Von allen Seiten im Stich gelassen

Gernsbach/Weisenbach (stj) – Nach 140 Jahren gehen in der „Badischen“ die Lichter aus. Die Belegschaft ist sauer und tief enttäuscht.

„Game over“: Das Spiel ist aus, schreiben die Beschäftigten der Karton-Produktion bei Baden Board nach Beendigung ihrer letzten Schicht kurz vor Weihnachten. Foto: Stephan Juch

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„Game over“: Das Spiel ist aus, schreiben die Beschäftigten der Karton-Produktion bei Baden Board nach Beendigung ihrer letzten Schicht kurz vor Weihnachten. Foto: Stephan Juch

Ein gespenstisches Gefühl beschleicht einen beim Gang durch die riesige Produktionshalle. Die Maschinen, die bis kurz vor Weihnachten bei Baden Board Karton hergestellt haben, sind verstummt, nur noch vereinzelt sind Mitarbeiter zu entdecken, die das Abwicklungsteam in der „Badischen“ bilden. Voraussichtlich bis Mitte März wird zumindest im Packaging-Bereich noch gearbeitet, dann dürfte die 140 Jahre alte Geschichte der stolzen Fabrik endgültig Geschichte sein.

Das macht die Belegschaft sauer. Vor allem, weil „wir eine gute Überlebenschance gehabt hätten“. Das betonen mehrere Mitarbeiter und Betriebsräte im BT-Gespräch. Ihre Namen möchten sie nicht in der Zeitung lesen, weil sie befürchten, dann zusätzliche Schwierigkeiten bei der Jobsuche zu bekommen. Beim Großteil handelt es sich um gut ausgebildete Fachkräfte, die im Murgtal tief verwurzelt sind. In ihrer Branche ortsnah eine Alternative zu finden, dürfte für viele von ihnen Wunschdenken bleiben. Die Angst vor der Zukunft ist beim Pressegespräch greifbar. An den rund 280 Schicksalen hängen meist auch Familien, deren Zukunft jetzt im Ungewissen liegt.

Keine Unterstützung örtlicher Politiker

Die Enttäuschung bei den Beschäftigten von Baden Board ist groß und breit gefächert. Da wären die „Finanzjongliererei“ und das undurchsichtige Konglomerat an Beteiligungen, die das Unternehmen letztlich ins Abseits manövriert hätten. Da wäre die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), deren zuständige Betreuer vom Bezirk Karlsruhe aus Sicht der Betroffenen viel zu wenig unternommen haben, um den Betrieb zu retten. Und nicht zuletzt fragen sich die nun von der Arbeitslosigkeit bedrohten Kollegen, warum sich „die Politik einen Dreck um die Leute kümmert?“ Weder die Bürgermeister Julian Christ (Gernsbach) und Daniel Retsch (Weisenbach), noch die hiesigen Landtags- und Bundestagsabgeordneten hätten sich vor Ort erkundigt oder ihre Unterstützung angeboten. Bei Baden Board fühlt man sich von allen Seiten im Stich gelassen.

Dabei sah es im Herbst noch gut aus, als der schwedische Konzern Fiskeby Board den traditionsreichen Karton- und Verpackungsspezialisten mit seinen Werken in Obertsrot und Weisenbach übernehmen wollte. „Das war alles in trockenen Tüchern, der Vertrag unter Dach und Fach“, erinnern sich die Betriebsräte. Doch dann sei Fiskeby quasi „über Nacht abgesprungen“ und das Unheil nahm seinen Lauf. Es folgte die zweite Insolvenz, die für das energieintensive Unternehmen vor allem durch fehlende Langfristverträge für die Gaslieferung letztlich der Todesstoß war. „Das ist extrem bitter“, bedauern die Mitarbeiter von Baden Board, zumal die Auftragsbücher voll gewesen seien und es zudem ernsthafte Interessenten auf dem Markt gegeben habe, die am Standort weiter produzieren wollten.

150.000 Tonnen Karton fehlen auf dem Markt

Die Karton-Nachfrage ist ungebrochen groß. Dem Markt fehlen jetzt aber 150.000 Tonnen, die bei Baden Board pro Jahr produziert wurden. Und schon hat die in direkter Nachbarschaft vertretene Mayr-Melnhof Karton AG, die Gebäude und Flächen der Baden Board GmbH aufgekauft hat, eine Preiserhöhung für Recyclingkarton angekündigt: Für alle Lieferungen ab 1. März 2022 erhebt das Unternehmen mit Hauptsitz in Wien einen Aufschlag in Höhe von 155 Euro pro Tonne. Das meldet der Branchendienst Euwid.

