Von Ruhrpott-Tränen und deutschem WM-Liedgut

Baden-Baden (rap) – Sommermärchen, Olympia, Bundesliga-Titelkampf: BT-Redakteur Christian Rapp unternimmt während der Corona-Quarantäne eine digitale Reise durch die Sportwelt.

Vierter Stern für Deutschland: Mario Götze (links) trifft zum 1:0-Siegtreffer im WM-Finale 2014. Foto: Azubel/EPA/dpa

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Vierter Stern für Deutschland: Mario Götze (links) trifft zum 1:0-Siegtreffer im WM-Finale 2014. Foto: Azubel/EPA/dpa

Die Entzugserscheinungen sind nicht mehr zu leugnen. Spätestens an Tag vier der Quarantäne dämmert es mir: Mir fehlt der Sport. Als Redakteur auf der Arbeit, als Fußballer beim FC Gernsbach oder zuhause vor der Mattscheibe. Was würde ich jetzt dafür geben, so ein trostloses Zweitliga-Gekicke zwischen dem SV Sandhausen und Darmstadt 98 zu sehen? Da ist es nur ein kleiner Trost, dass ich in den eigenen vier Wänden mit Klopapier jongliere, Papierkugeln in bester Dirk-Nowitzki-Manier im Mülleimer versenke und das Sockenpaar wie Uwe Gensheimer mit einem angedrehten Wurf in der Schublade verschwinden lasse.

Rückblende: Ich war Skifahren. In Ischgl. Neben dem obligatorischen Muskelkater habe ich leider auch das Coronavirus für mich – und großzügigerweise als Souvenir für meine Freundin – mitgebracht. Zum Glück haben wir, im Gegensatz zu vielen anderen Infizierten, einen relativ milden Verlauf der Krankheit.

Also häusliche Quarantäne. Seitdem besteht mein Leben aus essen, Zeitung lesen, essen, lesen (Biografien von Dirk Nowitzki, Jupp Heynckes und Norbert Elgert), Couchsurfing, Glotze, essen, schlafen. Ach ja, nicht zu vergessen die Diskussionen über Putzaktionen und unzählige To-do-Listen. Um diesen zu entgehen, die ja doch kein Mann gewinnen kann, bleibt nur ein Ausweg: Kopfhörer rein, Youtube an!

Geburtsstunde der „Meister der Herzen“

Meine erste Suchanfrage lautet „Fußball, WM“. Erster Treffer: Ein Zusammenschnitt vom Sommermärchen 2006. Ich sehe Philipp Lahm nach dem Halbfinal-Aus mit hängendem Kopf in der Kabine sitzen. Fast so, als wäre einem Schuljungen das Pausenbrot geklaut worden. Oliver Kahn spielt mit Turnschuhen und bis zu den Knien hochgezogenen Stutzen Beachvolleyball, Schweini und Poldi philosophieren über das Leben und teilen sich Chips. „Ach waren das wundervolle Wochen“, denke ich, „mit die schönsten in meinem Leben.“ Autokorso, Bier, Sonne. Doch jede Party ist einmal zu ende – für „Schland“, als Fabio Grosso, dieser grobschlächtige italienische Verteidiger, im Halbfinale mitten hinein ins Herz von 82 Millionen Deutschen schlenzt. Der Traum vom WM-Titel ist aus, Xavier Naidoo trällert am Brandenburger Tor noch „Dieser Weg“. Ende!

Auf dem Weg zur Meisterschaft: Dirk Nowitzki (am Ball) versenkt gegen die Miami Heat einen Korb. Foto: Zurga/dpa

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Auf dem Weg zur Meisterschaft: Dirk Nowitzki (am Ball) versenkt gegen die Miami Heat einen Korb. Foto: Zurga/dpa

Mein Weg durch die digitale Welt führt mich weiter, direkt ins alte Parkstadion in Gelsenkirchen. Und in den Hamburger Volkspark. Bundesliga-Meisterfinale 2001. Schalke gewinnt gegen Unterhaching – und hofft auf Hamburg (was für verrückte alte Zeiten!). Und tatsächlich: In Minute 89 köpft HSV-Stürmer Sergej Barbarez eine Flanke in die Maschen. Schlusspfiff auf Schalke. Fans stürmen den Platz. Premiere-Reporter Rollo Fuhrmann bestätigt Schalkes Mittelfeldspieler Andreas Müller, dass die Bayern verloren haben. „Ich liebe Hamburg“, sagt Müller. Die frohe Botschaft verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Parkstadion, S04-Manager Rudi Assauer reißt die Fäuste hoch, nimmt bereits einen Siegeszug von der Zigarre und umarmt gefühlt jeden Anhänger.

Doch dann geht die Videoleinwand an. Das Spiel in Hamburg läuft noch. Mehrere Tausend Schalker bibbern auf dem Rasen mit. 350 Kilometer entfernt pfeift Schiedsrichter Markus Merk in der Nachspielzeit im Hamburger Strafraum einen indirekten Freistoß für die Bayern. Patrik Andersson läuft an, findet die klitzekleine Lücke in der Hamburger Mauer und wuchtet den Ball ins Gehäuse. „Toooor, die Bayern sind Meister“, schreit Kommentator Marcel Reif. Oliver Kahn liebkost die Eckfahne. Hitzfeld hüpft vor Freude. In Gelsenkirchen hüpft niemand. Kollektives Weinen im Ruhrpott. Geburtsstunde der „Meister der Herzen“. „Ab heute glaube ich nicht mehr an den Fußballgott“, verkündet Assauer.

