Vom Schwarzwald-Urlaub ins Krisengebiet

Rheinmünster (BNN) – Vom Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden (FKB) startet regelmäßig eine Ryanair-Maschine nach Kiew und zurück. Wer geht da an Bord – und fliegt in die Krisenregion?

Immer montags startet vom FKB ein Ryanair-Flug nach Kiew. Foto: Uli Deck/dpa

Immer montags startet vom FKB ein Ryanair-Flug nach Kiew. Foto: Uli Deck/dpa

Obwohl ein drohender Krieg mit Russland die Schlagzeilen bestimmt, sind unter den Passagieren auch relativ vergnügte Schwarzwaldurlauber.

Mit welchen Gefühlen betritt er an diesem Nachmittag die Abflughalle des Baden-Airports – und checkt für den Flug nach Kiew ein? Alexander S. wiegt den Kopf nachdenklich hin und her. Es seien gemischte Gefühle, gibt der 35-jährige angehende Ingenieur zu verstehen. Einerseits: „Ich fliege nach Hause“. Andererseits: „Wir leben 40 Kilometer entfernt von der russischen Grenze.“

Nur eine kurze Fahrt sei es also bis zu dem russischen Truppen-Aufgebot, dessen Bilder über alle Nachrichtenkanäle flimmern und angstvolle Diskussionen über eine akute Kriegsgefahr und einen möglicherweise kurz bevorstehenden Einmarsch Putins in die Ukraine speisen.

Drei Monate hat Alexander S. in der Region um Stuttgart verbracht. Er studiere im Fachbereich Erneuerbare Energien, erzählt er. Dafür habe er ein Praktikum bei einer Solar-Firma absolviert. Dass am Tag seines Rückflugs die Krise in seiner Heimat die Schlagzeilen bestimmen würde, war so nicht absehbar, als er im Südwesten ankam. Seine Familie gehöre zur russischsprachigen Bevölkerungsgruppe, betont Alexander S.: „Aber die Ukraine ist mein Land.“ Im Moment trägt ihn die Hoffnung: Es wird keinen neuen Krieg geben. „Wir müssen Stärke zeigen“, meint Alexander S.

„Putin wird sich nicht trauen“

Sein Bekannter Eduard K., der den Heimkehrer zum Flughafen Karlsruhe/Baden-Baden (FKB) chauffiert hat, findet deutlichere Worte: „Putin wird sich nicht trauen, er ist feige“, davon zeigt sich der Deutsch-Ukrainer, der seit Langem im Schwäbischen lebt, überzeugt. Klar, die Verwandten in der Ukraine machten sich durchaus Sorgen – aber panisch seien sie nicht. Und falls es doch bald zu einem neuen Krieg in der Ukraine kommt? „Ich habe meiner Frau schon angekündigt: Dann werde ich hingehen und kämpfen“, beteuert der 50-Jährige.

Olga Batuza steht der Sinn überhaupt nicht nach Politik und Krisengerede. „Das ist ein ganz normaler Flug für mich“, meint die 45-Jährige aus Kiew. Sie hat einen Kurzurlaub im Schwarzwald verbracht. „Zwei Nächte waren wir in Baden-Baden“, erzählt sie auf Englisch.

Auch die malerischen Elsass-Städte Colmar und Straßburg standen auf dem Besuchsprogramm. Sie wüsste nicht, warum sie wegen der aktuellen Krisenlage auf Reisen verzichten sollte, erklärt die Ingenieurin. „Wir haben schon viele Jahre Krieg“, sagt sie. Die erste Zeit sei wirklich hart gewesen. Aber deshalb könnten die Ukrainer nicht in Schockstarre verharren und ewig auf Erholung und Tapetenwechsel verzichten. Nein, sie glaube nicht, dass es in den nächsten Tagen knallt, sagt Batuza – und fügt nachdenklich hinzu: „Und wenn es so kommt, dann kommt es eben so.“

Die meisten setzen auf Optimismus

Mehrere Grüppchen von ukrainischen Urlaubern warten vor der Abflughalle. Darunter vier junge Leute aus Kiew, die unter anderem Sasbachwalden kennenlernten. Und ein Paar, das mit Freunden, die in Baden-Württemberg wohnen, durch Südtirol reiste. Sie alle sind vorsichtig, wenn es um Politik geht. Ihre Namen wollen sie in keiner Zeitung lesen. Sie alle setzen auf Optimismus. „Ich glaube, es passiert nichts“ sagt der eine, „es kommt nicht zum Krieg“ die andere. Seine konkrete Sorge habe um den Flugplan gekreist, sagt der Tirol-Urlauber: Er hatte Angst, dass sein Heimflug gestrichen oder umgelenkt würde.

Jeden Montag hebt planmäßig um 15.55 Uhr eine Maschine des irischen Billigfliegers Ryanair am Baden-Airport mit Flugziel Kiew ab. An diesem 14. Februar hat sie Verspätung. „16.25 Uhr gestartet“ vermeldet die Abflugtafel. „Die Flüge sind ziemlich ausgebucht“, sagt Flughafen-Chef Uwe Kotzan. 169 Passagiere fasse die Maschine. Mit 169 Fluggästen sei der Flieger an diesem Montag auch aus Kiew eingeflogen. Für den Flug zurück hatten 138 Passagiere pünktlich eingecheckt. „Vom Gefühl her macht keiner Urlaub in Kiew“, meint Kotzan. Meist hätten die Ticketkäufer Familie oder Geschäftspartner in der Ukraine.

Viele Menschen, die im Badischen arbeiten und aus der Ukraine stammen, nutzten die Verbindung zwischen Baden und dem Flughafen Kiew-Boryspil. Und Schwarzwaldurlauber. Wie hoch ihr Anteil ist? Aktuelle Zahlen gibt es nicht. „In ein bis zwei Monaten werden wir eine neue Fluggastbefragung durchführen“, kündigt Kotzan an. Ob die Linie angesichts der politischen Lage infrage gestellt wird? Es habe keine Gespräche in der Richtung gegeben, lässt Kotzan durchblicken: „Im Moment ist es, wie es ist.“

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Olga Batuza steht der Sinn überhaupt nicht nach Politik und Krisengerede. „Das ist ein ganz normaler Flug für mich“, meint die 45-Jährige aus Kiew. Foto: Elvira Weisenburger/BNN

Olga Batuza steht der Sinn überhaupt nicht nach Politik und Krisengerede. „Das ist ein ganz normaler Flug für mich“, meint die 45-Jährige aus Kiew. Foto: Elvira Weisenburger/BNN

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BNN-Redakteurin Elvira Weisenburger

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Erstellt:
15. Februar 2022, 10:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 22sec

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