Volvos erster Stromer im BT-Test

Baden-Baden (fde) – Der XC40 Recharge Pure Electric ist Volvos erstes vollelektrisches Modell. Das Kompakt-SUV bietet reichlich Power und eine üppige Ausstattung. Spaß macht auch das Ein-Pedal-Fahren.

Volvos erster SUV-Stromer steht für schlichte Eleganz. Foto: Dennis Schmidt

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Volvos erster SUV-Stromer steht für schlichte Eleganz. Foto: Dennis Schmidt

Wo ist denn bloß der Startknopf? Rechts hinter dem Lenkrad, wo er beim XC40 eigentlich sitzen sollte, ist nur eine Plastikabdeckung. Das hat in diesem Fall aber mal ausnahmsweise nichts mit irgendwelchen Sparmaßnahmen zu tun, sondern ist allein der Tatsache geschuldet, dass es die Elektrovariante Recharge Pure Electric des Volvo-SUV ist. Einfach losfahren ist angesagt: Nach dem Einsteigen müssen nur das Bremspedal gedrückt und der Schalthebel in D-Stellung gebracht werden, schon setzt sich der Wagen in Bewegung. Es braucht etwas Zeit, um sich daran zu gewöhnen. Denn im Umkehrschluss bedeutet das nunmal auch, dass sich der Fünftürer nicht einfach per Knopfdruck ausschalten lässt. Das fällt keineswegs negativ ins Gewicht, führt im BT-Praxistest aber zu einer skurrilen Situation: Beim Abholen eines Freundes am späten Abend wird am Straßenrand geparkt. Da beim Warten der Wagen nicht verlassen wird, bleibt dieser für die kompletten fünf Minuten fahrbereit – inklusive strahlend hellen Scheinwerfern. Und die serienmäßigen Voll-LED-Scheinwerfer mit „Thors Hammer“-Lichtmotiv machen die Nacht förmlich zum Tag. In der dunklen Jahreszeit bei der Fahrt auf einer nebelverhangenen Landstraße sorgt das für ein wesentlich sichereres Gefühl.

Katapultstart wie bei einer Achterbahn

Im Vergleich zum XC40 mit Verbrenner hat Volvo am mit schlichter Eleganz gezeichneten Blechkleid nur eine wirkliche Änderung vorgenommen: Vorne hat das erste vollelektrisch angetriebene Fahrzeug der Schweden einen mit einer Platte verkleideten Kühlergrill in Wagenfarbe und ist dadurch zweifelsfrei zu identifizieren. Obendrein gibt es eigens designte Felgen sowie etwas weniger Bodenfreiheit, wodurch der Recharge satter auf der Straße liegt.

Muss ein Elektroauto immer futuristisch aussehen? Nein sagt Volvo, den im Vergleich zum Verbrenner gibt es nur eine wesentliche Designänderung. Foto: Dennis Schmidt

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Muss ein Elektroauto immer futuristisch aussehen? Nein sagt Volvo, den im Vergleich zum Verbrenner gibt es nur eine wesentliche Designänderung. Foto: Dennis Schmidt

Das ist auch durchaus angebracht, denn die Fahrleistungen sind geradezu einschüchternd. Der Twin Pro ist mit zwei Elektromotoren an Vorder- und Hinterachse ausgestattet, die mit jeweils 204 PS nur so vor Power strotzen und für äußerst dynamischen Vortrieb sorgen. Die Systemleistung beträgt 408 PS, das maximale Drehmoment 660 Nm, das vom Start weg sofort anliegt. Der Sprint von null auf 100 km/h in 4,9 Sekunden fühlt sich in Wirklichkeit noch bedeutend schneller an. Wer schon einmal eine Achterbahn mit Katapultstart gefahren ist, kennt die Kräfte, die auf den Körper wirken – in etwa so fühlt es sich an, wenn das Fahrpedal durchgedrückt wird. Mehrfach kommt vom Beifahrer die Aufforderung, es ruhiger angehen zu lassen.

Dabei ist am Steuer des Elektro-SUV – wie bei allen neuen Volvos üblich – ohnehin bei Tempo 180 Schluss. Das ist nicht nur gut für die Gemütsverfassung der Passagiere, sondern schont auch den Energiespeicher, obwohl dieser mit 78 kWh üppig bemessen ist. Etwas mehr als 400 Kilometer Reichweite verspricht Volvo bei einem durchschnittlichen Verbrauch von knapp 24 kWh. Die Angabe deckt sich in etwa mit dem BT-Testverbrauch – immer abhängig von der persönlichen Fahrweise und dem Streckenprofil. Vor allem im Stadtverkehr empfehlenswert ist das effiziente Ein-Pedal-Fahren, das sich in den Fahrzeugeinstellungen aktivieren lässt. Sobald der Fuß vom Fahrpedal geht, bremst der Wagen selbstständig bis zum Stillstand ab. Die dabei freigesetzte Energie wandert direkt in die Batterie. Zu Beginn braucht es etwas Zeit, bis man ein Gefühl für das Fahrerlebnis bekommt, denn der Bremsvorgang setzt teilweise recht abrupt ein. Ist die Routine aber einmal da, muss nur noch selten zusätzlich die Bremse betätigt werden, um rechtzeitig hinter dem Vordermann zum Stehen zu kommen. Bei längeren Autobahnetappen ist es aber empfehlenswert, das Ein-Pedal-Fahren wieder auszuschalten, um auch mal frei rollen zu können.

