Volltreffer am Schießstand

Baden-Baden (mi) – Janina Hettich aus Lauterbach im Kinzigtal ist die Hoffnungsträgerin im deutschen Biathlon-Team. Nach WM-Silber in der Staffel hofft sie auf weitere Medaillen 2022 bei Olympia.

Janina Hettich ist die beste Schützin im deutschen Biathlon-Team. Foto: Darko Bandic/AP

© AP

Janina Hettich ist die beste Schützin im deutschen Biathlon-Team. Foto: Darko Bandic/AP

Der Schokokuchen hat geschmeckt – und Appetit auf mehr gemacht. Janina Hettich vom SC Schönwald gehörte geschlechterübergreifend zu den wenigen deutschen Biathleten, die während der Weltmeisterschaft in Pokljuka süße Gefühle entwickelten. Denn vor dem leckeren Kuchenstück hatte sich die 24-Jährige die Silbermedaille einverleibt – dankenswerterweise, weil Schlussläuferin Franziska Preuß in der Frauen-Staffel einen Sahnetag erwischte und das zwischenzeitlich abgeschlagene Quartett mit ihrem Parforceritt in der Loipe doch noch aufs Podest führte.
Nach dem Zieleinlauf der Bayerin jubelten alle vier ausgelassen. Zumal sich der (mediale) Druck nach Tagen voller Einzelfrust doch ziemlich aufgestaut hatte. Und gerade das „Küken“ im Team war durch die Plätze 31 im Sprint und 34 im Verfolger doch etwas verunsichert. „Den Druck macht man sich selbst am meisten. Die Staffelmedaille war unser Ziel über die ganze Saison. Von daher war Silber super.“

Die Schwarzwälderin gilt im Vergleich zu Preuß, bei der leider oft ein Schuss zu viel daneben geht, um in den Einzeldisziplinen dauerhaft auf dem Podest zu landen, der ebenso routinierten Vanessa Hinz und Vorzeigeläuferin Denise Herrmann als beste Schützin im Team. Normalerweise zielt Hettich am Schießstand so zuverlässig wie John Wayne im mittäglichen Showdown in den alten Westernfilmen. Selbst auf einem Pferd würde man ihr zutrauen, alle fünf Scheiben abzuräumen.

Doch in Slowenien patzte sie im Liegendanschlag gleich zweimal, was ihr während der Weltcup-Saison nie zuvor passiert war. „Das hat mich geärgert. Meine Schwäche ist eher noch das Stehendschießen“, erklärt sie. Bei der zweiten, schwereren Schießeinlage behielt sie dann aber die Nerven, fünf weiße Scheiben blieben zurück. Die zwei nervigen Fehlschüsse führten dazu, dass sie nur als Siebte an Denise Herrmann übergab.

Doch wer mit 24 Jahren bei der zweiten WM erstmals eine Medaille gewinnt, braucht sich nicht zu grämen. Wenn die Ü-30-Fraktion mit Herrmann und Hinz möglicherweise nach Olympia 2022 in Peking oder nach der Heim-WM ein Jahr später abtritt, hat die zielsichere und zielstrebige Hettich beste Aussichten, zur Stamm- oder gar Vorzeigefrau im DSV-Team zu werden. Ihr stabiles Fundament am Schießstand, was fast schon zum Alleinstellungsmerkmal unter deutschen Biathleten geworden ist, könnte ihr auch zum Sprung in die Top Ten im Gesamtweltcup verhelfen, wo sie vor den anstehenden letzten zwei Weltcup-Stationen in Nove Mesto und Östersund Rang 19 belegt.

Mentale Stärke Grundvoraussetzung

In der Kopfsportart Biathlon, wo jeder Fehlschuss auch das Herz in die Hose rutschen lässt, ist mentale Stärke und Selbstvertrauen die Grundvoraussetzung, um erfolgreich zu sein. Nachdem die junge Athletin aus Lauterbach bei Schramberg bei ihrer WM-Premiere im Vorjahr im Sprint gleich fünf Scheiben und damit auch den nachfolgenden Verfolger verfehlt hatte und erstmals im Kreis der Elite viel Lehrgeld zahlen musste, zog sie nach dem Winter sogleich die Konsequenzen und holte sich einen Mentaltrainer an die Seite – mit durchschlagendem Erfolg. „Er hat mir auf alle Fälle sehr geholfen. Ich habe jetzt auch mehr Erfahrung und schießtechnisch Fortschritte gemacht“, sagt sie.

Direkt vor der WM hatte sie in Antholz mit Platz fünf im Einzel über die 15 Kilometer, wo es eben primär auf eine gute Schießleistung ankommt, ihr großes Potenzial angedeutet. Fünf Mal landete sie im Weltcup unter den besten 15. In der Staffel von Oberhof war sie gar erstmals ganz oben auf dem Podest gestanden.

Noch Luft nach oben hat sie angesichts ihres jungen Alters zweifellos in der Loipe. „Im Sprint habe ich noch rund eine Minute Rückstand auf die Allerbesten. Wenn ich das noch um 30 Sekunden nach unten drücken kann, könnte ich vorne mitmischen. Das kann ich auch schaffen. Ich weiß, woran ich arbeiten muss“, kennt die Sportsoldatin die künftige Herausforderung. Die furios in die Weltelite vorgestürmte Massenstart-Weltmeisterin Lisa Theresa Hauser aus Österreich ist zwar „nicht mein Vorbild, aber sie hat viel richtig gemacht“. Irgendwann will auch die DSV-Scharfschützin die Symbiose aus zwei Sportarten zur Perfektion bringen.

Über das Skiinternat in Furtwangen, die Sportfördergruppe der Bundeswehr in Todtnau, die 16 Podestplätze bei deutschen Jugend- und Junioren-Meisterschaften, den deutschen Meistertitel im Einzel im Vorjahr und Gesamtrang vier im IBU-Cup hat sie sich mit Beharrlichkeit und viel Fleiß ins Weltcup-Team hochgearbeitet. Da sie erst mit zwölf beim SC Schönwald mit Biathlon in Berührung gekommen ist, kann man sie schon als Naturtalent bezeichnen.

Heute steht in Tschechien erneut die Staffel an. Weltmeister Norwegen um die überragende Vierfach-Weltmeisterin Tiril Eckhoff und die fast ebenso starke Marte Olsbu Roiseland ist erneut Favorit. „Sie werden auch bei Olympia die Topfavoriten sein, doch ich schaue eher auf mich, was ich besser machen kann“, so Hettich.

Die Topleistungen der Wintersporthelden werden im Sommer vorbereitet. „Ausgiebiges Grundlagentraining mit langen Laufeinheiten auf Skirollern, Joggen und Krafttraining gehören zum Programm“, berichtet die Athletin über die Zeit ohne die Hatz im Schnee.

Das Gewehr und die Ski werden auch nach dem Saisonfinale in Schweden nur kurz zur Seite gelegt. „Vielleicht drei Wochen kann ich mal abschalten, dann geht es wieder los“, weiß sie schon jetzt. Die Olympischen Winterspiele im Februar 2022 in China überstrahlen alles, sie hat sie fest ins Visier genommen. Mit heißem Herzen, aber möglichst ruhigem Puls und Finger am Abzug der Waffe.

Ihr Autor

BT-Redakteur Michael Ihringer

Zum Artikel

Erstellt:
4. März 2021, 07:30 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 42sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.