Vom Besuchermagnet zum Schlammloch

Baden-Baden (sre) – Der Rotenbachsee verschwindet: Sediment setzt sich darin seit Jahren ab. Um den See wieder herzustellen, ist laut Stadtverwaltung ein sechsstelliger Betrag nötig.

Nur noch eine Matschfläche: Vom einstigen Rotenbachsee ist nicht mehr viel übrig. Foto: Sarah Reith

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Nur noch eine Matschfläche: Vom einstigen Rotenbachsee ist nicht mehr viel übrig. Foto: Sarah Reith

Der Rotenbachsee, das Herz der großen Parkanlage im Rotenbachtal, ist seit Jahren ein Besuchermagnet. Doch von dem Gewässer, das Spaziergänger gern umrunden, ist derzeit nicht mehr viel übrig: Dort, wo einmal die Wasserfläche war, sind fast nur noch Schlamm und Gesteinsteilchen zu sehen. Der Rotenbach fließt als Rinnsal am Rand entlang. Das Problem: An dem traurigen Anblick etwas zu ändern, ist laut Stadtverwaltung sehr kompliziert und wird zudem teuer.

Leserin Margarita Penn hatte sich an die Redaktion gewendet und auf den Zustand aufmerksam gemacht. „Das wird immer schlimmer“, klagt sie. Die Baden-Badenerin wohnt in der Nähe des Parks. Sie beobachtet seit Jahren, wie sich der Zustand des Sees verschlechtert. „Das ist ein einziger Morast“, ärgert sie sich und fürchtet schon jetzt die Entwicklung in den nächsten Wochen: „Wenn es ein bisschen wärmer wird, fängt er an zu stinken.“ Ein solcher See sei der Welterbestadt nicht würdig, betont Penn. Das störe nicht nur sie, sondern all diejenigen, die dort unterwegs sind: „Jeder schimpft“, erzählt sie.

See wirkt wie Rückhaltebecken

Bei der Stadt ist das Problem bekannt. „Allerdings ist es sehr kompliziert“, erläutert Pressesprecher Roland Seiter auf Nachfrage. Der Rotenbach, der durch den See hindurchfließt, verlaufe vorher am Hang sehr steil. Er bringe deshalb Sediment mit, das sich nach und nach im See absetze. Der See wirke wie ein „Rückhaltebecken und Sandfang“, bevor der Bach weiter Richtung Innenstadt in den unterirdischen Kanal fließe. Das sei auch sinnvoll, weil so die Rohre nicht zugesetzt werden.

Aber: „Die Entsorgung des Schlamms unterliegt laut dem Fachgebiet Umwelt und Arbeitsschutz dem Abfallrecht“, erläutert Seiter. Es sei nicht nur mineralisches Material enthalten, sondern auch organisches wie Kleinstlebewesen oder Pflanzenteile, deshalb dürfe man den Schlamm „nicht einfach herausnehmen und ihn irgendwo ablagern“. Vielmehr sei eine spezielle Entsorgung notwendig. Normale Bodendeponien würden den Schlamm ebenfalls nicht annehmen, außerdem sei er schwer zu transportieren und müsse vor dem Transport entwässert werden.

Deshalb habe die Verwaltung vorgeschlagen, von einem externen Ingenieurbüro ein Konzept erarbeiten zu lassen, wie man in diesem Fall genau vorgehen könnte. 20.000 Euro waren allein für diese Planungsaufgabe im Haushaltsentwurf eingeplant. Da der Haushalt aber bislang nicht verabschiedet ist, kann auch die Planung nicht starten.

Früher wurde der See einfach ausgebaggert

„Wir hätten den See so gern schon entschlammt, es stört uns wahnsinnig“, betont Gartenamtschef Markus Brunsing. Durch die extreme Trockenheit in den zurückliegenden Wochen sehe man das Problem noch mehr als normalerweise. Früher sei der See einfach ausgebaggert worden, berichtet Brunsing, oder man habe „den Schieber gezogen“ und das Sediment „in einem Rutsch in die Oos abgespült“. Inzwischen sei so etwas nicht mehr möglich: „Das Abfallrecht ist zu Recht schärfer geworden.“

Bislang habe man noch nicht einmal eine Deponie gefunden, die den Schlamm annimmt. Auf die Erddeponie der Stadt dürfe dieser nicht. Wie viel es am Ende kosten wird, den See herzurichten, sollen die Planer herausfinden. Fest stehe: „Es wird ein sechsstelliger Betrag“, sagt Brunsing. Am liebsten würde er die Arbeiten noch in diesem Jahr angehen. Ob das gelingt, ist völlig offen: Erst wenn der Haushalt durch ist, kann überhaupt geplant werden. Und erst wenn dann klar ist, was die Maßnahme selbst kostet, kann über deren Finanzierung und Umsetzung nachgedacht werden. Vielleicht werde man dann andere Projekte zurückstellen, um zügig zu einer Lösung zu kommen, stellt Brunsing in Aussicht.

