Vom nackten Asphalt aufs Kuschelkissen

Bühl (km) – Die Pfotenhilfe Karlsruhe vermittelt Straßenhunde aus dem Ausland nach Deutschland. Hündin Bella aus Rumänien hat auf diesem Weg mittlerweile ein sicheres Domizil in Bühl gefunden.

Startschuss in ein neues Leben: Die vier Monate alte Mischlingshündin Bella wird von Fahrer Marian und Susanne Kübel von der Pfotenhilfe Karlsruhe in die liebevollen Hände von Birgit Keller-Ortmann (links) übergeben. Foto: Kathrin Maurer

© Kathrin Maurer

Startschuss in ein neues Leben: Die vier Monate alte Mischlingshündin Bella wird von Fahrer Marian und Susanne Kübel von der Pfotenhilfe Karlsruhe in die liebevollen Hände von Birgit Keller-Ortmann (links) übergeben. Foto: Kathrin Maurer

Zwischen den kalten Grabsteinen eines rumänischen Friedhofs bei Mioveni, rund 130 Kilometer nordwestlich von Bukarest, irrten die Waisen Bella und ihre Schwester Bonnie seit ihrer Geburt umher – stets auf der Suche nach Futter und einem sicheren Unterschlupf, stets auf der Flucht vor Tritten, Schlägen und anderen Grausamkeiten aus Menschenhand. Ihr trauriges Schicksal teilten die zwei Mischlingswelpen mit Tausenden weiteren Straßenhunden in Rumänien, unzähligen in ganz Europa. Diesen Überlebenskampf konnten die Schwestern sowie elf weitere Welpen dank der ambitionierten Arbeit einiger weniger Tierschützer in Rumänien gemeinsam mit der Pfotenhilfe Karlsruhe vor einigen Wochen endlich hinter sich lassen.

Anspannung und Vorfreude sind in der Gruppe von Hundeliebhabern förmlich zu Greifen: Die einen ziehen hektisch an einer Zigarette, andere laufen unruhig hin und her oder tippeln ungeduldig von einem Bein auf das andere, die Uhr stets im Blick. In wenigen Minuten hat das Warten ein Ende – das Warten auf das frisch adoptierte Familienmitglied auf vier Pfoten.

Nachfrage seit Corona stark angestiegen

Schon knirscht der Schotter unter den Reifen des Tiertransporters „4 Paws Express Transport“ aus Mioveni, als er nach rund 1.700 Kilometern und 18 Stunden Fahrt auf den Parkplatz bei Ettlingen einbiegt. Im mit speziellen Tierboxen ausgebauten Laderaum befinden sich 13 junge Hunde aus Auffangstationen, sogenannten Sheltern, für die nun ein neues Leben beginnt – unter ihnen Bella und Bonnie. Organisiert wurden Transport, Vermittlung sowie alles Drumherum von der Tierschutzorganisation Pfotenhilfe aus Karlsruhe. Nach einer Einführung in den Ablauf dürfen die von der langen Reise geschlauchten Fellnasen frische Luft schnappen. Alphabetisch werden sie in die Arme ihrer glücklichen Adoptanten übergeben. „B wie Bella“, ruft Susanne Kübel, stellvertretende Vorsitzende der Pfotenhilfe Karlsruhe, in die Runde. Ihre Aufregung kann Birgit Keller-Ortmann aus Bühl kaum verbergen, auch nicht unter dem Mund-Nasen-Schutz. Marian, der Fahrer des „4 Paws Express“, übergibt der erfahrenen Hundehalterin ein zartes, schwarzes Fellbündel.

