Vom wilden Parken und neuem Müll

Baden-Baden (kie) – Viele Menschen zieht es nach draußen. Anwohner beschweren sich über Falschparker, Staus und zurückgelassenen Unrat. Doch welche Auswirkungen hat der Tagestourismus auf die Natur?

Abseits der Wege unterwegs zu sein – wie hier auf der Hornisgrinde –, verspricht besondere Ausblicke. Für die heimische Tier- und Pflanzenwelt ist das jedoch problematisch. Foto: Bernhard Margull

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Abseits der Wege unterwegs zu sein – wie hier auf der Hornisgrinde –, verspricht besondere Ausblicke. Für die heimische Tier- und Pflanzenwelt ist das jedoch problematisch. Foto: Bernhard Margull

„Die Verlagerung der Menschenströme in bisher eher ruhige Gegenden führt dazu, dass die Tierwelt gestört wird und Flurschäden entstehen können“, sagt Sébastien Oser, Leiter des Amtes für Baurecht und Naturschutz im Landratsamt Rastatt. Und fügt an: „Das ist aber kein neues Phänomen, sondern besteht seit einigen Jahren“. Als Beispiel nennt Oser das vom Aussterben bedrohte Auerhuhn, dessen Bestand nachweislich durch die menschlichen Störungen weiter gefährdet wird. Besonders im Winter, wenn die Tiere ihren Stoffwechsel drosseln, um mit weniger Nahrung zurechtzukommen.

Erhard Jauch, Hauptgeschäftsführer des Landesjagdverbandes Baden-Württemberg erläutert: Weil es im Winter weniger Nahrung gibt, müssen Wildtiere Energie sparen, „sie arbeiten mit einer Art Notprogramm“, sagt er. Werden sie durch Wanderer, Rodler oder Skifahrer aufgeschreckt, die abseits der Wege unterwegs sind, verbrauchen sie wertvolle Energie, die sie bei mangelndem Nahrungsangebot im Winter kaum mehr füllen können. Dies könne auch Folgen für den jungen Baumbestand zeitigen, der etwa von hungrigen Rehen angeknabbert wird. In alpinen Lagen könnten Tiere gar verhungern. „Wenn die Leute auf den Wegen bleiben, gibt es kein Problem, nur wenn sie sich in die Büsche schlagen“, sagt Jauch.

Natur vermehrt auf „wilde Weise“ entdeckt

Barbara Lupp, Regionalgeschäftsführerin des BUND Neckar-Alb, hat sich bereits während des ersten Lockdowns mit den Auswirkungen der zunehmenden Ausflugsfahrten in die heimische Natur befasst. Sie stellt fest: „Es sind nicht nur mehr Leute unterwegs, sondern auch Leute, die die Natur auf wilde Weise entdecken“. Die Auswirkungen auf die Umwelt seien im Frühjahr gravierender gewesen als in den Wintermonaten. Insbesondere Bodenbrüter seien durch frei laufende Hunde oder das Umherstreifen durch die Wiesen gestört worden.

Im Winter gebe es noch ein weiteres Problem: Wer ohne ausreichend Schnee Schlitten fährt, verursacht unter Umständen Schäden am Boden und an der Vegetation. Lupp appelliert an die Vernunft der Tagestouristen, nur bei geschlossener Schneedecke zu rodeln. Seltene Pflanzenarten könnten zerstört werden – wobei die konkreten Auswirkungen erst zu einem späteren Zeitpunkt sichtbar würden.

Eigene Interessen über Naturschutz gestellt

Heute schon sichtbar ist hingegen zurückgelassener Müll: „Ein altes Problem, gerade auch weil jetzt mehr Leute ohne Naturverständnis in der Natur unterwegs sind“, sagt Lupp. Und fügt an: „Es gibt ja auch neuen Müll – und zwar die Einwegmasken“. Sie fordert „viel Aufklärung und Kontrolle“. Das sieht das Landratsamt ähnlich: Laut Oser wird auf Information gesetzt, beispielsweise mithilfe der ehrenamtlichen Naturschutzbeauftragten des Landkreises, die auch in den Schutzgebieten unterwegs seien. Aber auch Sanktionen seien nötig, denn es fehle teilweise an Disziplin: Einige Tagestouristen „stellen die eigenen Interessen über die Interessen des Naturschutzes“, so Oser. Das sei jedoch ein gesellschaftliches Problem.

Rücksichtslosigkeit beklagen unterdessen auch die Landwirte: Sind Parkplätze belegt, weichen einige Autofahrer auf Felder aus – wo etwa bereits Wintergetreide eingesät wurde. Laut Ariane Amstutz, Sprecherin des Landesbauernverbands, kämpften Landwirte verstärkt mit diesem Problem. „Seit Jahren haben unsere Betriebe Probleme mit Hundekot und Vermüllung, die Coronakrise hat neue Dimensionen angenommen“, so Amstutz. „Wir haben viele Beschwerden von unseren Landwirten bekommen.“ Auch das Landratsamt hat laut Oser bereits Beschwerden von Landwirten erhalten.

Doch nicht nur Falschparker auf Feldern, Wanderer im Unterholz und Rodler, die auf der Grasnarbe fahren, sind ein Problem für die Natur und die Anwohner: Wo immer mehr Menschen die Natur aufsuchen, gleichzeitig aber Sanitäreinrichtungen in Ausflugslokalen geschlossen sind, gibt es nämlich oftmals auch besonders unappetitliche Hinterlassenschaften.

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Erstellt:
14. Januar 2021, 08:30 Uhr
Lesedauer:
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