Von „Warnhalt“ bis zur „Ypsilonburg“

Baden-Baden (fvo) – In Baden-Baden läuft die Ansagestimme in den Bussen mittlerweile digital. Bevor dabei alles rund lief, mussten allerdings erst noch einige Kinderkrankheiten beseitigt werden.

Der Alleskönner: Der Bordcomputer druckt nicht nur Fahrscheine, sondern sorgt nicht zuletzt auch für die „Stimme aus dem Off“. Foto: Franz Vollmer

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Der Alleskönner: Der Bordcomputer druckt nicht nur Fahrscheine, sondern sorgt nicht zuletzt auch für die „Stimme aus dem Off“. Foto: Franz Vollmer

Das kleine Männchen, das in Wirklichkeit ein Frauchen ist, sitzt heute im Fahrkartendrucker. Es wird nie heiser, es verplappert sich nicht und es klingt idealerweise freundlich-weiblich. Was man auch erwarten darf an Perfektion bei einer digitalen Ansage, wie sie seit über vier Jahren Standard in den Bussen in Baden-Baden ist.

„Das gesamte Gerät ist inklusive Ansagetechnik rechnergesteuert und mittlerweile integraler Bestandteil des Betriebsleitsystems, mit dem es permanent verbunden ist“, erklärt Stefan Güldner, Leiter der Verkehrsbetriebe. Mit andern Worten eine Art Kombigerät, das bei Weitem „nicht nur für Kartenverkauf zuständig ist“, so Güldner. Neuerdings eben auch für die Ansage im Bus.

Computerstimme informiert in Echtzeit

Wo früher noch eine eingespielte Stimme vom Band (ob Agentur oder Radiosprecher) das separate Sprechgerät bestückte und ganz früher sogar der Fahrer selbst ins Mikro seine Ansage raunte, ist heute eine computer-erzeugte Stimme zu vernehmen, die nicht nur mit „einem entsprechenden Klang“ (Güldner), sondern auch mit essenziellen Infos aufwarten kann, wohlgemerkt in Echtzeit. Dazu gehört etwa die flexible Einarbeitung von aktuellen Umleitungen oder Baustellen sowie geänderten Haltepunkten. „Sobald sich der Bus per Fernübertragung ins W-Lan einloggt, erfolgt das entsprechende Update“, erklärt Güldner.

Kein Vergleich jedenfalls zum semi-analogen Vorläufermodell. Das bestand aus einem separaten Ansagegerät, das von einem Bordcomputer je nach Haltefolge sprich Haltestellen das nötige Signal erhielt. 80er-Jahre-Technik eben, die vor allem den kolossalen Nachteil hatte, dass man bei Änderungen die entsprechenden Ansagen neu einspielen musste – und das in jedem einzelnen Bus.

Es musste „einiges ausprobiert werden“

Seit der digitalen Umstellung und der Einführung des Fahrscheindruckers ist das Schnee von gestern. Ganz zu schweigen von der Tatsache, dass der Fahrer nach alter Väter Sitte alle Fahrkartentypen in Blockform mit sich führen musste.

Bis die computergesteuerte Stimme indes – sie wird von Verkehrsbetriebsmitarbeitern eingegeben und gepflegt – rund lief, waren allerdings erst einmal diverse Kinderkrankheiten zu eliminieren. Da musste laut Güldner „einiges ausprobiert werden“.

Verständlichkeit geht vor Wohlklang

So erinnert sich nicht nur Stadtpressesprecher Roland Seiter an einige kuriose Beispiele: angefangen bei „Warnhalt“ („Der Computer hatte offenbar Probleme, V und W zu unterscheiden“) über „drei min“ Verspätung für Minuten bis hin zur unvergesslichen „Ypsilonburg“, um nur einige Highlights zu nennen.

Das Ideal der Durchsage liegt heute übrigens weniger auf Wohlklang denn auf Verständlichkeit. Ganz im Gegensatz zu den Zeiten, als der Busfahrer noch selbst das Mikro in die Hand nahm – was mitunter nicht über ein Nuscheln hinauskam, bestenfalls reingedröhnt oder zart hineingehaucht war und das womöglich, als der Bus schon längst stand.

Auch inhaltlich haben sich die Ansagen längst verschlankt, Fahrgäste zutexten ist tabu. Stattdessen gilt, die Balance zu wahren zwischen so wenig Infos wie möglich und so viel wie nötig – was nicht zuletzt auch für aktuelle Coronaregeln gilt. „Irgendwann schalten die Fahrgäste schließlich ab“, so Güldner.

So manche Durchsagen haben Unterhaltungswert

Allerdings hat auch so manche Länge durchaus Unterhaltungswert, wenn etwa Fahrer XY im Vorgriff auf eine nicht vorhandene Moderatorenkarriere die Wartezeit im Stau zur Flugreise oder zum Landemanöver mutieren ließ („Sehr geehrte Fahrgäste, wir befinden uns gerade im Anflug auf die Große Dollenstraße“). Und selbst bei professionellen Bandansagen per Agentur oder Nachrichtensprecher war immer noch Menschlich-Allzumenschliches dabei. Vor allem, wenn man mangels Ortskenntnis Ebersteinburg in der Mitte betont.

Und wie sieht es aus beim Timing der Durchsage? Die Tendenz geht zu „eher frühzeitig“, zumindest so, dass keine Hektik beim Aussteigen aufkommt, gerade bei Gästen, die schlecht zu Fuß sind. Schon bei der älteren Bandansagen-Technik wurde bei der Haltestellenabfahrt ein Impuls ausgelöst, mit dem das Ansagegerät angesteuert wurde. Im jetzigen Zeitalter der digitalen Echtzeitinfo sind, in Verbindung mit gängiger GPS-Ortung, ohnehin nicht nur alle Haltstellen punktgenau hinterlegt, sondern auch die Soll- und tatsächlichen Istzeiten des Busses jederzeit abrufbar. Bei Überlandfahrten mit langen Zwischenabschnitten kann sich die Ansage auch kurz vor dem erneuten Halt wiederholen.

Auf mehrsprachige Ansagen wird indessen – trotz des internationalen Renommees von Baden-Baden – auch aus Gründen des zeitlichen Umfangs weitgehend verzichtet. Einzig die Stadtmitte/Leo („City“) und der Bahnhof („Main station“) sind zwei Destinationen von touristischer Tragweite und daher mitunter auch in Englisch realisiert. Die Beibehaltung der Frauenstimme wiederum als Option war für Güldner derweil seinerzeit „selbstredend“, wiewohl es auch Kommunen gebe, bei denen ein kleines Männchen im Drucker sitzt.

Ihr Autor

BT-Redakteur Franz Vollmer

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Erstellt:
10. Februar 2022, 08:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 3min 15sec

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