Vom Milchreis zur Ursuppe

Baden-Baden (wofr) – In seiner Kolumne „Denk-Anstoß“ stellt Wolfram Frietsch philosophische Ansätze und Ideen vor. Dieses Mal geht es um die Philosophie der kleinen Dinge.

Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

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Die philosophische Kolumne im BT-Magazin gibt alle zwei Wochen einen Denk-Anstoß. Grafik: Fotogestoeber/stock.adobe.com

Um Milchreis zu kochen, bedarf es folgendes: Milch, Milchreis, Zucker, Topf, Löffel zum Umrühren und, das kann von Fall zu Fall variieren, Apfelmus zum fertigen Produkt. Die Milch muss man aufkochen lassen, was eines punktgenauen Rituals der Selbstdisziplinierung und des Wartens bedarf. Erst scheint sich nichts zu rühren. Die Milch ignoriert das Feuer, das den Topfboden erwärmt. Die Herdplatte glüht, ehe die Milch, beinahe um uns einen Gefallen zu tun, sich erbarmt aufzukochen.

Langsam, ganz langsam steigt sie die Wände empor, so als ob sie nachschauen möchte, ob jemand anwesend sei, der ihr zuschaut. Es sieht alles so harmlos aus, dass man sich in Sicherheit wiegt. Doch im richtigen, beziehungsweise falschen Moment wird aus den sanften Bewegungen ein explodierendes Wettrennen um den Ausgang aus dem einengenden Kochgefäß.

Die Milch droht überzukochen und will sich mit weißer schäumender Geste aus ihrer brodelnden Enge befreien. Aufpassen. Den richtigen Moment abwarten. Den Topf vom Feuer nehmen. Die Milch weicht zurück. Ja: Ich bin da. Ich nehme den Topf vom Herd. Halte ihn hoch. Die Mich lässt sich erweichen und sinkt in sich zusammen. Resigniert listig, weil sie weiß, dass sie das Spiel noch gewinnen kann. Eine Unachtsamkeit meinerseits und sie hätte den Rand überschritten, dann, wenn ich sie zum Aufkochen wieder auf den Herd stelle und unaufmerksam bin.

Doch nicht mit mir! Erneuert bin ich schneller. Sie resigniert nochmals. Verliert sie? Bin ich zu siegesgewiss? Ein letztes Mal fährt sie sanft nach oben, streckt sich, doch nun erreicht sie kaum den Rand, muss zurückweichen und nimmt erneut Anlauf. Sie wirkt müde. Jetzt habe ich sie. Die Milch ist besiegt. Der Reis kann zugeben werden, ebenso wie der Zucker. Aus der klumpenden Masse steigen nach und nach Blasen auf, die zerbersten, in sich zusammenfallen, sich neu bilden, wieder zerfallen. So muss Leben entstanden sein, aus der Ursuppe wurde eine gallertartig feste Masse, die uns hervorbrachte.

Zu oft denken wir groß

Präzision und Improvisation, Intuition und Denken, Erfahrung und Entschlossenheit, all das führt in Summe zu einem akzeptablen Ergebnis, zu einer Phänomenologie des Augenblicks und der Beachtung der kleinen Dinge. Philosophie denkt groß und meint, sich aufzuschwingen in die Weite des kalten, sezierenden Denkens einer Weltordnung, die nach ewigen Gesetzen abläuft.

Doch das Gegenteil ist es. Martin Heidgeger (1889-1976) philosophiert über Schuhe, deren Existenz er an das Menschliche knüpft: „Aus der dunklen Öffnung des ausgetretenen Inwendigen des Schuhzeuges starrt die Mühsal der Arbeitsschritte. In der derbgediegenen Schwere des Schuhzeuges ist aufgestaut die Zähigkeit des langsamen Ganges durch die weithin gestreckten und immer gleichen Furchen des Ackers, über dem ein rauer Wind steht [...] Durch dieses Zeug zieht das klaglose Bangen um die Sicherheit des Brotes, die wortlose Freude des Wiederüberstehens der Not, das Beben in der Ankunft der Geburt und das Zittern in der Umdrohung des Todes. Zur Erde gehört dieses Zeug und in der Welt der Bäuerin ist es behütet.“

Entscheidung für den Augenblick

Philosophie ist groß, philosophieren klein und interessiert an den Dingen, am Zeug, am Gegenstand, am Eigenen. Nur das Eigene ist es, das das Fremde erfahren lässt. Zu oft denken wir groß, um uns abzulenken von den alltäglichen Gepflogenheiten, die zwischen uns und unseren Träumen stehen, ehe wir begreifen, dass gerade dieses Ausweichen der Traum ist, der Pfad, die Wegmarke, das uns auffordert zu folgen. Sehnsucht ist Sucht und schafft Abhängigkeiten, statt frei zu machen. Freiheit ist die Entscheidung für den Augenblick. Und der Augenblick wird getragen vom Alltag, den es meditativ und kontemplativ, denkerisch und analytisch zu beachten gilt. Also ist, was zu beweisen war, selbst das Kochen von Milchreis Philosophie in seiner Reinform.

Literaturtipp: Martin Heidgeger: Der Ursprung des Kunstwerkes. Freiburg 2012.

In seiner Kolumne Philosophierte Wolfram Frietsch zuletzt über den Willen, aufzusteigen.

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Erstellt:
31. Januar 2021, 14:00 Uhr
Lesedauer:
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