Volksbank-Fusionen: Bleibt der Kunde auf der Strecke?

Baden-Baden/Karlsruhe (tas) – Einige Volksbanken im Südwesten werden durch Zusammenschlüsse immer größer. Dabei steht nicht der Kunde im Mittelpunkt, sagen Bankbeobachter.

Volksbanken sind Aushängeschilder ihrer Region: Die einen bleiben sehr klein, die anderen werden immer größer. Foto: Marijan Murat/dpa

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Volksbanken sind Aushängeschilder ihrer Region: Die einen bleiben sehr klein, die anderen werden immer größer. Foto: Marijan Murat/dpa

Höher, schneller, weiter. Im genossenschaftlichen Bankenlager formieren sich derzeit neue Big Player im Südwesten. Die frisch mit der VR Bank Enz plus fusionierte Volksbank Karlsruhe Baden-Baden arbeitet an einem Zusammenschluss mit den Genossen in Pforzheim. Und auch die Volksbank-Kollegen in Offenburg und Villingen-Schwenningen sind schon wieder mitten in neuen Verschmelzungsgesprächen mit der Volksbank Rhein-Wehra in Bad Säckingen.

Gehen die Pläne auf, entsteht im Mittleren und Südlichen Schwarzwald die größte Volksbank des Landes, das neue Konstrukt in Karlsruhe und Pforzheim wird die Nummer zwei sein. Auch deutschlandweit befinden sich die beiden Flächenbanken in der Top-Ten-Liste.

Die Schere im genossenschaftlichen Bankenlager geht damit immer weiter auseinander. Denn den neuen Schwergewichten in der Branche stehen weiterhin viele kleine Institute gegenüber. Beispielsweise die Spar- und Kreditbank Bühlertal oder die Raiffeisenbank Altschweier, die am Ende der Größenrangliste der rund 800 Genossenschaftsbanken in Deutschland zu finden sind. Auch die Raiffeisenbank Südhardt in Durmersheim oder die Raiffeisenbank Baiertal in Wiesloch sind vergleichsweise kleine Vertreter ihrer Zunft.

„Befinden uns in einer Übergangsphase“


Der Wunsch, nicht mehr allein durch das Geschäft, also organisch, zu wachsen, begründen Bank-Vorstände immer wieder mit denselben Argumenten: Margendruck aufgrund der lang anhaltenden Niedrigzinsphase, großer Investitionsbedarf im digitalen Bereich und die verbesserten Kreditvergabemöglichkeiten im Firmenkundengeschäft. „Wir wissen, dass die erfolgskritische Betriebsgröße einer Regionalbank mittelfristig bei einer Bilanzsumme von rund acht bis zehn Milliarden Euro liegt“, sagt Jürgen Wankmüller, Vorstandsvorsitzender der VR Bank Enz plus in Remchingen. Durch den angepeilten Zusammenschluss mit den Karlsruhern und Pforzheimern wird diese Latte sogar noch übersprungen.

Der Bankenexperte Hans-Peter Burghof von der Universität Hohenheim sieht den entscheidenden Faktor, warum Regionalbanken immer und immer weiter fusionieren, vor allem in der Bankenaufsicht begründet. „Die Fixkosten der Regulierung sind für kleine Kreditinstitute ungleich höher als für große Banken.“ Andere Aufgabenstellungen wie Digitalisierung oder größere Kreditengagements könnten über die vorhandenen Verbünde angegangen werden. „Das machen die Genossenschaftsbanken schon gut, sie können hier aber noch besser werden“, sagt der Hochschulprofessor im Gespräch mit dem BT.

Ob immer größer werdende Regionalbanken problematisch für die Kunden-Beziehungen seien, müsse die Zeit zeigen. „Die regionale Bindungskraft wird sicher abnehmen“, sagt Burghof, doch die Kunden könnten auch kein Interesse daran haben, dass die Bank vor Ort aufgrund steigender Herausforderungen immer schwächer werde. „Wir befinden uns in einer Übergangsphase“, konstatiert er.

Die Banken selbst werden nicht müde zu betonen, dass sie in einem Zusammenschluss vor allem Vorteile für Kunden und Mitarbeiter sehen. Es gehe darum, in Zeiten des Fachkräftemangels auch in Zukunft ein attraktiver Arbeitgeber zu sein.

Ein langjähriger Beschäftigter einer Genossenschaftsbank in der Region, der sich beim Badischen Tagblatt gemeldet hat, hat einen anderen Blick auf die Sache. Es seien schließlich die Mitarbeiter, die eine Fusion umsetzen und die zusätzliche Arbeit bewerkstelligen müssten – eine kraftraubende Angelegenheit. „Die unterschiedlichen Unternehmenskulturen der Häuser müssen zusammenwachsen und Arbeitsabläufe verändert werden. Dies braucht oft Jahre“, sagt er. Er ist sich sicher, dass durch die schiere Größe der neuen Bank „persönlicher Kontakt zum Kunden immer mehr verloren geht und meistens sich auch die Kosten für die Kunden in vielen Bereichen erhöhen.“

Auch Oliver Mihm, der Vorstandschef von Investors Marketing (IM) in Frankfurt, bezweifelt, dass der Kunde beim Fusionsvorhaben im Mittelpunkt steht. Ausgangspunkt und Fokus von Bankfusionen seien fast immer bankinterne Themen wie die Erzielung von Skaleneffekten und Kosteneinsparungen durch die Zusammenlegung von Bereichen, meint er.

„Fühlen sich nicht gut betreut“


Die Übersetzung, was das für den Kunden bedeutet, komme dabei häufig erst ganz am Schluss des Prozesses, zunächst stünden die neue Organisation, Verantwortungszuordnungen und auch die Frage der Filialen im Vordergrund. „Der Kunde kommt bei Bankfusionen oftmals erst an zweiter oder dritter Stelle ins Spiel, damit wird die Chance vertan, sich von Beginn an klar kundenzentriert aufzustellen“, sagt Mihm.

Dabei haben Regionalbanken – sie sind in der Regel Marktführer bei kleinen und mittleren Firmenkunden – aus Sicht des Beratungsunternehmens ohnehin schon Probleme beim Thema Kundenzufriedenheit. Laut einer repräsentativen IM-Umfrage aus dem Jahr 2020 erreichen Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken hier den niedrigsten Wert. „Kleine Unternehmen fühlen sich von den Regionalbanken nicht gut betreut. Die Gefahr der Abwanderung ist groß, denn in diesem Segment führt über ein Drittel der Kunden schon jetzt Kontobeziehungen zu mehr als einem Institut“, sagt IM-Vorstand Thomas Wollmann. Die vor Ort verwurzelten Institute müssten ihre Vorteile konsequenter ausspielen. Effizienzstrategien, die bei Fusionen von Banken verfolgt werden sollen, könnten sich vor allem auf kleinere Firmenkunden negativ auswirken.

Mihm: „Ein Zusammenschluss von Regionalbanken schafft nicht automatisch mehr Attraktivität für Firmenkunden, das wird nur erreicht, wenn damit auch ein breiteres Lösungsangebot, ausgebaute Beratungskompetenzen und ein überzeugender Beratungsprozess einhergehen.“


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