Zumindest bei der an den Park angrenzenden Acura-Klinik sind noch keine Beschwerden über den verschwundenen See angelangt, berichtet Iris Deger von der Verwaltung: Wer von den Patienten ins Freie dürfe, gehe meist eher in Richtung Stadt und nicht in den Park. Dennoch führt laut Stadtpressesprecher Seiter kein Weg an der Maßnahme vorbei: „Wir müssen es machen, sonst gibt es den See nicht mehr.“

Zum Thema

Park mit Geschichte: Den Rotenbachsee gab es schon lange vor der Landesgartenschau 1981, als in dem Bereich viel verändert wurde. „Angelegt wurde er bereits in den 1960er-Jahren“, so Stadtpressesprecher Roland Seiter. Die Parkanlage wurde dagegen immer wieder angepasst. Seit einigen Jahren verfolgt das Gartenamt das Ziel, den Park attraktiver zu gestalten. So wurde dort ab 2018 dank einer Spende von Wolfgang Eberts die „Cornus Collection“ angepflanzt, eine Sammlung von Blumenhartriegeln.

Vom Rotenbach gespeist: Der See selbst wird vom Rotenbach durchflossen. Dieser kommt vom Merkur und entspringt Stadtpressesprecher Roland Seiter zufolge in der Nähe der Teufelskanzel. Hinter dem See verschwindet er im Untergrund: Einst verlief der Bach offen vor der damaligen Stadtmauer, später wurde ein Kanal gebaut. Darin wird der Bach unter Stephanienstraße, Leopoldsplatz und Luisenstraße hindurchgeführt, bevor er etwa auf der Höhe des Mode Wagener in der Oos mündet.

Nicht untätig: Obwohl das Gartenamt am Zustand des Rotenbachsees derzeit nichts ändern kann, war man in dem Bereich nicht untätig, wie Gartenamtschef Markus Brunsing betont. So wird alljährlich ein Teil der Erlen im Uferbereich des Sees zurückgeschnitten, damit dieser sichtbar bleibt. Zudem wurde im vergangenen Jahr die Absturzsicherung dort ersetzt, wo der Bach aus dem Berg herausritt und ebenso an der Stelle, wo er in den Kanal mündet.

Kein Platz für „Biomüll“

BT-Redakteurin Sarah Reith kommentiert:

Es klingt schon sonderbar, dass das Gartenamt bisher noch nicht einmal eine Deponie gefunden hat, die bereit ist, den Schlamm aus dem Rotenbachsee anzunehmen. Hier geht es schließlich nicht um irgendwie mit Schadstoffen belastetes, womöglich giftiges Material. Der Bach kommt direkt aus dem Wald, und von dort bringt er Steinchen, Erde, Pflanzenteile, Kleinstlebewesen mit. Natur also. Dass deren Entsorgung so kompliziert und vor allem so immens teuer ist, mutet zunächst absurd an. Aber der Schlamm enthält eben unter anderem auch organische Elemente, und das ist das Problem: Es handelt sich im weitesten Sinne um eine Art Biomüll. Und solcher „lebendiger“ Müll kann nicht behandelt werden wie Bauschutt oder normale Erde. In diesem Material sind Mikroorganismen am Werk, es finden unterschiedliche Prozesse statt. Kein Wunder also, dass der Schlamm im Sommer stinkt, wie Leserin Margarita Penn berichtet. Die große Summe, die es kosten wird, das Gewässer wieder herzurichten, dürfte viele Stadträte schlucken lassen. Schließlich ist die Haushaltslage angespannt. Man wird, wie Gartenamtschef Markus Brunsing schon angedeutet hat, andere Projekte zurückstellen müssen, um Geld für den See übrig zu haben. Fest steht aber: Es muss etwas getan werden. Schließlich geht es hier um das Herzstück einer zentral gelegenen Parkanlage in der Welterbestadt. Das Zentrum des Parks beim traditionsreichen Bäderviertel ist nicht der richtige Ort für ein Bassin voller „Biomüll“.

Ihr Autor

BT-Redakteurin Sarah Reith

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Erstellt:
31. März 2022, 15:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 24sec

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