Vom Dreisterne-Lokal aufs Spargelfeld

Iffezheim (fuv) – Das hätte der Iffezheimer Spargelproduzent Stefan Schneider noch vor Wochen nicht gedacht: Auf seinen Feldern arbeiten einheimische Erntehelfer unter anderem aus der Gastronomie – und er ist „begeistert“ über deren Einsatz.

„Definitiv anstrengend“: Koch Roger Neitzke beim Spargelstechen. Die gebückte Haltung sei heftig. Trotzdem: „Wir haben viel Spaß.“ Foto: F. Vetter

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„Definitiv anstrengend“: Koch Roger Neitzke beim Spargelstechen. Die gebückte Haltung sei heftig. Trotzdem: „Wir haben viel Spaß.“ Foto: F. Vetter

Die Einreise osteuropäischer Erntehelfer via Flugzeug während der vergangenen Tage hat Schlagzeilen gemacht. Der Iffezheimer Spargelproduzent Stefan Schneider geht jedoch einen anderen Weg: Er beschäftigt einheimische Erntehelfer – und ist voll des Lobes.
„Die wollen, die ziehen, die machen“, strahlt er in der Morgensonne auf dem Spargelacker bei Iffezheim. Wegen des Einreiseverbots für seine osteuropäischen Helfer hat er auf Freiwillige zurückgegriffen. Die Schneider’schen Hilfsspargelstecher stammen zum Teil aus der Gastronomie, wissen also um die Bedeuten des „königlichen Gemüses“. Auch, dass die Ernte des weißen Goldes körperlich nicht ganz einfach ist. Alleine sieben Mitarbeiter kommen täglich aus Baiersbronn nach Iffezheim gefahren; rund 65 Kilometer eine Strecke! Normalerweise arbeitet die Gruppe im „Barreis“, ein mit drei Michelin-Sternen dekoriertes Hotel und Restaurant. Dass die Gastro-Fachmänner und -frauen Spargelstechen könnten, war die Idee von Dieter Kalweit; er ist in besseren Zeiten verantwortlich für den Gastronomiebereich im „Barreis“, erzählt er. Die Verbindung nach Iffezheim ist Dennis Rösch zu verdanken. Die Verlobte des stellvertretenden „Barreis“-Restaurantleiters kommt aus Wintersdorf.

„Wir sind zu siebt“, hatten sich die „Barreisler“ telefonisch bei Stefan Schneider angemeldet. Darunter Köche, ein Oberkellner und ein Food-and-Beverage-Manager, Letzterer trägt die Verantwortung für alle gastronomischen Angebote im Betrieb.

„Das ist eine tolle Truppe“

Neben der Schwarzwaldfraktion sind weitere Spargelstecher aus der Gastronomie mit an Bord. Roger Neitzke ist gelernter Koch und hat zuletzt im Kurhaus Baden-Baden gewirkt. Er wollte sich in Köln selbstständig machen, dann kam Corona und mit ihm erst einmal die Arbeitslosigkeit. Ein Kollege habe ihn angerufen mit der Idee, als Erntehelfer zu arbeiten. „Bevor ich daheim rumsitze...“, habe er sich gesagt. Nun steht er mit dem Stecheisen bewaffnet zwischen zwei Spargelreihen und sucht nach den weißen Köpfchen, die aus dem sandigen Hügel ans Licht streben. Das gehe einfacher als gedacht. Etwas Fingerspitzengefühl gehöre aber schon dazu. Als Koch mit 21 Jahren Berufserfahrung sei er physische Belastungen gewohnt. Die Arbeit im Freien sei eine super Erfahrung: Abschalten, Spargelstechen. Andererseits: „Es ist definitiv anstrengend, stellte Neitzke fest. Die bei der Ernte der weißen Stangen unabdingbare gebückte Haltung sei heftig. Die Knie und der Rücken. „Nach acht Stunden Spargelstechen habe ich am ersten Abend schon gehadert“, berichtet der Koch. Die erfahrenen Kollegen hätten ihm ein heißes Bad empfohlen; das habe er auch gemacht und sich danach wie neu geboren gefühlt. Also weiter. Zu seinem Arbeitsumfeld sagt Roger Neitzke: „Das ist eine tolle Truppe, wir haben viel Spaß auf dem Acker.“ Und mit Vorarbeiter Przemeslaw Chielewski einen verständnisvollen Ansprechpartner, der das Geschäft Spargelstechen offenbar beherrscht. „Das ist eine polnische Maschine“, lacht Neitzke. Er habe nun jedenfalls größten Respekt für die Leistung der osteuropäischen Erntehelfer, betont er.

Der zweite Tag war der schlimmste

Der zweite Tag sei körperlich der schlimmste gewesen, blickt Dieter Kalweit auf den Start seiner Spargelstecher-Laufbahn zurück. Der Job sei nichts für 1,92-Meter-Menschen, scherzt er. Vorher habe er gedacht, er kenne sich mit Spargel aus; dem war nicht so. Er werde künftig mit den Auszubildenden der „Barreis“-Akademie einen Tag auf Schneiders Spargelhof verbringen, hat er sich vorgenommen. Auch Kalweit betont die tolle Stimmung. „Es macht riesig Spaß.“ Isst er denn auch gerne Spargel? „Ganz klassisch mit neuen Kartöffelchen, Wacholderschinken und einer Sauce hollandaise.“

Seit Jahren kaufe sie ihren geliebten Spargel bei Schneider, sagt Anastasia Kyhnl. Aus den Nachrichten habe sie vom Engpass bei der Spargelernte erfahren und aus Solidarität, so habe sie sich gesagt, gehe sie zu Schneider. Ihr Mann, der Homeoffice betreibt, habe sie zunächst ausgelacht, erzählt Anastasia, die „im normalen Leben“ an der Rezeption des Hotels „Atlantik“ in der Kurstadt arbeitet. Am dritten Tag sei sie auf dem Acker gestanden und habe sich gefragt: „Was mach’ ich hier eigentlich?“ Seit dieser Punkt überschritten ist, mache es Spaß, strahlt sie. Der Gatte lache auch nicht mehr.

Spaß hat auch Silvia Ketterer. Die Selbacher Friseurmeisterin ist im Ruhestand. Sie habe sich morgens ganz spontan zum Spargelstechen entschlossen. Es sei schon schwer am Anfang, dann ginge es, und die jungen Leute seien so nett. Und das mit dem Abstand halten gehe beim Spargelstechen ja sehr gut. „Man ist zufrieden, wenn man am Abend weiß, dass man was gemacht hat“, stellt Silvia Ketterer fest.

Helfer im Alter von 18 bis 65 Jahren

Zufrieden ist offenbar auch der Chef. „Als ich den Vorschlag von Landwirtschaftsministerin Klöckner im Fernsehen gesehen habe, Erntehelfer aus der Gastronomie einzusetzen, habe ich gelacht“, blickt Stefan Schneider zurück. „Wenn Sie mir das vor drei Wochen gesagt hätten, ich hätte es nicht geglaubt.“ Doch jetzt ist er „überrascht und begeistert“, lobt er seine Helfer. Vor vier Wochen habe er noch gedacht, die Saison fände nicht statt. Was er nun erlebe, sei erstaunlich, so Stefan Schneider. Eine Mannschaft mit Helfern im Alter von 18 bis 65 Jahren. Da arbeite die Schülerin neben einer Führungskraft aus der Gastronomie und neben einer Rentnerin. „Eine super Erfahrung – und das, wenn man überhaupt nicht damit rechnet.“

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Erstellt:
16. April 2020, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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