Infotainment-System auf Android-Basis

Hier lohnt sich zudem der Einsatz der Fahrerassistenzsysteme, die über die linken Lenkradtasten bedient werden. Der XC40 hält bis Tempo 130 ohne Zutun die Spur und ausreichend Abstand zum Vordermann ein. Der sogenannte Pilot Assist nutzt dafür nicht nur die Infos der Kamera- und Radarsensoren des Wagens, sondern auch die Kartendaten von Google Maps. Verkehrsinfos gibt es dadurch in Echtzeit und auch die Routen- und Lade-Planung wird einem größtenteils abgenommen.

Blick in den komplett in schwarz getauchten Innenraum samt klar strukturiertem Cockpit. Foto: Dennis Schmidt

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Blick in den komplett in schwarz getauchten Innenraum samt klar strukturiertem Cockpit. Foto: Dennis Schmidt

Das Infotainment-System auf Android-Basis bietet aber noch mehr nützliche Apps. Der Range Assistant zeigt die verbleibende Reichweite und den aktuellen Energieverbrauch an. Letzterer wird zudem aufgeschlüsselt in die Parameter Geschwindigkeit, Fahrstil und Klimatisierung dargestellt. Mit der Funktion „Reichweitenoptimierer“ lassen sich außerdem ein paar Kilometer mehr aus dem Auto herauskitzeln. Das dürfte aber nur als Notnagel bei geringem Batteriestand gedacht sein, denn dafür wird die Klimatisierung beschränkt – bei frostigen Außentemperaturen soll es wenigstens im Wageninnern schön kuschelig sein. Oder wofür gibt es sonst Komfortfunktionen wie Lenkrad- und Sitzheizung?

Der Kofferraum bietet eine ebene Ladefläche und fasst 414 bis maximal 1.290 Liter bei umgelegter Rückbank. Foto: Dennis Schmidt

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Der Kofferraum bietet eine ebene Ladefläche und fasst 414 bis maximal 1.290 Liter bei umgelegter Rückbank. Foto: Dennis Schmidt

Zentrale Bedienelemente im komplett in schwarz gehaltenen Innenraum, der höchsten Ansprüchen gerecht wird, sind das zum Fahrer geneigte neun Zoll große Infotainment-Display mit Touchfunktion sowie das 12,3 Zoll große virtuelle Cockpit, auf dem sich die Navikarte einblenden lässt. Über den Hauptscreen werden sämtliche Komfort- und Unterhaltungsfunktionen gesteuert. Die Menüstruktur ist zunächst etwas gewöhnungsbedürftig, aber eigentlich recht simpel.

Für die Passagiere ist in beiden Reihen massig Platz vorhanden. Vorteilhaft fürs Raumgefühl ist auch das riesige Panorama-Glasschiebedach. Es gehört genauso zur Serienausstattung wie die Parkpiepser vorne und hinten, 360-Grad-Kamera, Zwei-Zonen-Klimaautomatik oder das Premium-Audiosystem mit zehn Lautsprechern von Harman Kardon.

Praktisch: Die Heckklappe öffnet sich per Fußkick unter den Stoßfänger automatisch. Der Kofferraum fasst 414 bis maximal 1.290 Liter bei umgelegter Rückbank. Unter dem ebenen Ladeboden ist ein großes Fach. Wer darin das Ladekabel erwartet, wird nicht fündig. Dieses befindet sich stattdessen in einer weiteren Ablage unter der Fronthaube.

Das Ladekabel liegt in einer Tasche in einem Extra-Fach unter der Fronthaube. Foto: Dennis Schmidt

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Das Ladekabel liegt in einer Tasche in einem Extra-Fach unter der Fronthaube. Foto: Dennis Schmidt

Fazit

In der beschriebenen Konfiguration kostet der Testwagen 63.640 Euro. Mit dem Umweltbonus lässt sich der Betrag immerhin um einige Tausend Euro reduzieren. Doch ein derart leistungsstarkes und mit allen Annehmlichkeiten ausgestattetes Elektroauto hat eben auch seinen Preis. Wer sich mit weniger Leistung zufrieden gibt, hat seit Kurzem mit der Ein-Motoren-Variante (231 PS) eine rund 6.500 Euro günstigere Alternative mit nahezu identischer Reichweite.

Technische Daten

Volvo XC40 Recharge Twin Pro

Antrieb: Zwei Permanentmagnet-Synchronmotoren

Systemleistung: 408 PS

Max. Drehmoment: 660 Nm

0 - 100 km/h: 4,9 Sekunden

Höchstgeschwindigkeit: 180 km/h (abgeregelt)

Verbrauch: 23,8 kWh/100 km

CO2-Ausstoß: 0 g/km

Reichweite: 412 km

Leergewicht: 2.188 kg

Maße (L/B/H): 4,43 m/1,86 m/1,65 m

Basispreis: 63.640 €

Ihr Autor

BT-Redakteur Dennis Schmidt

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Erstellt:
27. November 2021, 12:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 06sec

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