Vladimir Klos wird 75: Stuttgarter Tanzstar von einst

Stuttgart (cl) – Vladimir Klos hat das Stuttgarter Ballettwunder als Tänzer mitgeprägt, der legendäre Ballettgründer John Cranko war sein Mentor. Am 1. Juli wird Klos 75 und seine Biografie erscheint.

Begründeten das „Karlsruher Ballettwunder“ in einem ganz eigenen Weg: Birgit Keil und Vladimir Klos haben das Badische Staatsballett ab 2003 als Direktorenpaar neu aufgebaut und bis 2019 geleitet.  Foto: Badisches Staatstheater

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Begründeten das „Karlsruher Ballettwunder“ in einem ganz eigenen Weg: Birgit Keil und Vladimir Klos haben das Badische Staatsballett ab 2003 als Direktorenpaar neu aufgebaut und bis 2019 geleitet. Foto: Badisches Staatstheater

Der einstige Startänzer des Stuttgarter Balletts, Vladimir Klos, hat trotz vieler Tiefschläge in seinem Leben immer wieder Kraft schöpfen können aus großen Aufgaben und Erfolgen, die auf ihn gewartet haben. „Wenn etwas aufhört, beginnt stets etwas Neues“, lautet seine Maxime. Neben der internationalen Bühnenkarriere war das Leben des in Prag geborenen Balletttänzers von Flucht, Verletzungspech und zuletzt einer schweren Krebserkrankung geprägt. Er war Tanzprofessor in Mannheim und führte das Badische Staatsballett zusammen mit seiner Frau, der ehemaligen deutschen Starballerina Birgit Keil, als Stellvertretender Direktor zu hoher Anerkennung – und initiierte mit ihr das „Karlsruher Ballettwunder“.

Zu Klos‘ 75. Geburtstag am 1. Juli erscheint seine Biografie „Ups and Downs“. Wir haben dies zum Anlass genommen, den Ex-Ballettstar und Tanzpädagogen zum Interview zu bitten. Das Gespräch mit Vladimir Klos führte BT-Redakteurin Christiane Lenhardt.

BT: Herr Klos, an Ihrem 75. Geburtstag wird Ihre neue Biografie im Stuttgarter Opernhaus vorgestellt. Wie eng ist Ihre Verbindung noch zum Stuttgarter Ballett?
Vladimir Klos: Die Verbindung ist nie abgerissen. Ich wurde 1968 engagiert und bin 1995 ausgeschieden. Danach ging es für mich weiter in der Akademie des Tanzes in Mannheim. Später kam das Badische Staatsballett Karlsruhe dazu. In dieser ganzen Zeit ist die Verbindung nie abgebrochen.

BT: Schauen Sie sich die Stuttgarter Premieren regelmäßig an?
Klos: So weit es möglich ist, ja. Von der letzten Premiere des Ballettabends „New/ Works“ war ich sehr begeistert. Das Ensemble ist in Topform. Das Programm war äußerst interessant mit Kreationen von Spuck, Goecke, Clug und einem Forsythe-Ballett.

BT: Wie sehen Sie die Entwicklung des Klassischen Balletts und seinen Einfluss auf die aktuelle Tanzszene?
Klos: Ich glaube, dass es ohne das Klassische Ballett als Basis nicht geht. Das ist die Voraussetzung für eine professionelle Aufführung. Ich sehe natürlich, dass auch die neuen Choreografen, die sich jetzt ausprobieren, ein Fundament für ihre choreografische Aussage brauchen. Die heutige Entwicklung der Choreografie ist großartig. Die sehr athletische Artikulation des Körpers – vieles spielt sich am Boden ab – ist bemerkenswert.

„Bei den modernen Stücken geht es mehr um die körperliche Aussage“

BT: Das Stuttgarter Ballett war in der Gründungsphase auch sehr innovativ, vorbildhaft fürs zeitgenössische Ballett. Wo sehen Sie die großen Unterschiede zum heutigen Stuttgarter Ballett?
Klos: Das Cranko- und das Klassische Repertoire wird beim Stuttgarter Ballett gepflegt. Darüber hinaus ist die Kreativität ungebrochen. Eine Entwicklung sehe ich insofern, dass die Ausbildung wesentlich ausgereifter ist und auch die Ansprüche gestiegen sind. Die Tänzer sind physisch sehr, sehr gefordert. Dadurch eröffnet sich ihnen eine neue Dimension. In der Aussage gibt es unterschiedliche Entwicklungen. Bei den modernen Stücken, die ich anschaue, geht es mehr um körperliche Aussage. Die Bühne ist dunkler gestaltet, der Gesichtsausdruck meistens nur wenig erkennbar, weshalb die Körpersprache das wichtigste Ausdrucksmittel ist. Ich denke, dass der Tanz in seiner Lebendigkeit nichts verloren hat. Es bleibt wichtig, dass neue Impulse in den Tanz einfließen. Die Welt hat sich verändert, sich digitalisiert und diese technische Entwicklung beeinflusst die Produktionen. Theater ist nach wie vor Theater! Wir wollen alle von Emotionen berührt und gefangen werden.

