Volksschauspiele rettet der Zusammenhalt

Ötigheim (sl) – Am heutigen Samstag würde mit „Wilhelm Tell“ der Theatersommer auf der Freilichtbühne Ötigheim beginnen. Doch die Volksschauspiele haben die Spielzeit wegen Corona abgesagt.

„…in keiner Not uns trennen und Gefahr“: Auf der Freilichtbühne sollte heute eigentlich der Rütlischwur aus „Wilhelm Tell“ geleistet werden, nun sind die Volksschauspiele Ötigheim selbst auf den allgemeinen Schulterschluss angewiesen. Foto: Linkenheil

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„…in keiner Not uns trennen und Gefahr“: Auf der Freilichtbühne sollte heute eigentlich der Rütlischwur aus „Wilhelm Tell“ geleistet werden, nun sind die Volksschauspiele Ötigheim selbst auf den allgemeinen Schulterschluss angewiesen. Foto: Linkenheil

Eigentlich hätte am heutigen Samstagabend vor ausverkauften Rängen die Premiere des „Wilhelm Tell“ die Theatersaison der Volksschauspiele Ötigheim eröffnen sollen. Stattdessen trafen sich Vertreter der Freilichtbühne und der Politik am Freitag vor gähnend leeren Stuhlreihen: Wegen Corona hatten die Volksschauspiele schon im April die komplette Spielzeit abgesagt und das Programm eins zu eins in den nächsten Sommer verlegt (wir berichteten).

„Eine Katastrophe für Ötigheim“

„Eine Katastrophe für Ötigheim“, wie Bürgermeister Frank Kiefer auch jetzt noch sagt, aber inzwischen hatte man etwas Zeit, den ersten Schock zu verdauen. Mit rund 750000 Euro beziffert der geschäftsführende Vorstand, Maximilian Tüg, nun den erwarteten finanziellen Schaden. Dass er trotzdem noch schlafen kann, liegt zum einen an einer Bürgschaft der Gemeinde Ötigheim in Höhe von gut einer Million Euro. „Das hat uns ermöglicht, ein variables Darlehen zu günstigen Kommunalkonditionen auszuhandeln“, erklärt Kiefer, der zugleich zweiter Vorsitzender der Volksschauspiele ist.

Bis jetzt habe man erst 163000 Euro davon abrufen müssen, aber nur, weil ein Großteil des treuen Stammpublikums seine bereits gekauften Theaterkarten bis jetzt nicht zurückgegeben hat, sondern fürs nächste Jahr aufhebt. „Das hat uns in den ersten Wochen sehr geholfen“, ist Tüg dankbar – wohl wissend, dass diese Einnahmen 2021 fehlen werden. Eine weitere Soforthilfe waren 30000 Euro vom Land, die fünf Tage nach dem Antrag schon auf dem Konto waren. Landtagsabgeordneter Thomas Hentschel (Grüne) versprach weiteres Geld aus Stuttgart: „Wir lassen euch nicht im Regen stehen.“ Der Schulterschluss reiche bis in die Reihen der Landesregierung – zur Tell-Premiere heute hatte sich ursprünglich Ministerpräsident Winfried Kretschmann angekündigt.

Bürgschaft und allgemeiner Schulterschluss helfen

Neben der finanziellen Unterstützung sei es ein breiter Zusammenhalt innerhalb Ötigheims und weit darüber hinaus, der die Volksschauspiele in der Corona-Krise vor dem Aus bewahrt: Darüber waren sich die Gesprächsteilnehmer gestern einig. Doch genau diese Solidarität der Theaterfamilie und das ehrenamtliche Engagement der vielen Mitwirkenden sieht Maximilan Tüg in Gefahr, wenn sich die Beteiligten nun so lange Zeit nicht sehen, weil Ensembleproben unter Corona-Bedingungen nicht möglich sind: „Das wäre unser größter Schaden!“ Jedes Jahr sei der Theatersommer und die Vorbereitung für alle mit Arbeit und auch Stress verbunden. „Wenn jetzt der eine oder andere merkt, er kommt eigentlich auch ohne das alles aus, dann haben wir ein Problem“, weiß Tüg. Kiefer berichtet aber auch von Gegenbeispielen: „Ich kenne langgediente Darsteller, die eigentlich nach dieser Saison aufzuhören planten, jetzt aber die nächste Spielzeit unbedingt mitmachen wollen.“

Die probenfreie Zeit soll nun langsam zu Ende gehen. „Wir machen aber nur, was möglich ist“, sagt Tüg mit Blick gerade auf viele ältere Akteure. Für den Nachwuchs findet Einzelunterricht in Gesang, Klavier oder Streichinstrumenten schon wieder statt. Das Ballett will sich demnächst auf der Tellplatzwiese treffen, um – mit Abstand – zusammen zu trainieren.

Bei den rund 15 angestellten Kräften der Volksschauspiele indes ist noch Kurzarbeit angesagt. Geschäftsführung und Ticketservice arbeiten zu 50 Prozent, technische Mitarbeiter, die den Tellplatz in Ordnung halten und für Sicherheit sorgen, zu 15 Prozent. Die Schneiderei aber hat die Arbeit ganz eingestellt. Die vierköpfige Verwaltungsspitze trifft sich mittwochs zur Beratung, die Mitgliederversammlung des Theatervereins soll nach Möglichkeit im September stattfinden, denn dann stehen auch Vorstandswahlen an. Als Aufgaben für die nächsten Monate nennt Kiefer neben einem Hygienekonzept auch ein Modell, wie die Volksschauspiele sich für künftige Krisen mit einem finanziellen Polster rüsten können. Dabei könnte auch Fundraising, also das Einwerben von Spendengeldern, eine Rolle spielen, überlegt Tüg.

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Erstellt:
20. Juni 2020, 12:00 Uhr
Lesedauer:
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