Vom Ringen um Entwicklungschancen

Rastatt (dm) – 50 Jahre nach der Eingemeindung zu Rastatt stehen in Plittersdorf weiterhin Wohnprojekte und noch fehlende Infrastruktur auf der Wunschliste.

Perspektiven: Aus Plittersdorfer Sicht soll aus dem Areal am ehemaligen Sägewerk am südlichen Ortsrand Wohnfläche werden. Foto: Frank Vetter

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Perspektiven: Aus Plittersdorfer Sicht soll aus dem Areal am ehemaligen Sägewerk am südlichen Ortsrand Wohnfläche werden. Foto: Frank Vetter

Wenn sich Plittersdorfer (und Einwohner anderer Ortsteile) 50 Jahre nach der Eingemeindung in die Große Kreisstadt Rastatt immer noch als eigenständige Gemeinde fühlen, dann heißt das für Ortsvorsteher Mathias Köppel: „Die Einheit ist noch nicht vollendet. Alle Seiten müssen daran arbeiten.“
Seit dem 1. April 1972 ist Plittersdorf – der älteste noch bestehende Ort im Landkreis – ein Teil Rastatts. Die Altrheinhalle und die Bühne im Gemeindehaus hat man sozusagen als Mitgift bekommen, doch gefühlt hat sich für viele Plittersdorfer seit den 70er Jahren und der vom Land gewollten Gebietsreform nur wenig bewegt. Die Blicke gehen des Öfteren scheinbar neidvoll in die Nachbargemeinde Steinmauern, wo man direkt vor Augen hat, wie sich im selben Zeitraum eine selbstständige Kommune entwickelt konnte.

„Einiges ist auf den Weg gebracht“

„Uns fehlen die Mittel für strukturelle Angebote, die woanders selbstverständlich sind“, stellt Köppel fest und verweist auch darauf, dass die Stadt lange Zeit finanziell nicht so dagestanden habe, wie man das nach der Ansiedlung von Mercedes-Benz erhofft hatte. Bei Themen wie Schülerbetreuung, Barrierefreiheit öffentlicher Gebäude oder Verkehrsberuhigung sei man weit entfernt von den Angeboten selbstständiger Gemeinden. Dazu komme: Während sich diese im Umkreis um bis zu 50 Prozent vergrößert hätten, verzeichne man im Ried mehr Ab- als Zuzug, weil es „keine Außenentwicklungschancen“ gebe.

Damit sind sogleich die aktuellen und künftigen Aufgaben skizziert. Bei der Stadt habe man das Dilemma erkannt und 2016/17 gemeinsam das Dorfentwicklungskonzept für die Ortsteile geschmiedet. „Einiges ist auf den Weg gebracht“, sagt Köppel, betont aber auch: „Es geht nicht so schnell, wie von manchen erhofft.“

Neugestaltung der Altrheinpromenade vorgezogen

Vom Vorhaben, das im Dorfentwicklungsplan zunächst auf Platz eins stand – den ganzen Bereich um Fährstraße, Schule und Rathaus im Dorfkern zu beruhigen –, ist derweil noch nichts zu sehen. Das habe man in Absprache hintenan gestellt, weil man die Chance hatte, Fördermittel für eine ambitionierte Neugestaltung der Rheinpromenade abzugreifen, sagt der Ortsvorsteher. Mit Erfolg immerhin. Das Projekt ist fertig geplant und soll in diesem Jahr gestartet werden. Was Straßenprojekte in Rastatt angeht – wo mangels Personalkapazitäten im städtischen Tiefbau so einiges auf die lange Bank geschoben werden musste – steht bezüglich der Ortsteile derweil die Wintersdorfer Dorfstraße ganz oben.

Dennoch kündigen sich verkehrsbremsende Maßnahmen auch an Plittersdorfer Ortseingängen an. Von Ottersdorf kommend, wird mit dem derzeitigen Kita-Neubau – auch das ein Großprojekt aus dem Entwicklungsplan – ein Kreisel entstehen, und von Rastatt kommend ist ein Fahrbahnteiler mit Abbiegespur geplant. Vom Rhein her gibt es die Option, mit der Dammsanierung und dem Neubau der Ankerbrücke über den Altrhein eine Verschwenkung einzubauen. Wann Letzteres kommt, steht jedoch noch nicht fest.

Wunsch: Wohnbebauung auf früherem Sägewerksareal

In den aktuellen städtischen Entwicklungsplänen hat der Ortschaftsrat neben Kita- und Feuerwehrneubau (der laut Stadtverwaltung bis 2025 stehen soll), drei konkrete Projekte priorisiert, alle drehen sich um Wohnraum. Da ist zum einen das Gelände des ehemaligen Sägewerks im Süden des Orts. Wo bislang noch Platz für Gewerbe ausgewiesen ist, würde er gerne ein Wohngebiet entwickeln, erläutert Köppel. Ein Bebauungsplan soll auch die weitere Wohnraumschaffung im Areal Bühlstraße sichern. Und im alten, bald verlassenen Kindergarten, der noch der Kirche gehöre, könnte seniorengerechtes Wohnen entstehen. Nicht unbedingt nur für Plittersdorfer. Die Frage sei, ob alle Ortsteile künftig solche strukturellen Angebote vorhalten können. Schülerbetreuung mit Hort-Angebot, Seniorenwohnen, Gewerbeansiedlung, Reisigplatz, die Sportplatzfrage sowieso: Hier bringt der Plittersdorfer Ortsvorsteher eine Aufteilung der Aufgaben unter den drei Ried-Dörfern in die Debatte. Unter der Rastatter Haube also näher zusammenrücken.

Auch Köppels Idee einer neuen Rheindammtrasse soll dem ganzen Ried zugute kommen, sagt er – falls sie denn eine Chance auf Verwirklichung haben sollte. So lautet der Vorschlag: Den Damm, der im Zuge der anstehenden Sanierung ohnehin neu gebaut werden müsse, weiter weg vom Rhein zu legen, womit man mehr Retentionsfläche gewinnt. Als Gegenleistung dann eine Fläche ausweisen, die den Riedorten „mehr Luft zum Atmen“, sprich: potenzielle Entwicklungsfläche verspricht. Ob dieser Deal gelingen kann, ist jedoch ungewiss.

„Stimme der Ortsteile muss gehört werden“

Was die Zukunft also bringt? Köppel sieht sich hier „optimistischer als mach anderer“, hat „Lust darauf, gemeinsam etwas zu entwickeln.“ Auch wenn man als Ortsvorsteher „weisungsgebundener Teil der Stadtverwaltung“ sei, könne man doch politisch Einfluss nehmen. Durchaus ein Spannungsfeld. Die Stimme der Ortsteile müsse jedenfalls auch im Gemeinderat weiter gehört werden, einer Abschaffung der unechten Teilortswahl würde er denn auch kritisch gegenüberstehen. „Eine Mindestvertretung muss gegeben sein, man darf das Sprachrohr für die Bevölkerung nicht kappen.“

Ihr Autor

BT-Redakteur Daniel Melcher

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Erstellt:
13. Januar 2022, 09:00 Uhr
Lesedauer:
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