Von Gaggenau nach Hamburg

Gaggenau/Hamburg (wess) – Optimaler Start für ein damals modernes Fahrzeug: Die ersten in Gaggenau produzierten Unimog werden im Mai 1951 auf der Wanderausstellung der DLG in Hamburg präsentiert.

Zwei große Türme mit dem Mercedes-Stern machten auf der DLG-Messe 1951 in Hamburg von Weitem auf den Unimog-Stand aufmerksam. Foto: Sammlung Wessel

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Zwei große Türme mit dem Mercedes-Stern machten auf der DLG-Messe 1951 in Hamburg von Weitem auf den Unimog-Stand aufmerksam. Foto: Sammlung Wessel

Spektakulärer hätte sich der Bandablauf der ersten beiden Gaggenauer Unimog kaum gestalten können, denn sie wurden am Freitag, 25. Mai 1951, in aller Eile in Gaggenau verladen, über Nacht nach Hamburg gefahren, um bei der Eröffnung der 41. Wanderausstellung der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft (DLG) ab Sonntag, 27. Mai, nunmehr als Erzeugnis der Daimler-Benz AG, gezeigt werden zu können. 1948 und 1950 waren die Unimog noch auf den DLG-Messeständen der Gebrüder Boehringer, Göppingen, zu sehen. Danach war in Fachkreisen und auf der IAA bekannt geworden, dass die Produktion des Unimog 1951 von Göppingen nach Gaggenau wechselt.

Unimog-Pionier Roland Feix, Jahrgang 1928, seinerzeit Vorführer und im Januar 1951 mit einem Teil der Unimog-Mannschaft von Göppingen nach Gaggenau umgezogen, hatte die ehrenvolle Aufgabe, am Freitag, 25. Mai, die beiden allerersten Gaggenauer Unimog direkt nach Bandablauf zu übernehmen und für den Transport zur Messe der DLG in Hamburg zu verladen.

Über Nacht 700 Kilometer nach Hamburg gefahren

Eigentlich stand nach der Fertigstellung eine Kontrollfahrt zum 180 Meter höher gelegenen Freiolsheim auf dem Programm, denn einen Rollenprüfstand gab es noch nicht. Aber Feix durfte keine Zeit verlieren, denn jede Stunde war kostbar, und daher verlud er die beiden Unimog direkt auf einen Lastwagen und chauffierte sie mit einem weiteren Fahrer über Nacht die etwa 700 Kilometer in die Hansestadt. Dies gestaltete sich nicht ganz so angenehm wie heute, denn ab Hannover war die Autobahn zu Ende und es ging über Land weiter.

Feix war beeindruckt und stolz zugleich, als er am nächsten Morgen beim Messegelände schon von Weitem den Unimog-Messestand sah, denn dieser hatte zwei besonders große gleichartige Türme mit dem weit sichtbaren Ochsenkopf-Markenzeichen obenauf. Im unteren Bereich war zu lesen: „Ein Erzeugnis der Daimler-Benz-AG“. Und was ihn besonders freute: Die Türme zierten Mercedes-Sterne. Hatte doch der Daimler-Benz Vorstandsvorsitzende Dr. Wilhelm Haspel kurz zuvor noch entschiedenen, dass der Unimog keinen Mercedes-Stern am Kühlergrill erhalten darf. Sinngemäß soll er laut Roland Feix gesagt haben: „Dieses eigenartige Fahrzeug verdient keinen Stern, und ich habe Bedenken, dass ein Stern an diesem Fahrzeug unsere Personenwagen-Kunden stören könnte.“

Zwei Jahre nach der Währungsreform und voll in der Zeit des Wirtschaftswunders erlebte die DLG-Ausstellung mit über 800.000 Besuchern dann einen Rekord, der in den Folgejahren nicht annähernd wieder erreicht wurde.

