Vom Glück, anderen Menschen zu helfen

Baden-Baden (sga) – Wie ist es, als ehrenamtliche Helferin die Menschen im Kreisimpfzentrum zu unterstützen? BT-Volontärin Sarah Gallenberger hat es im Kurhaus in Baden-Baden ausprobiert.

Freuen sich über die Begleitung von BT-Volontärin Sarah Gallenberger: Madeleine Klümper-Lefebvre und ihr Ehemann Günther Klümper. Foto: privat

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Freuen sich über die Begleitung von BT-Volontärin Sarah Gallenberger: Madeleine Klümper-Lefebvre und ihr Ehemann Günther Klümper. Foto: privat

Ich bin ein offener Mensch. Deshalb habe ich auch kein Problem damit, neue Leute kennenzulernen. An diesem Freitagmittag jedoch bin ich tatsächlich etwas nervös. Als ehrenamtliche Helferin unterstütze ich das Personal im Kreisimpfzentrum (KIZ) im Kurhaus, treffe auf unglaublich viele fremde Personen in einem relativ kurzen Zeitraum. Wie wird die Stimmung vor Ort sein? Werden die Impflinge überhaupt meine Unterstützung annehmen?

Ich könnte es auf jeden Fall verstehen, wenn nicht jeder mit bester Laune erscheint. Zu lang hingen viele am Telefon in der Warteschleife, um endlich einen Termin zu bekommen. Zu groß ist bei einigen die Angst vor dem, was die Pandemie mit uns macht. Und da gibt es noch etwas, das mich unruhig werden lässt. Meine Schicht dauert von 13 bis 18 Uhr. Das sind fünf Stunden, in denen ich pausenlos eine FFP2-Maske tragen muss. Mein Wocheneinkauf am Samstag dauert nur 60 Minuten, und nach denen bin ich oft schon sehr kurzatmig.

Warnweste für den freien Zugang

Als ich das Kurhaus betrete, habe ich keine Zeit mehr für meine Gedanken. Im Empfangsbereich sitzen schon die ersten Wartenden, ich will mich beeilen. Ein kurzer Pumpstoß am Desinfektionsständer, eine Unterschrift auf dem Anmeldebogen, und schon geht es hoch auf die Empore. Dort wartet eine gelbe Warnweste auf mich, auf einen Stuhl lege ich meine persönlichen Dinge ab, etwas weiter hinten erkenne ich Kaffee, Wasser, Obst und Süßigkeiten. „Bedienen Sie sich einfach, ansonsten wünschen wir ganz viel Spaß“, werde ich von allen Seiten begrüßt.

Dann geht es los. Meine Warnweste erlaubt mir Zutritt zu allen Stationen, die ein Impfling durchlaufen muss, deshalb verschaffe ich mir erst einmal einen Überblick. Es ist sehr viel los, überall sitzen wartende Menschen. Wo soll ich mich positionieren? Wo wird meine Hilfe am meisten benötigt? Ich stelle mich vor den Anmeldebereich und beobachte die Situation. „Du bist neu hier“, spricht mich ein Mann an, der von allen Stefan genannt wird. Während er die Neuankömmlinge begrüßt und für Struktur sorgt, hat er immer einen netten Spruch auf den Lippen. „Schon verrückt, was wir hier machen“, sagt er mit einem Schulterzucken. Wenn nicht gerade Corona ist, sitzt er als Hoteldirektor im Büro. „Hier stehe ich ununterbrochen. Das ist definitiv eine Umstellung, vor allem für den Rücken“, erzählt er mir. Dann kommt auch schon der nächste Impfling die Treppe hoch.

Wegweiser durch das Kurhaus

Ich beschließe, dass eine Ecke zwischen dem Anmeldebereich und dem ersten Warteraum mein Platz sein wird. Von dort lotse ich die älteren Damen und Herren zur nächsten Station. Weil ich mein Gesicht wegen der Maske nicht zeigen kann, versuche ich, mit meiner Stimme sympathisch zu wirken. Ich spreche laut und deutlich, komme auf die Menschen zu, stehe für Fragen zur Verfügung.

Die meisten Impflinge kommen mit Begleitung, viele können sich trotz ihres Alters noch gut bewegen. Zahlreichen Menschen kann ich dabei helfen, den richtigen Weg durch das Impfzentrum zu finden, bei vielen Personen reicht es aus, die einzelnen Schritte nochmal zu erklären. Doch dann kommt mir eine Dame entgegen, vor ihr sitzt ihr Ehemann in einem Rollstuhl. Als ich ihr meine Hilfe anbiete, dankt sie mir herzlich und überlässt mir das Schieben. Ab jetzt begleite ich das Paar, Günther Klümper und Madeleine Klümper-Lefebvre heißen sie. „Wir sind seit Jahren treue BT-Leser“, stellt sich bald heraus. Auf dem Weg zum Impfen haben wir viel Zeit, in den Wartebereichen erfahre ich einiges über das Leben des Mannes.

„Knackige 97 Jahre alt bin ich“, scherzt der Herr, der aufmerksam das Geschehen vor Ort beobachtet und gleich die Spritze bekommen soll. Was habe er nicht schon für tolle Momente im Kurhaus erlebt, gemeinsam mit seiner Frau. Damals habe er noch getanzt. „Heute lasse ich mich impfen. Madeleine, hättest du das mal gedacht?“, fragt er mit warmem Blick seine Frau, die sich liebevoll um ihn kümmert. Ich begleite das Ehepaar in jeden Wartebereich, schaue mit ihnen das Aufklärungsvideo, höre beim ärztlichen Vorgespräch zu, gehe in die Impfkabine.

Ein Moment, der das Leben retten kann

Als Klümper-Lefebvre ihrem Mann das Hemd aufknöpft, um den Arm freizumachen, bin ich gerührt. Gerührt davon, wie zärtlich die beiden miteinander umgehen, wie sie sich liebevoll „Chérie“ nennen – und davon, dass ich sie die ganze Zeit über begleiten darf. Plötzlich wird mir klar, dass dieser Moment vielleicht das Leben dieses Mannes retten könnte und wie viel diese Spritze bedeutet. Als der 97-Jährige wieder den Ärmel bedecken darf und wir das Impfbuch befüllen lassen, bin ich stolz darauf, bei solch einem wichtigen Moment in seinem Leben dabei sein zu dürfen.

Nach den 15 Minuten, die wir noch im Beobachtungsbereich sitzen müssen, begleite ich die beiden bis nach draußen, direkt zum Taxi-Stand. Draußen lässt die Kälte Herrn Klümper zittern, seine Frau bindet ihm ihren Schal um den Hals. „Erkälten Sie sich nicht“, sagt sie zu mir, bevor sie der Taxifahrerin ein Zeichen gibt. Dann helfe ich, den 97-Jährigen in das Auto zu setzen. „Haben Sie ganz herzlichen Dank“, verabschiedet er sich bei mir. Dann fährt das Taxi fort.

Im Kurhaus angekommen wartet mein Schichtende auf mich, ich lege die Warnweste ab, ziehe meine Jacke an und verabschiede mich. Auf dem Weg zu meinem Auto – ich bin längst wieder an der frischen Luft – bemerke ich erst spät, dass ich meine FFP2-Maske noch trage. Ob sie mich gestört hat? Ich habe sie noch nicht mal bemerkt. Zu sehr habe ich mich darüber gefreut, so vielen Menschen geholfen zu haben.


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