenten eigene Stücke.

„Wir trennen das ganz klar durch die Pause, wollten es aber nicht noch durch die Notenständer voneinander abgrenzen. Wir lieben den direkteren Kontakt zum Publikum. Crossover ist uns zuwider. Wir wollen auf keinen Fall Mozart oder Brahms verjazzen, sondern lieber etwas Eigenes machen“, sagt Disselhorst. Das Quartett hat eine junge Fangemeinde aufgebaut, mit der es über die sozialen Netzwerke im Kontakt ist. „Komischerweise kommt das Jazz-/Pop-Programm auch bei einem alten, konservativen Publikum sehr gut an. Es gibt da viele Zuhörer, die in ihrem ganzen Leben noch nie nichtklassische Musik gehört haben. Die sind genauso baff wie die Jungen, die zu uns kommen wegen der Popsachen, und dann im ersten Teil völlig gebannt den klassischen Stücken lauschen“, sagt Stoll. Auf dem nächsten Album möchte man sich nicht mit Beethoven oder Brahms beschäftigen, sondern die eigenen Stücke präsentieren. Dann wird man vielleicht auch ein Lächeln sehen auf dem Cover.

Zum Thema: „Hausfestspiel“ noch bis Samstag

Das „Hausfestspiel“ des Festspielhauses Baden-Baden ist am Mittwochabend mit einem Konzert des Geigers Christian Tetzlaff auf der stimmungsvoll ausgeleuchteten Bühne eröffnet worden – der Liveauftritt war im Netz zu sehen. Beim Online-Festival treten bis Samstag auch Sopranistin Olga Peretyatko, Tenor Julian Prégardien und das Vision String Quartett auf. Bei der Aufzeichnung kommt erstmals die von der Stadt Baden-Baden neu spendierte Streaming-Technik zum Einsatz. Vormittags gibt es jeweils Künstlerinterviews und Live-Gespräche mit Schulklassen aus Trossingen, Freiburg, Sasbach, Gaggenau.


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