Vom Kieler Kommissar zum Vorleser

Baden-Baden (ski) – Dreharbeiten mit Fiebermessungen, Handschuhen und Sicherheitsabstand – zumindest zu Beginn der Corona-Krise lief die „Tatort“-Produktion für Axel Milberg, der es am Sonntag, 10. Mai, in seinem 35. Fall „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ mit einer Polizeischülerin im Blutrausch aufnehmen muss, noch kurzfristig weiter. Doch auch ohne seine Arbeit vor der Kamera bleibt der Kieler nicht untätig – wie er im Interview mit Cornelia Wystrichowski erzählt: So begleitet er sein Publikum mit dem Podcast „Milbergs literarischer Balkon“ durch die Pandemie.

In der Folge „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ ersticht eine Polizeischülerin bei einer Übung einen Mitschüler und verweigert danach die Aussage – Borowski alias Axel Milberg steht vor einem Rätsel. Foto: NDR/Christine Schroeder

© NDR/Christine Schroeder

In der Folge „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ ersticht eine Polizeischülerin bei einer Übung einen Mitschüler und verweigert danach die Aussage – Borowski alias Axel Milberg steht vor einem Rätsel. Foto: NDR/Christine Schroeder

Die Zuschauer kennen ihn als spröden Kieler „Tatort“-Kommissar: Seit 2003 ermittelt Axel Milberg in der traditionsreichen Krimireihe als Klaus Borowski in der Stadt an der Ostsee, jetzt ist er zum 35. Mal im Einsatz. In der Folge „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ (10. Mai, 20.15 Uhr, ARD) ersticht eine Polizeischülerin bei einer Übung einen Mitschüler wie im Blutrausch und verweigert danach die Aussage – Borowski steht vor einem Rätsel. Die Dreharbeiten für einen weiteren Kieler „Tatort“ mussten im März wegen der Corona-Krise abgebrochen werden. Voriges Jahr sorgte Milberg mit seinem Debütroman „Düsternbrook“ für Aufmerksamkeit, in dem er seine Kindheit in Kiel verarbeitet. Cornelia Wystrichowski hat sich mit dem Schauspieler und Autor unterhalten.

BT: Herr Milberg, die Corona-Krise beeinträchtigt den Alltag der meisten Menschen sehr. Was vermissen Sie zurzeit besonders stark?

Axel Milberg: Ich vermisse ein Enddatum der Maßnahmen. Wenn man wüsste, wie lange alles so sein muss, könnte man sich besser darauf einstellen. Das offene Ende bereitet mir ein mulmiges Gefühl.

BT: Ende März mussten die Dreharbeiten zu einem Kieler „Tatort“, der 2021 laufen soll, wegen Corona unterbrochen werden.

Milberg: Wir haben zunächst gedreht wie geplant. In der zweiten Hälfte der Produktion wurde dann bei uns Teammitgliedern jeden Tag vor Drehbeginn Fieber gemessen, und manche sind nicht mehr zur Arbeit erschienen – jemand, der eine betagte Großmutter im Haushalt hat und auch eine Mitarbeiterin, die an Asthma leidet, blieben zu Hause. Wir hätten noch weitere Szenen mit 30 Statisten gehabt, das unterblieb dann auch.

BT: Sie selber haben aber noch weitergemacht?

Milberg: Ja, mit Handschuhen und Sicherheitsabstand. Zuletzt habe ich nur noch Szenen gedreht, die ohne Partner möglich waren: Ins Auto einsteigen, Fahrt im Auto, aussteigen. Als wir dann aufhören mussten, bin ich im Leihwagen nach München gefahren. Das Hamburger Hotel, in dem ich wohnte, schloss am nächsten Tag – ich war der letzte Gast, das war schon seltsam. Endzeit. Danach bin ich dann nach Hause zu meiner Frau und unserem Sohn, der übrigens seit 28. April wieder zur Schule geht.

BT: Und wer kam auf die Idee, dass Sie in der Corona-Zeit den Podcast „Milbergs literarischer Balkon“ sprechen?

Milberg: Es war spontan, die Familie meinte das, zunächst noch ungenau – aber etwas Relevantes, das mit Literatur, einer persönlichen Auswahl an Texten und natürlich der Stimme zu tun hat. Nun stehe ich täglich vor dem Regal und suche etwas aus, mit dem ich den Hörern jeden Morgen das Vergnügen an Büchern vermitteln kann.

BT: Schreiben Sie in der neugewonnenen Freizeit auch an Ihrem zweiten Buch? Ihr autobiografisch gefärbter Roman „Düsternbrook“ sorgte ja bei seinem Erscheinen voriges Jahr für viel Aufmerksamkeit.

