Vom Managersessel auf die Anklagebank

Gaggenau/München (BT) – Der aus Ottenau stammende Wolfgang Hatz sieht sich zu Unrecht als Beschuldigter im Dieselbetrugsprozess.

Wolfgang Hatz (Mitte) steht mit seinen Rechtsanwälten Jörg Habetha (links) und Gerson Trüg vor dem Landgericht München.  Foto: Peter Kneffel/dpa

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Wolfgang Hatz (Mitte) steht mit seinen Rechtsanwälten Jörg Habetha (links) und Gerson Trüg vor dem Landgericht München. Foto: Peter Kneffel/dpa

Der ehemalige Porsche-Vorstand Wolfgang Hatz ist neben Ex-Audi-Chef Rupert Stadler einer von vier Angeklagten im Münchner Dieselbetrugsprozess. Der aus Ottenau stammende Ingenieur bestreitet jede Beteiligung an den illegalen Machenschaften.

Vielleicht, so hatte Wolfgang Hatz gehofft, ist an Weihnachten ja alles vorüber. Das war im vergangenen September. Mittlerweile geht es auf Ende März zu und es ist nicht vorbei, allem Anschein nach noch längst nicht. „Es“, das ist der erste Prozess auf deutschem Boden um den Diesel-Skandal bei Audi und VW am Landgericht München II. Im Raum stehen mutmaßlicher Betrug, mittelbare Falschbeurkundung und strafbare Werbung.

Der Ruf deutscher Ingenieurskunst war nach Bekanntwerden der Affäre in den USA im Herbst 2015 erst einmal schwer ramponiert. Dieselfahrzeuge waren laut Vorwurf mit Software ausgestattet, die bei der Abgasnachbehandlung auf dem Prüfstand andere, bessere Werte lieferte als im Alltag auf der Straße.

Und mittendrin im Schlamassel steckt Wolfgang Hatz (62), ehemals Motorenchef im Haus der vier Ringe und später Porsche-Technik-Vorstand. Er soll an alldem maßgeblich beteiligt gewesen sein und die Manipulationen angewiesen oder sie zumindest geduldet haben, wirft die Staatsanwaltschaft ihm vor. Das bestreitet der in Baden-Baden geborene und in Ottenau aufgewachsene Ingenieur, der am Goethe-Gymnasium sein Abitur ablegte und in Karlsruhe studierte, mit Vehemenz.

Gerson Trüg, der Freiburger Verteidiger von Hatz, hatte bereits zu Beginn des Verfahrens heftige Kritik an der Art der Ermittlungen geübt. Er sprach von einer „eher einseitigen Interpretation der Dokumente“ durch die Staatsanwaltschaft und erkannte eine „Schwäche bei der Beweisführung“. Und er warf die Frage auf: „Was hat Herr Hatz wann und wodurch konkret gebilligt oder veranlasst?“ Die Staatsanwaltschaft sei trotz insoweit umfänglicher Ermittlungen nicht in der Lage gewesen, über pauschale Behauptungen hinaus „einen näher konkretisierten Tatvorwurf zu formulieren“.

Ein „Knaller-Beweis“ fehlt gänzlich

Mehr als 30 Verhandlungstage später stellt Trüg jetzt fest, dass sich da nichts geändert hat: „Nach der bisherigen Beweisaufnahme ist kein Dokument ersichtlich, aus dem sich eine Information von Software-Manipulationen an Herrn Hatz beziehungsweise eine Kenntnisnahme oder Kenntnis von Herrn Hatz ergeben würde“, erklärte Trüg gegenüber unserer Zeitung. „Das ist angesichts der Vielzahl von Dokumenten ein starker Befund.“

Trüg hält die Kritik an der Arbeit der Staatsanwaltschaft aufrecht: Unter anderem seien seinen Mandanten entlastende Unterlagen von der Behörde nicht angenommen worden, sagt er. Und nicht nur das: Ein Gutachten, das Hatz schwer belastet, soll nach Aussagen des Freiburger Anwalts und seines Kollegen Jörg Habetha auf Daten beruhen, die aus der Zeit um 2011 stammen – da aber hatte Wolfgang Hatz seinen Stuhl im Audi-Konzern schon seit zwei Jahren geräumt. Die Verteidigung hat deshalb ein weiteres Gutachten beantragt.

Wolfgang Hatz 2015 in seinem Büro im Porsche-Entwicklungszentrum Weissach: Im Hintergrund das Bild vom Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Foto: Michael Wessel/Archiv

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Wolfgang Hatz 2015 in seinem Büro im Porsche-Entwicklungszentrum Weissach: Im Hintergrund das Bild vom Gesamtsieg beim 24-Stunden-Rennen in Le Mans. Foto: Michael Wessel/Archiv

Inzwischen sind 34 der 181 Verhandlungstage abgehakt. Das Verfahren plätschert mitunter dahin, ein „Knaller-Beweis“, der einen der beschuldigten Ex-Führungskräfte hieb- und stichfest belasten würde, fehlt gänzlich. Es ist eine gewisse Vertrautheit und Routine eingekehrt. Die Beteiligten begrüßen sich freundlich am Morgen, bevor Vorsitzender Richter Stefan Weickert jeden Dienstag und Mittwoch die Hauptverhandlung im unterirdischen Hochsicherheitssaal der Münchner Justizvollzugsanstalt Stadelheim fortsetzt. In den Pausen werden da und dort schon mal private Worte gewechselt.

Wolfgang Hatz nutzt die Auszeit meist für eine Rauchpause. Wenn er draußen an der frischen Luft steht, kommen Erinnerungen auf: Hinter genau diesen meterhohen Gefängnismauern war der Ex-Porsche-Vorstand von Herbst 2017 bis Frühsommer 2018 in Untersuchungshaft gesessen. Neun lange, harte Monate, in denen er 26 Kilogramm verlor. Einmal war er, so erzählte er, aus einem Stockbett gefallen und hatte sich einen Halswirbel gebrochen.

Mit Handschellen ans Bett gefesselt

Aber das Wachpersonal glaubte ihm nicht, er sei ein Simulant, ließ man ihn wissen. Über Wochen blieb die Fraktur unbehandelt, bis er endlich für eine Operation ins Krankenhaus kam. Mit Handschellen fesselten sie den Genesenden ans Bett. Am Ende war er so geschwächt, dass er beim späteren Reha-Aufenthalt stürzte und sich ein Bein brach. Jetzt saß er zeitweise auch noch im Rollstuhl.

„Ich habe manchmal daran gezweifelt, ob ich den Mann zurückbekomme, den sie mir genommen haben“, sagt seine Frau. Aber der Murgtäler ist als ehemaliger Fußballer bei der Jugend der SV Ottenau offenbar hart im Nehmen und mental stark; er hat sich wieder gefangen.

Seine Frau begleitet ihn an jedem Prozesstag, umarmt ihn in den kurzen Pausen, spricht ihm Mut zu. Sie werden ihn doch nicht zwei Jahre und drei Monate – so lange wird die Hauptverhandlung voraussichtlich dauern – hier schmoren lassen? Wolfgang Hatz war der festen Meinung, das Gericht würde seine Einlassungen prüfen und die Lage neu bewerten – zu seinen Gunsten, „denn ich habe mir nichts zuschulden kommen lassen“, wie er versichert. 2020 wurde es damit bekanntlich nichts. Aber das nächste Weihnachten kommt bestimmt.

Autor Horst Richter arbeitet als Redakteur beim Donaukurier Ingolstadt und verfolgt den Münchner Audi-Prozess von Anfang an.

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Erstellt:
29. März 2021, 06:00 Uhr
Lesedauer:
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