Das Aus für das im Murgtäler Volksmund „Badische“ genannte Unternehmen hat Folgen für andere Verarbeitungswerke, wissen die Betroffenen: „Die Mitbewerber überlegen aktuell, wie sie das kompensieren können.“ Der Rattenschwanz, den der Wegfall von Baden Board hinter sich her zieht, ist lang. Er trifft nicht nur Verarbeitungswerke fernab des Murgtals, sondern auch viele Betriebe vor Ort: Speditionen, Container-Dienst, Palettenhersteller, Maschinenbauer, Handwerker, Monteure, Catering, Reinigungskräfte. Und die Auszubildenden, die bei Baden Board lernen, müssen schauen, wo sie ihre Lehre zu Ende bringen können.

Systemfehler: Ein Kommentar von Stephan Juch

Die traurige Entwicklung der einst stolzen Badischen Karton- und Pappenfabrik in Obertsrot und Weisenbach weist deutliche Parallelen auf zur Geschichte von Wolfsheck: Als Stora Enso 2006 seinen Standort in Forbach an eine Beteiligungsgesellschaft verhökerte, war nur ein Jahr später endgültig Feierabend in der traditionsreichen Papierfabrik auf Gemarkung Langenbrand, rund 180 Arbeitsplätze waren Geschichte. „Kaufen, plündern, wegwerfen“ – so beschrieb man das Geschäftsgebaren der „Heuschrecken“. Diesen tierischen Vergleich prägte der frühere Arbeitsminister Franz Müntefering (SPD) 2005 als Synonym für aggressiven Kapitalismus. Schade, dass die Sozialdemokraten es trotz jahrelanger Regierungsverantwortung bis heute nicht geschafft haben, rücksichtslosen Finanzinvestoren den Garaus zu machen. Denn die treiben weiter ihre unrühmlichen Blüten – auch zum Leidwesen des Murgtals, wie das aktuelle Beispiel Baden Board zeigt.

Münteferings Parteikollegin Gabriele Katzmarek war Bezirksleiterin der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) in Karlsruhe, als sich das Wolfsheck-Drama abspielte. Damals machte die Gewerkschafterin mächtig Wirbel und legte sich mit der Unternehmensgruppe Karl (Innernzell) an, die Wolfsheck aufgekauft hatte. Katzmarek organisierte unter anderem zwei voll besetzte Busse, die mehr als 100 Demonstranten aus dem Murgtal nach Niederbayern brachten, um dort auf das Schicksal der ehemaligen Papierfabrik in Forbach aufmerksam zu machen. Auch wenn es letztlich nichts gebracht hat, hatten die Arbeitnehmer damals zumindest das Gefühl, dass für sie gekämpft wird. Das ist jetzt bei der „Badischen“ nicht der Fall. Keine Demos, keine Mahnwachen, noch nicht mal Stellungnahmen der hiesigen Abgeordneten, keine Unterstützung der Bürgermeister. Auch wenn der Einfluss letztlich gering sein dürfte, hätten die rund 280 Beschäftigten, die nun vor der Arbeitslosigkeit stehen, schon erwarten können, dass sich die Politiker vor Ort für sie einsetzen. Es ist bezeichnend, dass der CDU-Bundestagsabgeordnete Kai Whittaker auf eine Instagram-Anfrage zu ihrer Situation verlauten lässt, dass sich ein Unternehmen rechnen müsse. Auf diese bahnbrechende Erkenntnis reagierten wiederum die Vorsitzenden der SPD Gernsbach, Johanna Wilhelm-Lang und Nico Fatebene, und warfen Whittaker vor, bei seiner Äußerung „zu kurz gedacht“ zu haben. All das hilft den Beschäftigten von Baden Board nichts. Statt in den Sozialen Medien Floskeln abzusetzen und diese auch noch zu kommentieren, hätten die lokalen Vertreter der großen Parteien lieber mal echten Kontakt zu den Betroffenen suchen sollen. Und in Berlin sollten sie schleunigst damit anfangen, Gesetze zu erlassen, die das Geschäftsgebaren der „Heuschrecken“ unter Strafe stellen und diesen Systemfehler des Kapitalismus beheben.


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