Klinikstandort: Diskussion wie in der Kneipe

Baden-Baden (fk) – Für viel Uneinigkeit hat die Frage nach einem neuen Klinikstandort im Gemeinderat Baden-Baden gesorgt. BT-Redakteur Florian Krekel wirft einen humorvollen Blick auf die Diskussion.

Hoch angepriesen, aber von den Gemeinderatsfraktionen als Klinikstandort wenig begehrt: Das Areal des Segelflugplatzes in Oos-West. Foto: Florian Krekel/BT

© fk

Hoch angepriesen, aber von den Gemeinderatsfraktionen als Klinikstandort wenig begehrt: Das Areal des Segelflugplatzes in Oos-West. Foto: Florian Krekel/BT

Irgendwie fühlte sich der Betrachter zu Beginn der Woche an eine Szene aus einem verrauchten Pub erinnert – dort, wo die ganze Breite des Lebens an ein paar wenigen Metern Theke kulminiert und sich auf den Böden der Biergläser spiegelt. Die Protagonisten: Die Baden-Badener Stadtspitze alias der Wirt, die Gemeinderatsfraktionen als Gäste und die nörgelnde Frau, die Zuhause auf den Gatten wartet. Thema der Diskussion: Die Standortsuche für das zukünftige Zentralklinikum.

Die Verwaltung hatte nach Vorauswahl des Bauausschusses vier Standorte für Baden-Baden ins Rennen geworfen. Wir nehmen einmal an, diese Standorte seien Biersorten. Während die meisten Biere den Gästen ganz passabel mundeten und nur einige geschmacksbedingte Differenzen auftraten, gab es da diese eine Sorte, die der Wirt aus dem hintersten Regal des Kühlhauses zauberte, wo er sie vor Jahren abgestellt hatte. Damals, als er sie für den Renner schlechthin hielt, den dann aber doch keiner haben wollte. Und so pries er sie nun erneut an wie Sauerbier. Zum Vorzugspreis, mit allerlei wohlklingenden Argumenten. Das ungeliebte Bier in diesem Fall war der Segelflugplatz.

Bebauung wäre Aus für Segelflieger

Hier wollte die Verwaltungsspitze, so hatte man den Eindruck, am allerliebsten das Klinikum haben, auch wenn alle anderen Standorte natürlich ebenfalls gut seien, wie betont wurde. Ist ja auch klar: Welcher Wirt würde schon behaupten, die anderen Biere seien nichts. Aber: Schon vor Jahren hatte sich Protest geregt, als eine Erweiterung des Gewerbegebiets auf dem Gelände vorgeschlagen wurde. Immerhin würde das für die dort ansässigen Segelflug- und Modellflugfreunde das Aus bedeuten, denn andere Flächen für ihren Sport gibt es in Baden-Baden nicht. Das Bier, es schmeckte also schon damals vielen nicht.

Jedoch schien der Wirt irgendwie zu hoffen, dass andere Zeiten auch andere Geschmäcker mit sich brächten. Denn tatsächlich zeichnet sich der Segelflugplatz als Klinikstandort durch einige Vorteile aus: Super Anschluss an überregionale Verkehrswege inklusive Nähe zum Bahnhof, auf dem auch Fernzüge halten; ebene Baufläche; kein PFC. Und die Tatsache, so Oberbürgermeisterin Margret Mergen, dass das Gebiet teils als Gefährdungsfläche für extreme Hochwasser gilt, sei zu vernachlässigen, da solche Sturmfluten noch nie vorgekommen seien und man das baulich beheben könne.

Auch Gewerbebebauung im Blick

Aber für die Gäste schmeckte das Bier irgendwie dennoch verwässert, im wahrsten Sinne des Wortes. Die meisten bemängelten in der Diskussion, dass das Grundwasser für tiefe Bauten zu hoch stehe und auch die Wasserentnahme in Sandweier dadurch womöglich beeinträchtig werden könne. Und so kam es, wie es kommen musste am Kneipentresen. Die Stammgäste (CDU), seit jeher gut mit dem Wirt, fürchteten um ihren Status und ließen sich (widerwillig oder nicht) vom Wirt zum Bier aus der Ecke des Kühlraums überreden, auch um die anderen zu überzeugen.

Sie nahmen dabei auch die Schelte der nörgelnden Frau zu Hause (Modell- und Segelflugvereine mit zusammen rund 300 Mitgliedern und sicher auch andere Teile der Baden-Badener Bevölkerung) in Kauf. Und vielleicht hatten sie zudem im Hinterkopf, welch tolle, neue Biere der Wirt im Kühlraum noch so platzieren könnte, wenn das alte erst mal weg ist. Denn irgendwie wurde man als Betrachter den Verdacht nicht los, dass das acht Hektar große Klinikareal auch deshalb auf das 30 Hektar große Gelände des Segeflugplatzes hätte kommen sollen, weil dort dann etwas über 20 Hektar für die vor Jahren schon angestrebte Gewerbebebauung übrig geblieben wäre. Der Segelflugbetrieb hätte so oder so weichen müssen.

Aber, um zur Szenerie an der Bar zurückzukommen, die meisten anderen Gäste wollten das Bier einfach nicht – zu wässrig; zu groß die Angst vor (oder die Liebe zur) Frau zuhause. Nur einer schlug sich noch stimmgewaltig auf die Seite der Alteingesessenen und des Wirtes. Der Stammgast hinten aus der Ecke vom runden Tisch (Rolf Pilarski, FDP). Der bestellte sich vor lauter Angst um seinen geliebten Pub auch das wässrige Bier – nicht, dass die Kneipe dann noch dicht machen muss. O-Ton Pilarski: „Wenn wir zu wenig Vorschläge machen, und die gehen nachher nicht durch, dann steht das Ding später in Rastatt.“ (So viel übrigens zum Thema: Es gibt keinen Konkurrenzkampf unter den Kommunen um den Klinikstandort).

Aber da diese spärliche Zuneigung für das Gebräu nicht reichte, musste der Wirt das wässrige Bier am Ende doch wegschütten und bei seinen drei anderen Sorten bleiben. Ob er sich im Nachgang selbst vor Frust noch einen genehmigen musste, ist nicht überliefert.

Ihr Autor

BT-Redakteur Florian Krekel

Zum Artikel

Erstellt:
1. Juli 2021, 11:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 19sec

Artikel empfehlen

Artikel Aktionen


Kommentare können für diesen Artikel nicht mehr erfasst werden.