BT: Das Stuttgarter Ballett feiert dieses Jahr sein 60-Jähriges – und Sie waren unmittelbar beteiligt am Ballettwunder: Es gab damals einige bedeutende Erste Solisten neben Ihnen, Richard Cragun, Heinz Clauss und Egon Madsen. Wie haben Sie diese Konkurrenz empfunden?
Klos: Ich habe es nie als Konkurrenz empfunden. Wir betrachteten uns als Partner. Der Unterschied zwischen uns war groß, jeder Einzelne war eine Persönlichkeit. Wenn man sich so betrachtet und gegenüber steht, muss man den anderen anerkennen, ja sogar bewundern. Für mich waren meine Kollegen nicht nur Vorbilder, sondern auch Partner in der künstlerischen Entwicklung. Ich konnte von ihnen lernen.

BT: Gleichwohl gibt es große Traumrollen, wie den Romeo oder Onegin. Kommt nicht doch eine gewisse Enttäuschung auf, wenn ein Kollege die Premiere tanzen darf?
Klos: Nein, überhaupt nicht. Wir haben uns die Premieren geteilt. Hatten auch sehr viele Vorstellungen. Ich vergesse einen Januar nicht, wo ich in einem Monat mit 31 Tagen selbst 32 Vorstellungen hatte. Da ist man ausgelastet. Wir waren füreinander da und waren wie eine Familie.

„Cranko hat einen festen Platz in meinem Herzen“

BT: War das der Geist John Crankos, der dieses gute Miteinander beförderte?
Klos: Ja, und das hatte auch großen Einfluss auf unsere Tätigkeit in Karlsruhe. Unsere Leitung des Balletts war genauso darauf ausgerichtet, den Nachwuchs zu unterstützen, junge Choreografen zu fördern, das große Repertoire zu ermöglichen und natürlich die Tänzerfamilie.

BT: Sie waren einer der wichtigsten Weggefährten John Crankos. Was für ein Mensch war er – und wie war Ihre Beziehung zu ihm?
Klos: Cranko hat einen festen Platz in meinem Herzen. Er choreografierte für und mit uns, das war das Wichtigste! Aber nicht nur das, er war ein ganz großer Erzieher, künstlerisch und was die Weltanschauung anbelangt. Eigentlich eine große Vaterfigur, mein Mentor. Ich habe ihn respektiert und er mich auch. John Cranko, und ich haben wunderbare Berufsgespräche, auch in der Kantine, geführt bei denen er mich jedes Mal ein stückweit vorwärts brachte. Unvergesslich ist mir aber meine erste Begegnung mit ihm.

BT: In München...
Klos: Ja, in München habe ich vorgetanzt. Am selben Abend sollte ich John im Restaurant treffen, da wollte er mich kennen lernen, wissen wer ich bin, woher ich komme, was für einen Background ich habe, welche Ausbildung und wie ich intellektuell und politisch gestellt bin. Ich war damals 22 Jahre, jung und hungrig nach Theater. Aber dieses Gespräch vergesse ich nie.

BT: Fühlten Sie sich gleich von ihm angenommen?
Klos: Absolut! Er hatte damals auch das Münchner Staatsballett neben dem Stuttgarter Ballett geleitet. Er sagte zu mir: Ich werde dich engagieren, aber für Stuttgart.

BT: War Ihnen damals schon bewusst, dass das Stuttgarter Ballett etwas ganz Besonderes werden würde?
Klos: Nein, wie auch? Es war mir damals nicht bewusst. Seine Compagnie in Stuttgart war seine Heimat, seine kreative Familie.

BT: Im Gegensatz zur familiären Situation während Ihrer Zeit beim Stuttgarter Ballett, stand später die hierarchisch ausgerichtete Führungsweise von Peter Spuhler am Badischen Staatstheater, wie Sie in ihrem Buch auch thematisieren. Sie und Frau Keil wurden noch unter Spuhlers Vorgänger, Generalintendant Achim Thorwald, nach Karlsruhe geholt. Das Ballett war damals autark – das änderte sich. Wie kamen Sie damit zurecht?
Klos: Am Anfang sah es recht positiv aus. Peter Spuhlers Persönlichkeit war nicht ganz einfach. Ich möchte eigentlich keine Kritik mehr an ihm äußern. Das Schicksal hat ihn eingeholt. In meinen Augen ist er zu bedauern, weil er die Idee, das Theater zu vergrößern und umzugestalten noch eingeleitet hat, aber nicht zu Ende führen kann. Doch das ist Tempi passati! Wir alle sind Verursacher und müssen uns verantworten für unser Tun. Dessen muss man sich bewusst sein.

