Von angeblichem Geheimgang fehlt jede Spur

Rastatt (sl) – Das Schloss Favorite kennen viele, aber wer ist schon einmal in seinem Keller gewesen? Im Rahmen der Serie „Unterirdisch“ ist das BT in das Gewölbe hinabgestiegen.

Aufrecht stehen kann Paul-Ludwig Schnorr in den meisten Räumen des Schlosskellers nicht. Der Boden wurde in den 1970er-Jahren angehoben, weil immer wieder Wasser im Gewölbe stand. Foto: Frank Vetter

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Aufrecht stehen kann Paul-Ludwig Schnorr in den meisten Räumen des Schlosskellers nicht. Der Boden wurde in den 1970er-Jahren angehoben, weil immer wieder Wasser im Gewölbe stand. Foto: Frank Vetter

Die Geschichte, dass ein geheimer unterirdischer Verbindungsgang nach Schloss Favorite existiert, in dem Markgräfin Sibylla Augusta – womöglich gar in einer Kutsche – ungesehen in ihr stilles Refugium flüchten konnte, hört man immer wieder. Beweise dafür gibt es nicht – und den Gang hat es mit großer Sicherheit nie gegeben. Trotzdem birgt der Schlosskeller interessante Entdeckungen.

Anders als das Schloss in Rastatt war Schloss Favorite aber tatsächlich ein Rückzugsort, wo Sibylla Augusta und ihre Söhne Abstand vom Zeremoniell der Residenz gewinnen konnten. Auf Prunk mussten sie dennoch nicht verzichten, wobei die Fürstin in Favorite auch die Hausfrau spielte, wenn sie Besucher durch die aufwendig ausgestattete Küche führte. Gekocht wurde dort nie – es handelt sich um eine reine Schauküche. Deshalb ist es auch nicht sicher, ob die Markgräfin jemals den Keller unter ihrem Lustschloss betreten hat.
Falls sie es tat, konnte sie damals dort noch aufrecht stehen, hätte aber vielleicht nasse Füße bekommen. Der Boden lag seinerzeit ein gutes Stück tiefer, in den 1970er Jahren wurde er bei einer Sanierung des Schlosses angehoben, weiß Schlossverwalter Gerd Haferkorn. „Schloss Favorite steht auf einer Lehmscholle“, ergänzt Paul-Ludwig Schnorr, der als freier Mitarbeiter im Auftrag der Staatlichen Schlösser und Gärten gelegentliche Rundgänge „vom Keller bis zum Dach“ anbietet. Er und seine Gäste müssen im Gewölbe also den Kopf einziehen. Dafür steht auch nach längeren Regenperioden heute kein Wasser mehr im Gewölbe – anders als auf dem Rasenparterre südlich des Schlosses, das früher einmal ein Becken war.

Labyrinthartige Räume

Neun labyrinthartige Kellerräume verbergen sich unter Favorite, nehmen aber insgesamt nicht den vollen Grundriss des oberirdischen Gebäudes ein. Ähnlich wie in Rastatt war bei Förch zuerst ein kleineres Schlösschen geplant und bereits begonnen, als die Bauherren ihre Pläne änderten. Der Keller von Schloss Favorite entspricht eher dem ursprünglichen Entwurf. Es gibt aber noch mehr Indizien: Wer in den Fluren des Erdgeschosses die (teils vermauerten) Fenster und die Türen genau mustert, denkt eher an eine Außenfassade. Der Blick zum Fußboden streift außerdem die Kellerfenster, die sich heute nicht mehr nach draußen öffnen, sondern in einen Gang. Im heutigen Schloss Favorite steckt also ein kleinerer Bau, um den einfach „drumherumgebaut“ wurde. Dieser frühere Entwurf war wohl nicht für längere Aufenthalte gedacht, erklärt Schnorr, sondern eher ein Ausflugsziel für ein paar Mußestunden.

Geschichten über angebliche Tunnel gibt es auch anderswo

Was zur Zeit der Markgräfin und ihrer Nachfolger im Keller gelagert war, weiß auch Schnorr nicht. Klar ist aber, dass im Park von Favorite Jagden und große Feste stattfanden, zum Beispiel zu den Geburtstagen des Erbprinzen. Es werden wohl Vorräte gewesen sein, die in der angenehmen Kühle zumindest etwas länger frisch blieben. Das legt auch eine Tür in der echten Schlossküche, in der wirklich gekocht wurde, nahe. Sie erlaubt einen bequemen Zugang zur Kellertreppe. Heute sind die sorgfältig gemauerten, eingewölbten und weiß verputzten Kellerräume jedenfalls vollkommen leer.

Und wo ist nun eigentlich der Zugang zu dem unterirdischen Geheimgang, der Richtung Rastatt führt, womöglich gar bis zum Residenzschloss? Im Keller von Favorite lässt er sich – genau übrigens wie im Keller des Residenzschlosses – nicht finden. „Die Geschichte ist ja auch Quatsch“, ist Schlossverwalter Haferkorn überzeugt. Und trotzdem wird sie von Schlossbesuchern immer wieder mal erzählt – wie übrigens in vielen alten Schlössern, Burgen oder Klöstern.

Dass es einen solchen Geheimgang je gegeben hat, verneint auch Stadtarchivar Oliver Fieg, der zwar den Zeitgenossen von damals allerhand zutraut, aber nicht den Bau eines solch langen Tunnels, der überdies auch noch unter der Murg hindurchgeführt haben müsste.

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Erstellt:
6. September 2020, 21:00 Uhr
Lesedauer:
ca. 2min 53sec

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