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Hunden extrem gestiegen. Foto: Pfotenhilfe Karlsruhe

© Pfotenhilfe Karlsruhe

Seit Beginn der Corona-Pandemie ist die Nachfrage nach Hunden extrem gestiegen. Foto: Pfotenhilfe Karlsruhe

Nach dem Tod ihres elfjährigen Rüden Alux im Jahr 2014 hat sich die 63-Jährige die Entscheidung, einen neuen Hund aufzunehmen, nicht leicht gemacht. Lange habe sie hin und her überlegt, und sich dann entschlossen, einem neuen Vierbeiner erst ein Zuhause zu geben, wenn sie in Rente ist. „Zu einem Team zusammenzuwachsen braucht Zeit und Geduld“, weiß die pensionierte Unternehmerin, „deshalb war mir wichtig, dass ich diese Zeit wirklich habe.“

Dass man mit einem Tier aus dem Ausland im Alltag auf einige Vorurteile stößt, ist Keller-Ortmann nicht fremd: „Ich habe mit Alux, der aus Ibiza vermittelt wurde, schon solche Erfahrungen gemacht. Es kursieren viele negative Meinungen über Hunde aus dem Ausland – zu Unrecht. Es gibt wirklich sehr gute Tierschutzorganisationen, die hervorragende, unterstützenswerte Arbeit leisten.“

Sibylle Fritz vom Tierheim und Tierschutzverein Rastatt und Umgebung betrachtet diese Art der Vermittlungen kritisch: „Die Tiere werden nach Fotos und Videos ausgesucht, da steckt auch oft eine Mogelpackung mit ungeklärtem Gesundheitszustand dahinter.“ Passe das Tier dann doch nicht zur Familie oder erfülle die Wunschvorstellungen nicht, weil es etwa zu groß oder zu anspruchsvoll wird, lande es oft ganz schnell im Tierheim. „Wir vermitteln erst nach mehreren Besuchen, wenn Mensch und Tier spüren, dass die Schwingungen passen, dass sie ein Team werden können“, erläutert Fritz. Dass sich ältere Hunde schlechter vermitteln lassen als Jungtiere, ist für sie nichts Neues: „Aktuell haben wir zehn Welpen. Die werden schnell ein neues Zuhause finden“, ist sich Fritz sicher, „aber auch unter den Ausgewachsenen haben Heime oft ganz tolle Tiere. Es lohnt sich, sich zu informieren.“

Kübel und ihr Tierschutzteam werden immer mal wieder mit illegalem Handel kranker Tiere in Verbindung gebracht: „Von solchen Vorwürfen distanzieren wir uns ganz deutlich! Alle unsere Hunde, die aus dem Ausland einreisen, sind über das Traces-System registriert. Somit gehen mit Einfuhr direkt alle Informationen über Hund und Halter an das zuständige Veterinäramt vor Ort. Dieses Traces-System ist vom Gesetzgeber vorgeschrieben, daran halten wir uns als seriöse Tierschutzorganisation.“ Den illegalen Welpenhandel sieht Kübel jedoch als großes Problem: „Gerade jetzt in Corona-Zeiten ist die Nachfrage nach Welpen, besonders Rassewelpen, derart gestiegen, dass viele Züchter in Deutschland gar nicht mehr hinterherkommen. Wenn man sich auf Internetseiten wie Ebay Kleinanzeigen oder Quoka mal umsieht, ist es erschreckend, wie viele Hunde schon mit wenigen Lebenswochen zu hohen Preisen angeboten werden“, erläutert die Tierschützerin. Dabei gebe es feste Regularien, in welchem Alter ein Welpe überhaupt vermittelt werden darf: „Hunde müssen in der zwölften Woche ihre Tollwutimpfung bekommen, danach gibt es eine gesetzliche Sperrfrist von 21 Tagen, erst dann ist eine Ausreise überhaupt legal. Man sollte das wirklich differenzieren, denn der illegale Handel rückt den seriösen Tierschutz in ein schlechtes Licht.“