„Spuhlers Persönlichkeit war nicht ganz einfach“

BT: In dem Fall war es Machtmissbrauch.
Klos: Man muss die Macht, die man einsetzt, dazu benutzen, Dinge in eine positive Richtung zu lenken. Auch das habe ich von Cranko gelernt. Er hat uns einen Weg gezeigt, wie man menschlich miteinander umgeht. Der Mensch steht im Mittelpunkt. Für uns war die Persönlichkeit jedes Tänzers sehr wichtig. Das habe ich auch bei meiner pädagogischen Tätigkeit beherzigt.

BT: Sie wurden nach ihrer Tänzerkarriere Professor an der Akademie des Tanzes in Mannheim.
Klos: 25 Jahre war ich an der Akademie des Tanzes tätig – dabei habe ich nur ein einziges Mal meine Geduld verloren und einen Studenten aus dem Studio geworfen. Es hatte nichts mit seinem Talent zu tun, sondern mit seiner persönlichen Einstellung. Mit den Studierenden, die von mir ausgebildet wurden, haben wir große Erfolge gefeiert. Das ist für einen Pädagogen das Schönste. Flavio Salamanka oder auch Thiago Bordin sind die besten Beispiele dafür, auch ein Pablo Octavio. Ihn habe ich wie die beiden bereits Erwähnten, beim Wettbewerb in Brasilia entdeckt, da war er zwölf – ein Hans-Dampf in allen Gassen. Mit 16 habe ich ihn dann an die Akademie des Tanzes nach Mannheim geholt.

BT: Sie haben wie Salamanka oder Octavio viele junge Tänzer aus der Akademie ans Karlsruher Ballett geholt.
Klos: Ja, daraus entstand unser Ensemble in Karlsruhe, das sehr jung war. Achim Thorwald wusste, was er mit uns engagiert. Dafür bin ich ihm bis heute dankbar.

Birgit Keil Preis für junge Tänzer neu gestiftet

BT: Zusammen mit Ihrer Frau Birgit Keil führen Sie nun die nach ihr benannte Tanzstiftung weiter. Welche Aufgaben übernehmen Sie noch?
Klos: Unsere Arbeit geht weiter, darüber bin ich sehr froh. In Mannheim haben wir Stipendien vergeben und mit dem Stuttgarter Ballett ein neues Programm gestartet. Die Ur-Idee der Stiftung vor 26 Jahren war, den Nachwuchs im Stuttgarter Ballett zu unterstützen. Sie war unter anderem für das junge Stuttgarter Ballett konzipiert. Jetzt schließt sich der Kreis, in dem wir das Elevenprogramm des Stuttgarter Balletts zum Teil finanzieren. Dieses Jahr unterstützen wir zwei Eleven und in der nächsten Spielzeit werden es vier sein. Wir hoffen, dass das Programm in Zukunft weiter wachsen wird.

BT: Sie wollen 2021 den Birgit Keil Preis stiften?
Klos: Den Birgit Keil Preis zu stiften entsprang der Idee von Lothar Späth, der 20 Jahre als Kuratoriumsvorsitzender der Tanzstiftung Birgit Keil vorstand. Den Preis haben wir dieses Jahr bereits gestiftet, doch die Pandemie hat die Verleihung bis jetzt verhindert. Wir hoffen, den von uns persönlich dotierten Preis in der nächsten Spielzeit vergeben zu können. Junge Tänzer sollen für ihre Leistung gewürdigt und ausgezeichnet werden.

BT: Ihr Buch endet mit einem sehr schönen Resümee: „Birgit und ich bilden eine sehr seltene Symbiose, als Tänzer auf der Bühne, als Gründer der Tanzstiftung Birgit Keil, als Professoren an der Akademie des Tanzes Mannheim, als Direktoren des Staatsballetts Karlsruhe und nicht zuletzt als Paar, seit über 50 Jahren.“
Klos: Es ist selten, dass zwei Künstler nicht nur privat harmonieren, sondern sich auch künstlerisch befruchten. Das ist sehr, sehr schön. Das macht mich glücklich.

BT: Was ist das Geheimnis Ihrer glücklichen Beziehung?
Klos: Es gibt ein Wort dafür – die Liebe.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Christiane Lenhardt

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Erstellt:
30. Juni 2021, 09:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 6min 16sec

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