„Immer diese Dusel-Bayern“, murmele ich vor mich hin. Ich bin etwas wütend, der Puls geht hoch. Ich brauche schleunigst ein Gegenmittel. Ich tippe „Champions-League-Finale 1999“ ein. Nachspielzeit. Ecke Beckham, Vorlage Giggs, Tor Sheringham. Ausgleich. 93. Minute. Ecke Beckham, Verlängerung Sheringham, Tor Solskjaer. Flick-Flack von Schmeichel im United-Tor. Manchester stürzt den FC Bayern ins Tal der Tränen. Ich seufze erleichtert. „Auch die Bayern können Tragödien“, denke ich.

Klinsi trällert „Far away in America“

Genug Fußball, meine Reise geht über den Großen Teich, rein in die NBA. Ich fiebere 45 Minuten lang mit Dirk Nowitzki und seinen Dallas Mavericks auf dem Weg zum Meistertitel 2011 mit. Die packende Finalserie gegen die Miami Heat, das unglaubliche Comeback in Spiel zwei. In der Hauptrolle der große Blonde aus Würzburg. Plötzlich erinnere ich mich, wie ich das Spiel sechs mitten in der Nacht im heimischen Keller vor dem Laptop verfolgt habe. Bei jedem Wurf der Mavs mitgezittert und mitgelitten habe – bis der Sieg eine Minute vor Schluss feststand, Nowitzki mit Tränen in den Augen allein Richtung Kabine marschiert. Nicht nur Deutschlands Basketball-Legende verdrückt an diesem Tag Tränen, sondern auch ein 23-jähriger Gernsbacher. Doch bevor beim Anblick der Bilder meine Augen erneut feucht werden, klicke ich weiter und ziehe mir Highlightvideos von Michael Jordan, Kobe Bryant und Lebron James rein.

Freudenschrei: Gewichtheber Matthias Steiner ist nach Olympia-Gold 2008 in Peking überwältigt. Foto: Yongrit/dpa

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Freudenschrei: Gewichtheber Matthias Steiner ist nach Olympia-Gold 2008 in Peking überwältigt. Foto: Yongrit/dpa

Genug Mannschaftssport, jetzt ist Olympia dran. Suchanfrage „Bewegende olympische Momente“. Treffer: Sturz Herrmann Maier in Nagano 1998. „Nein, danke“, denke ich mir. Das Skifahren hat mir ja die ganz Malaise der Quarantäne überhaupt erst eingebrockt. Dann doch lieber die Heldentat von Gewichtheber Matthias Steiner 2008 in Peking, Laura Dahlmeiers Biathlon-Festspiele in Pyeongchang 2018 oder das packende Beachvolleyball-Finale mit Brink/Reckermann 2012 in London. „Schade, dass ich auf Olympia dieses Jahr verzichten muss“, sage ich leise. Dafür schlägt mir Youtube das Olympialied von 1988 vor – Whitney Houstons „One moment in time“. Nein, danke!

Aber bisschen Musik könnte jetzt wahrlich nicht schaden. Nächste Suchanfrage: „Deutsche Nationalmannschaft, WM, Lieder“. Wenige Sekunden später summe ich mit den WM-Helden von 1974 „Fußball ist unser Leben“, begebe mich mit Udo Jürgens und dem 90er-Team Richtung Brenner (legendäre Textzeile: „Wir sind schon auf dem Brenner, wir brennen schon darauf“), bis meine musikalische Reise bei den Village People und der DFB-Elf von 1994 den Höhepunkt erreicht. Ich sehe einen spärlich bekleideten Bauarbeiter, neben ihm ein komisch tanzender Polizist – und direkt dahinter Jürgen Klinsmann, der voller Inbrunst „Far away in America“ mitgrölt und undefinierbare Zuckungen von sich gibt. Ich frage mich, ob in diesem Moment Klinsis Liebe zu Amerika entfacht wurde.

„Das ist doch Wahnsinn!“

Genug. Meine Ohren bluten, die Augen sind verstört, meine Sinne verwirrt. Ich brauche schleunigst Abwechslung. Glücksgefühle, pure Emotionen. „WM-Finale 2014, Verlängerung.“ Tom Bartels kommentiert den Abnutzungskampf zwischen Deutschland und Argentinien. Der blutende Bastian Schweinsteiger schmeißt sich in jeden Zweikampf, so wie ein Gladiator im alten Rom, und Jérôme Boateng grätscht um sein Leben.

Und André Schürrle? Der sprintet in Minute 113 den linken Flügel entlang, die Gegenspieler im Schlepptau. Seine Flanke segelt in den argentinischen Strafraum. „Schürrle.... Der kommt an. Mach ihn! Er macht ihn! Mario Götze! Das ist doch Wahnsinn!“, schreit Bartels in sein Mikrofon. Ich lächle und jubel mit. Fast so, als wäre ich mittendrin in der deutschen Jubeltraube. Ich blicke hoch vom Handy. Meine Freundin steht vor mir. Mit dem Putzlappen in der Hand.

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Erstellt:
3. April 2020, 07:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 4min 31sec

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