Auch Waltraud Siebeneicher vom Verein „Tiere brauchen Freunde“ in Baden-Baden kennt sich mit Hunden aus dem Ausland und den damit einhergehenden Vorurteilen aus, sie vermittelt Tiere aus Spanien, Kroatien, Bosnien und Griechenland. „Unsere Hunde sind allesamt grundimmunisiert – also geimpft, gechippt, entwurmt – und gesund“, versichert Siebeneicher. Einen coronabedingten Nachfrageschub habe auch sie bemerkt: „Wir prüfen mögliche Adoptanten nun noch strikter. Denn Corona ist auch mal vorbei, und dann muss die Zeit sowie die bedürfnis- und artgerechte Haltung des Tieres noch genauso gewährleistet sein wie jetzt, wo sich viele Arbeitnehmer im Homeoffice und dadurch mehr zu Hause befinden.“

Eignungskontrollen in Haushalten verschärft

Auch die Pfotenhilfe Karlsruhe hat ihre ohnehin schon gründlichen Kontrollen in den Haushalten noch verschärft. Nach einer ausführlichen Selbstauskunft über Wohn-, Arbeits- und Lebenssituation muss auch geklärt werden, wer das Tier in Urlaubszeiten, bei Krankheit oder im Todesfall betreuen kann. „Mit dieser Auskunft bewaffnet bekommt der Interessent Besuch von einem unserer Tierschützer, der alles vor Ort prüft und ein Eignungsgespräch führt. Wenn wir keine Eignung feststellen, wird niemals ein Hund von uns vermittelt werden“, stellt Kübel klar. Überhaupt bleibe ein Pfotenhilfe-Hund immer ein Pfotenhilfe-Hund: „Wir sind auch nach der Vermittlung immer für unsere Hunde und die Halter da.“

Birgit Keller-Ortmann hat gerade diese strenge Prüfung überzeugt: „Ich habe nicht irgendeine Organisation ausgewählt, sondern mich im Vorfeld informiert. Beim Vor-Ort-Termin hat sich die Pfotenhilfe sehr viel Zeit genommen, mich auf mögliche Gefahren für den Welpen aufmerksam gemacht und wertvolle Tipps gegeben.“

Obwohl das alles überzeugend klingt, stellt sich vielen Hundeliebhabern natürlich eine Frage: Warum muss es eine Fellnase aus dem Ausland sein, obwohl es in Tierheimen der Region auch Hunde gibt, die Familienanschluss suchen? Für die Bühlerin ist die Antwort klar: „Ich habe viel über Straßenhunde in Rumänien gelesen und weiß um das Elend dort, besonders wenn es im Winter richtig kalt wird. Ich bin davon überzeugt, dass es den Tieren in unseren Tierheimen besser geht als Straßenhunden im Ausland, die bei den Menschen keinerlei Stellenwert besitzen und sogar gequält und misshandelt werden.“

Dass diese Vermittlungen an dem Grundproblem der unkontrollierten Vermehrung vor Ort nicht viel verändern, ist den Tierschützern bewusst: „Da muss noch ganz viel passieren, wir engagieren uns stark bei Kastrationsprojekten. Die Wunschvorstellung schlechthin wäre, dass solche Vermittlungen gar nicht mehr nötig wären, weil es durch Tierschutzprogramme vor Ort keine Straßenhunde mehr gibt“, betont Kübel. Doch bis diese Art des präventiven Tierschutzes auch die entlegensten Winkel des Balkans, Südeuropas oder Südamerikas erreicht hat, werden Organisationen wie die Pfotenhilfe wohl noch einige Transporte nach Deutschland auf die Beine stellen. Damit auch weitere Hunde wie Bella eine Chance auf ein liebevolles Zuhause haben.

In ihrem Bühler Domizil mit Garten hat sich die schwarze Hündin gut eingelebt und besucht fleißig die Hundeschule. Nach der Arbeit ist Entspannung angesagt: Ausgestreckt döst sie auf ihrem Kuschelkissen – weit weg vom Überlebenskampf zwischen den kalten Grabsteinen eines rumänischen Friedhofs bei Mioveni.


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