Milberg: Der Podcast verlangt doch einen größeren Aufwand, ich schreibe selber die Anmoderation für die Texte und Autoren. Und ich bereite ein Hörbuch vor, einen neuen Thriller von Max Bentow. Was meinen nächsten Roman angeht, werde ich wohl erst später zum Schreiben kommen. Im Moment bin ich noch mit Vorarbeiten beschäftigt, mit Stoffsammlung und Recherche.

BT: Werden Sie die Virus-Pandemie darin thematisieren? Oder glauben Sie, dass die Krise auch mal Thema eines „Tatorts“ wird?

Milberg: Ob man das alles noch mal hören und sehen will, nachdem man monatelang damit gelebt hat, ist die große Frage. Hilfe, nein. Ich selber will und kann Corona, da alle darüber sprechen, nicht zum Thema meines Romans machen. Aber wer weiß, es gibt ja unendliche Möglichkeiten.

Interview

BT: Wird „Düsternbrook“ eigentlich verfilmt?

Milberg: Bis jetzt nicht. Ich hüte diese Geschichte auch als kostbaren Schatz, wir haben es da nicht eilig.

BT: Sie ermitteln seit vielen Jahren als Kommissar Borowski. Warum ist die Figur inzwischen so viel netter und normaler als am Anfang?

Milberg: Wir fanden, dass der Fall und die Geschichte mehr im Vordergrund stehen sollten als der Kampf des Ermittlers gegen sich selbst, seine sozialen Phobien, gegen sein Einzelgängertum. Das war am Anfang stark vorgegeben, aber die Therapeutin für interne Konflikte bei der Polizei, damals Maren Eggert als Frieda Jung, hat ihm über die Jahre hinweg geholfen. Nun ist er – glaube ich – professioneller unterwegs.

BT: Manche „Tatort“-Stars hadern damit, nach einer Weile in der Rollenschublade als TV-Kommissar zu stecken. Wie ist das bei Ihnen?

Milberg: Man kann nicht alles haben, und natürlich gibt es den „Tatort“ als starke Marke. Aber ich arbeite jedes Jahr noch in zwei, drei anderen Filmen, auch Komödien, spiele da ganz andere Charaktere.

BT: In der Folge „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ geht es um die
psychische Belastung, der Polizeibeamte ausgesetzt sind.

Milberg: Ermittler erkennen, dass die Arbeit der Polizei in unseren Krimis ernst genommen wird, dass wir nicht crazy Helden spielen, die auf Bewunderung schielen. Finde ich wichtig, macht mich froh. Wenn ich an die Zeit zurückdenke, als ich ungefähr zwischen 17 und 23 war, Anti-Atomkraft und so weiter. Damals hatte die Polizei noch nicht viel von Deeskalation gehört, sie neigte zum Überreagieren und war oft der Buhmann. Das hat sich heute geändert, und wir haben dadurch eine ganz andere gesellschaftliche Anerkennung der Behörden. Wir brauchen sie, und sie brauchen den Rückhalt in der Bevölkerung.

BT: Sie gehören zu den wenigen Schauspielern, die als „Tatort“-Kommissar in der eigenen Heimat ermitteln, in Ihrem Fall Kiel. Achten Sie darauf, dass die Stadt gut rüberkommt in den Filmen?

Milberg: Ehrlich gesagt drehen wir aus Kostengründen zwei Drittel der Filme in und um Hamburg, es wäre sonst nicht zu finanzieren. Bei anderen „Tatort“-Produktionen ist das ähnlich, auch sie entstehen nicht immer komplett da, wo sie spielen. Früher sind wir zu Drehbeginn nach Kiel gefahren, haben ins Hotel eingecheckt und waren dann dort fünf Wochen. Daraus ist jetzt eine Woche geworden. Aber die Außenmotive, die im Film vorkommen müssen, drehen wir natürlich in Kiel.

BT: 2018 hat Almila Bagriacik als Borowskis Kollegin Sibel Kekilli abgelöst. Welche Folgen hatte dieser Wechsel?

Milberg: Damit ändert sich der ganze Ton der Filme. Vorher war von der Redaktion eher die Auseinandersetzung zwischen uns beiden Ermittlern gewünscht. Der Umgang zwischen Borowski und seiner neuen Kollegin ist nun vertrauter und kooperativer. Wärmer. Da arbeiten zwei bei einer schwierigen Aufgabe zusammen – dass es ein Mann und eine Frau sind, spielt keine Rolle, genauso wenig wie der Altersunterschied.

Ihr Autor

Cornelia Wystrichowski

Zum Artikel

Erstellt:
9. Mai 2020, 18:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 17sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen

Orte


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.