Das ganze Fahrzeug von Daimler-Benz

Roland Feix, der 1949 im Unimog-Bereich von Boehringer als Monteur anfing, als gerade der Unimog Nummer 24 gebaut wurde, erinnert sich weiter: „Bei den Fachleuten hatte es sich bereits herumgesprochen, dass der Unimog ab sofort im Daimler-Benz Werk Gaggenau gebaut wird. Vorher war es für uns bereits ein gutes Verkaufsargument, dass der Diesel-Motor OM 636 ein Mercedes-Motor ist, der im Personenwagen 170 D zum Einsatz kam. Aber jetzt konnten wir damit trumpfen, dass das ganze Fahrzeug von Daimler-Benz kommt. Das erzeugte bei den Interessenten noch mehr Vertrauen in die Verlässlichkeit des Services, die Ersatzteilversorgung und letztlich auch die Werterhaltung des gesamten Fahrzeugs. Ständig waren unsere Unimog – darunter auch zwei weitere noch aus der Produktion von Boehringer – von Menschentrauben umringt. Es war schon eine aufreibende Tätigkeit. Aber wir waren von unserem Produkt so begeistert, dass wir die Anstrengung gerne in Kauf nahmen. Mit zwei Problemen hatten wir zu kämpfen: Das war einmal der relativ hohe Preis im Vergleich zum Standard-Schlepper und somit zur vermeintlichen Konkurrenz, und dann trauten viele Besucher dem Unimog überhaupt nicht zu, dass er ein vollwertiger Traktor ist. Da halfen nur Vorführungen, Vorführungen und nochmals Vorführungen. Diese boten wir permanent auf dem Heiligengeistfeld an.“

Auf die Konkurrenzsituation weiter angesprochen, stellt Feix fest: „Ernstzunehmende Konkurrenz hatten wir nicht. Das war ja das Tolle! Gefallen hat mir ein Allradschlepper von MAN. Und es fiel mir auf, dass die deutschen traditionellen Traktoren im Vergleich mit den englischen Ferguson-Schleppern in mehrfacher Hinsicht schlecht abschnitten.“

Wie sich der gelungene Messeauftritt auch in den Auftragsbüchern bemerkbar machte, kann Feix nicht mehr sagen. „Aber die waren ja noch von der DLG-Messe in Frankfurt 1950 reichlich gefüllt. Das hatten wir in Göppingen nicht alles abarbeiten können. Die Kunden warteten schon sehnsüchtig auf ihren Unimog.“ Nach einer Woche strapaziösem Messedienst stand die nächste Herausforderung auf dem Programm: Die Rückfahrt nach Gaggenau in den 25-PS-Unimog auf eigener Achse mit nur einer Übernachtung in der Nähe von Kassel.

In Gaggenau lief die Montage flott an. Am 7. Juli 1951 – also nach nur 38 Arbeitstagen der damaligen 6-Tage-Woche – verließ der 100. Gaggenauer Unimog das Montageband, und am 29. Dezember des gleichen Jahres konnte der 1.000. Gaggenauer Unimog noch vor dem Jahreswechsel einem Kunden übergeben werden.

Der mit Tannen verzierte 100. Unimog aus Gaggenauer Produktion am 7. Juli 1951. Foto: Sammlung Wessel

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Der mit Tannen verzierte 100. Unimog aus Gaggenauer Produktion am 7. Juli 1951. Foto: Sammlung Wessel

Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg (Foto rechts) werden die Unimog immer wieder einem begeisterten Publikum vorgeführt. Foto: Sammlung Wessel

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Auf dem Heiligengeistfeld in Hamburg (Foto rechts) werden die Unimog immer wieder einem begeisterten Publikum vorgeführt. Foto: Sammlung Wessel

Stolz präsentieren die Mitarbeiter der Unimog-Produktion am 7. Juli 1951 den 100. von ihnen montierten Unimog. Foto: Sammlung Wessel

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Stolz präsentieren die Mitarbeiter der Unimog-Produktion am 7. Juli 1951 den 100. von ihnen montierten Unimog. Foto: Sammlung Wessel

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Erstellt:
24. Mai 2021, 15:00 Uhr
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