Von Regelschmerzen bis hin zu Schulterbeschwerden

Karlsruhe (for) – Dr. Daniela Hornung vom Endometriosezentrum der Vidiakliniken am Standort Karlsruhe kennt den Leidensweg vieler Endometriose-Betroffener. Sie hat mit dem BT darüber gesprochen.

Endometriose macht sich auf unterschiedliche Art bemerkbar. Viele Frauen leiden an Unterleibsschmerzen. Foto:  David Ebener/dpa

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Endometriose macht sich auf unterschiedliche Art bemerkbar. Viele Frauen leiden an Unterleibsschmerzen. Foto: David Ebener/dpa

Rund jede zehnte Frau ist von Endometriose betroffen, viele leiden unter erheblichen Schmerzen unterschiedlichster Art, nur in seltenen Fällen verläuft die Krankheit asymptomatisch. Bis Betroffene allerdings eine entsprechende Diagnose erhalten, können Jahre vergehen, weiß Prof. Dr. Daniela Hornung. Sie ist Klinikdirektorin im Endometriosezentrum der Vidiakliniken am Standort Diakonissenkrankenhaus Karlsruhe. Mit BT-Redakteurin Janina Fortenbacher hat sie über die Frauenkrankheit gesprochen.

Interview

BT: Frau Hornung, was genau ist Endometriose?
Daniela Hornung: Endometriose ist schlichtweg Gebärmutterschleimhaut an der falschen Stelle. Bei der Endometriose wächst Gebärmutterschleimhaut – auch Endometrium genannt – außerhalb der Gebärmutter. Das kann überall sein, etwa im kleinen Becken, also am Bauchfell, an den Eierstöcken oder an den Eileitern. Es kommt aber auch vor, dass Endometrioseherde in die Blase, in den Darm, in die Harnleiter oder ins Zwerchfell einwachsen.

BT: Kann die Krankheit jede Frau treffen?
Hornung: Endometriose betrifft Mädchen und Frauen ab ihrer ersten Monatsblutung bis zur letzten Periode. Also eine große Altersspanne. Mit den Wechseljahren ist die Krankheit dann typischerweise ausgestanden.

BT: Endometriose wird unter Medizinern und Betroffenen oft als Chamäleon der Gynäkologie bezeichnet. Warum?
Hornung: Das hat mehrere Gründe. Zum einen sieht die Endometriose oft total verschieden aus. Wenn man operiert, kann das zum Beispiel rot, blau, schwarz, weiß oder glasig sein. Und zum anderen, weil sich die Krankheit auf ganz unterschiedliche Arten bemerkbar macht – manchmal auch gar nicht. Die Symptome, unter denen Betroffene leiden, können sehr vielfältig sein.

Viele unterschiedliche Symptome

BT: Welche Symptome gibt es da zum Beispiel?
Hornung: Eine ganze Reihe. Betroffene Frauen leiden beispielsweise unter sehr starken Schmerzen während der Periode, aber auch unter Schmerzen unabhängig von der Periode, Schmerzen beim Sex, beim Eisprung, beim Wasserlassen oder beim Stuhlgang. Manche haben Blut im Stuhl oder im Urin und nicht zuletzt steht bei vielen leider auch der unerfüllte Kinderwunsch in Zusammenhang mit der Krankheit. Bei einer Zwerchfellendometriose können zyklische Schmerzen in der rechten Schulter auf die Krankheit hinweisen.

BT: Sind die vielen unterschiedlichen Symptome auch ein Grund dafür, dass die Krankheit bei vielen erst so spät erkannt wird?
Hornung: Tatsächlich berichten viele Patientinnen über einen langen Leidensweg, bevor die Diagnose gestellt wird. Im Schnitt beträgt dieser rund neun Jahre. Bei Frauen mit unerfülltem Kinderwunsch wird Endometriose manchmal auch schon nach drei Jahren festgestellt. Das Problem ist einfach, dass man nicht alle Arten der Endometriose per Ultraschalluntersuchung sehen kann. Bei Eierstockzysten mit Endometriose ist das ziemlich offensichtlich, die sehen auf dem Ultraschallbild aus wie ein Schneegestöber. Bei Bauchfellendometriose ist das anders.

BT: Inwiefern anders?
Hornung: Bei der Bauchfellendometriose sind da ganz kleine „Stippelchen“, etwa so groß wie ein Stecknadelkopf, und die sieht man weder auf dem Ultraschall, noch bei der Computertomographie und auch nicht bei der Kernspintomographie. Die sieht man nur bei einer Operation.

Tastuntersuchung kann Hinweise geben

BT: Also glauben manche Frauenärzte, wenn sie nichts sehen, ist da auch nichts?
Hornung: Manche vielleicht schon und das ist ein Fehler. Man muss die Frauen genau befragen und untersuchen. Und trotzdem ist es schwierig, eine Diagnose zu stellen, denn natürlich gibt es auch immer wieder Frauen, die unter Periodenschmerzen leiden, aber keine Endometriose haben.

BT: Gibt es irgendeinen Anhaltspunkt, um zwischen normalen Periodenschmerzen und Endometrioseschmerzen zu unterscheiden?
Hornung: Auch das ist schwierig. Einen Hinweis kann die Tastuntersuchung geben. Es gibt Frauen, die sagen, es schmerzt alles und überall, das ist meistens keine Endometriose. Aber wenn ich beim Abtasten einer Betroffenen an einen ganz bestimmten Punkt komme und die Frau daraufhin fast an die Decke geht vor Schmerzen, kann es sehr wahrscheinlich sein, dass man dort Endometriose findet. Aber wie gesagt, auch das muss keine Garantie sein. Letztlich ist eine Bauchspiegelung die Standardoperation zur Diagnose – und gleichzeitig auch zur Therapie der Endometriose.

Kombinierte Therapie aus Operation und Hormonen

BT: Das heißt, die Endometrioseherde können operativ entfernt werden?
Hornung: Ja, in unserer Klinik führen wir pro Jahr rund 300 solcher Operationen durch. Das können kleine OPs sein, oft handelt es sich aber auch um sehr schwere Operationen von über vier Stunden.

BT: Und nach der OP ist die Krankheit dann überstanden?
Hornung: Leider ist das nicht so einfach. Die OP ist eine gute Therapiemöglichkeit, aber nicht die Gesamtlösung, denn mit der OP ändern wir ja nicht die Gene. Das heißt, Betroffene haben weiterhin die Neigung, wieder Endometriose zu bilden – meist an derselben Stelle wie zuvor. Die besten Erfolge bringt deshalb meist eine kombinierte Therapie aus Operation und anschließender medikamentöser Behandlung, etwa mit der Pille oder Hormonspirale. Dadurch ist das Rückfallrisiko meist geringer. Eine Garantie gibt es aber nicht.

Mehr zum Thema: Die gebürtige Ötigheimerin Annika Weßbecher leidet seit mehreren Jahren an Endometriose. Mit dem BT hat sie über ihren Leidensweg gesprochen.


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