Vitale Rotbuche muss für Neubau bluten

Rastatt (ema) – Die Fällung einer vitalen Blutbuche löst bei Anwohnern in der Bismarckstraße Zorn aus. Die Stadt lässt dort jetzt eine Nachverdichtung zu.

Hier stand die Blutbuche (Pfeil) neben dem alten Forstamt noch in voller Pracht. Jetzt ist ein Neubau geplant. Foto: Willi Walter

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Hier stand die Blutbuche (Pfeil) neben dem alten Forstamt noch in voller Pracht. Jetzt ist ein Neubau geplant. Foto: Willi Walter

Aus seiner Entrüstung macht Dr. Gerald Fuchs keinen Hehl. „Ich kapier das einfach nicht. Da werden vollendete Tatsachen geschaffen“, zürnt der Zahnarzt über die Fällung einer prächtigen Rotbuche in der Bismarckstraße, eines Baums, der wegen seiner kräftig roten Blätter auch Blutbuche genannt wird. Die Aktion dort sorgt für Unmut – und markiert zugleich eine städteplanerische Neuorientierung. Denn im Umfeld des ehemaligen staatlichen Forstamts darf nun doch gebaut werden.
Die Befürchtung von Gerald Fuchs, dass die Fällung der Blutbuche einem Bauvorhaben vorausgeht, ist begründet. Die Stadtverwaltung, die nach eigenen Angaben von der Rodung keine Kenntnis hatte, sieht die Fällung im Zusammenhang mit dem geplanten Bau eines Einfamilienhauses auf dem Gelände, zu dem es seit April 2019 einen positiven Bauvorentscheid gibt.

Die Verwaltung sieht ihre Hände gebunden. Man könne gegen private Baumfällungen nichts machen, heißt es aus dem Rathaus – es sei denn, der Baum ist Naturdenkmal oder in einem Bebauungsplan gesichert. „Beides wurde hier geprüft und trifft nicht zu.“ Eine Überlebenschance hätte der Baum noch allenfalls wegen seiner Bedeutung für den Artenschutz gehabt – was die untere Naturschutzbehörde beim Landratsamt zu prüfen hätte.

„Man kann nur an die Weitsicht appellieren“

Einer, der das aus eigener Anschauung weiß, ist Heinz Wicht. Der mittlerweile pensionierte Forstdirektor hat viele Jahre in dem damaligen, aus dem Jahr 1952 stammenden Forstamt in der Bismarckstraße 2 nicht nur gearbeitet, sondern auch mit seiner Familie gewohnt. Heute ist er Naturschutzbeauftragter im Landkreis. Eine Möglichkeit, eine Fällung der vitalen, gut 80 Jahre alten Buche zu verhindern, habe es nicht gegeben, sagt Wicht. Verständnis dafür bringt er trotzdem nicht auf. „Man kann nur an das Gefühl und die Weitsicht appellieren“, meint er mit Blick auf die Bedeutung der Pflanzen für das Stadtklima.

Dass der imposante Baum nun wohl einem Neubau weicht, hat auch die Stadt Rastatt mit ihrer planungsrechtlichen Neuorientierung zu verantworten. Als das Land Baden-Württemberg 2005 im Zuge der Verwaltungsreform das Behörden-Doppelhaus auf dem 3.470 Quadratmeter großen Grundstück verkaufen wollte, beabsichtigte der Investor, das Areal neu zu bebauen. Der Gemeinderat beschloss aber unter dem damaligen OB Klaus-Eckhard Walker eine Veränderungssperre, weil man auf den Flächen zwischen Bismarckstraße und Rauentaler Straße eine Nachverdichtung verhindern wollte. Am Ende wurde das alte Forstamt so umgebaut, dass zehn Wohnungen entstanden; die Flächen links und rechts des Gebäudes behielt das Land zunächst.

Mittlerweile sind die Karten planungsrechtlich aber neu gemischt. Im Zuge der Erarbeitung des Bebauungsplanentwurfs „Obere Bahnhofstraße“ sah die Stadt im Jahr 2015 für den Bereich zwischen Bismarckstraße und Rauentaler Straße kein Planungserfordernis mehr; der Bereich wurde im Bebauungsplan ausgeklammert. Konsequenz: Die Grundstücke östlich und westlich des alten Forstamts dürfen bebaut werden, wenn sich die Bauweise in die Eigenart der näheren Umgebung einfügt. „Eine Nutzung dieser Grundstücke zu Wohnzwecken wäre städtebaulich vertretbar und würde den allgemeinen wohnungsbaupolitischen Zielen zur Schaffung von Wohnraum und zur Stärkung der Innenentwicklung durch die Aktivierung von Baulücken entsprechen“, lautet jetzt die Haltung der Stadtplanung.


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